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Sonntag, 22. März 2026

Playlist #445 vom 22.03.2026 - PETER WEIR Special

Mit sechs Oscar-Nominierungen für seine Arbeiten an Filmen wie „Der Club der toten Dichter“, „Die Truman Show“ und „Der einzige Zeuge“ zählt Peter Weir zu den prominentesten australischen Filmemachern und wurde 2022 verdientermaßen mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Da lag sein letzter Film „The Way Back“ (2010) bereits zwölf Jahre zurück. Grund genug, Peter Weir mit einer Retrospektive zu ehren. Schließlich hat er auch bei der Auswahl der Musik für seine Filme stets ein gutes Händchen bewiesen. In dieser Sendung gibt es neben der original für seine Werke komponierten Musik von Bruce Smeaton, Maurice Jarre, Iva Davis, Christopher Gordon, Hans Zimmer und Burkhard Dallwitz auch verwendete Tracks von Vangelis, Jean Michel Jarre, Philip Glass, Tomaso Albinoni, Beethoven und Mozart zu hören. 
Peter Weir wurde am 21. August 1944 in Sydney geboren und besuchte das Scots College und die Vaucluse Boys High School, bevor er an der Universität Sydney Kunst und Jura studierte. Sein Interesse am Film wurde durch die Begegnung mit Kommilitonen geweckt, darunter Phillip Noyce und die späteren Mitglieder des Sydneyer Filmkollektivs Ubu Films.
Nach seinem Universitätsabschluss Mitte der 1960er Jahre begann er beim Sydneyer Fernsehsender ATN-7 als Produktionsassistent für die bahnbrechende satirische Comedy-Sendung „The Mavis Bramston Show“. Während dieser Zeit drehte Weir mit den Einrichtungen des Senders seine ersten beiden experimentellen Kurzfilme „Count Vim's Last Exercise“ und „The Life and Flight of Reverend Buck Shotte“.
Bei der Commonwealth Film Unit drehte Weir mehrere Dokumentarfilme sowie einen Spielfilm.
Mit dem Kurzfilm „Three Directions in Australian Pop Music“ (1972) fasste Weir Konzertaufnahmen von drei der bedeutendsten Rockbands aus Melbourne jener Zeit zusammen: Spectrum, The Captain Matchbox Whoopee Band und Wendy Saddington. Weirs letzte größere Arbeit für die CFU befasste sich mit einem benachteiligten Vorort von Sydney, „Whatever Happened to Green Valley“ (1973). Dabei wurden die Bewohner eingeladen, eigene Filmsequenzen zu drehen.
Weirs erster großer Independentfilm war der Kurzfilm „Homesdale“ (1971), eine schräge schwarze Komödie. Für seinen nächsten, ersten abendfüllenden Spielfilm ließ sich Weir von einem Pressebericht inspirieren, den Weir über zwei junge Engländerinnen gelesen hatte, die während einer Autoreise in Frankreich verschwunden waren. „Die Autos, die Paris auffraßen“ (1974) war eine Low-Budget-Komödie um eine Stadt, die ihre Existenz der fragwürdigen, doch allgemein anerkannten Praxis verdankt, verunglückte Autos und ihre Insassen auszuschlachten, und überzeugte weniger durch komplex gezeichnete Figuren und einen dramatischen Plot, sondern durch ihre außergewöhnliche Ausgangsidee einer zutiefst amoralischen Gesellschaft, die ungeniert Gewinn aus dem Schaden anderer Leute zieht, und Peter Weirs ausdrucksstarke Bildsprache.
Der Film war in den Kinos nur mäßig erfolgreich, erfreute sich aber großer Beliebtheit in den damals florierenden Autokinos.
Mit diesem Film, zusammen mit dem früheren „Homesdale“, etablierte Weir das thematische Grundmuster, das sein gesamtes Schaffen prägte: Fast alle seine Spielfilme handeln von Menschen, die in eine Krise geraten, nachdem sie auf die eine oder andere Weise von der Gesellschaft isoliert wurden – sei es physisch („Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Die Truman Show“, „Master and Commander“), sozial/kulturell („Picknick am Hanging Rock“, „Die letzte Flut“, „Der Club der toten Dichter“, „Green Card“) oder psychisch („Fearless“).
Weirs großer Durchbruch in Australien und international gelang ihm mit dem opulenten, atmosphärischen Historienfilm „Picknick am Valentinstag“ (1975), der mit erheblicher Unterstützung der staatlich geförderten South Australian Film Corporation entstand und in Südaustralien und im ländlichen Victoria gedreht wurde. Basierend auf dem Roman von Joan Lindsay und angesiedelt um die Jahrhundertwende, erzählt der Film die angeblich wahre Geschichte einer Gruppe Schülerinnen eines exklusiven Mädcheninternats, die am Valentinstag 1900 auf mysteriöse Weise während eines Schulausflugs verschwinden. Der Film gilt weithin als Schlüsselwerk der australischen Filmrenaissance Mitte der 1970er-Jahre und war der erste australische Film seiner Zeit, der sowohl von der Kritik gefeiert als auch international in den Kinos gezeigt wurde.
Bereits im Prolog vermittelt Peter Weir seinem Publikum die Botschaft, dass bei einem Picknick am Valentinstag einige Mädchen spurlos verschwunden sind. Und trotzdem entfaltet die Geschichte eine Sogwirkung, die einfach grandios inszeniert ist. Die hypnotisch-flirrenden Bilder von Kameramann Russell Boyd („Forever Young“, „Master & Commander“) gehen mit den mystischen Panflötenklängen von Gheorghe Zamfir und dem verträumten Piano-Score von Bruce Smeaton eine stimmige Symbiose ein, die das Verschwinden der Mädchen wirklich zu einem übernatürlichen Ereignis werden lässt. Interessant kreiert Weir aber auch die Gegensätze zwischen der wilden, unberechenbaren Natur und den strengen Regeln in einem viktorianischen Mädcheninternat. Während die Frage nach dem Verbleib der Mädchen unbeantwortet bleibt, sind die darauffolgenden Ereignisse im Internat nur allzu vorhersehbar. Peter Weir gelingt es, die Geschehnisse hier und dort eindringlich miteinander zu verbinden.
Weirs nächster Film „Die letzte Flut“ (1977) war ein übernatürlicher Thriller über einen Mann, der von furchterregenden Visionen einer drohenden Naturkatastrophe heimgesucht wird. Der Film mit dem amerikanischen Schauspieler Richard Chamberlain in der Hauptrolle, der dem australischen und internationalen Publikum als Titelheld der beliebten Fernsehserie „Dr. Kildare“ bestens bekannt war, erzählt die Geschichte von Dr. Kildare. „Die letzte Flut“ war ein nachdenkliches, ambivalentes Werk, das die Themen von „Picknick am Valentinstag“ aufgriff und die Interaktionen zwischen der Kultur der Aborigines und der europäischen Kultur erforschte.
In erster Linie als Justizdrama ausgelegt, verlagert sich der Film zunehmend auf die Frage, inwieweit der weiße Anwalt auch die Gabe der Prophezeiung besitzt. Peter Weir hat die Problematik des Zusammenlebens zwischen den beiden Gesellschaftsformen ebenso subtil thematisiert wie die bedrohlichen Naturphänomene in Form von sintflutartigen Regenfällen, Hagelschauern und anderen typisch apokalyptischen Zeichen, wobei Richard Chamberlain überzeugend den skeptischen Beobachter darstellt.
Zwischen „Die letzte Flut“ und seinem nächsten Spielfilm schrieb und inszenierte Weir den ungewöhnlichen Low-Budget-Fernsehfilm „Wenn der Klempner kommt“ (1979). In den Hauptrollen waren die australischen Schauspieler Judy Morris und Ivar Kants zu sehen; die Dreharbeiten dauerten nur drei Wochen. Inspiriert von einer Erzählung von Freunden, ist es eine schwarze Komödie über eine Frau, deren Leben durch einen subtil bedrohlichen Klempner aus den Fugen gerät.
Mit seinem nächsten Film, dem historischen Abenteuerdrama „Gallipoli“ (1981), landete Weir einen großen australischen Erfolg und erntete weiteres internationales Lob. Das Drehbuch stammte vom australischen Dramatiker David Williamson; der Film gilt als Klassiker des australischen Kinos und trug maßgeblich dazu bei, Mel Gibson („Mad Max“) zum Superstar zu machen.
Peter Weir inszeniert den Großteil seines Dramas als ausgelassenen Abenteuerfilm, indem sich die Freunde, die sich freiwillig für den Einsatz australischer und neuseeländischer Truppen im Kampf gegen die mit den Nazis verbündeten Türken gemeldet haben, selbst bei ihren ersten Übungen in Ägypten noch lachend in die Arme fallen. Doch je näher die Geschosse der Türken an ihrem Gefechtsstand einschlagen, desto mehr wird ihnen der tödliche Ernst der Lage bewusst. Weir schürt ihr bewusst Ressentiments gegen die britischen Offiziere, die die australischen Truppen rücksichtslos gegen die gut in den Stellungen liegenden Türken verheizen. Auch wenn Weir damit über das Ziel hinausschießen mag, ist ihm mit „Gallipoli“ ein eindringliches Drama über eine Männerfreundschaft und die Sinnlosigkeit des Krieges gelungen, das zudem mit Jean-Michel Jarres Musik aus „Oxygene“ und das Tomaso Albinoni zugeschriebene „Adagio in g-Moll“ interessant vertont worden ist.
Der Höhepunkt von Weirs früher Karriere war die 6 Millionen Dollar teure multinationale Produktion „Ein Jahr in der Hölle“ (1982), in der erneut Gibson die Hauptrolle spielte, diesmal an der Seite von Hollywood-Star Sigourney Weaver. Der Film erzählt eine Geschichte über journalistische Loyalität, Idealismus, Liebe und Ehrgeiz im turbulenten Indonesien Sukarnos im Jahr 1965. Es handelte sich um eine Adaption des Romans von Christopher Koch, der teilweise auf den Erlebnissen von Kochs Bruder Philip, dem Journalisten Philip, beruhte. Philip war Jakarta-Korrespondent der ABC und einer der wenigen westlichen Journalisten in der Stadt während des Putschversuchs von 1965. Der Film brachte Linda Hunt (die im Film einen Mann spielte) einen Oscar als Beste Nebendarstellerin ein.
Der Film konzentriert sich nicht nur auf die romantische Beziehung, die sich zwischen dem Reporter und der Botschaftsangestellten anbahnt, sondern vor allem auf die Rolle, in der sich Hamilton selbst in dem ausbrechenden Bürgerkrieg sieht, ob er bereit ist, größere Opfer zu bringen, als es beispielsweise seine Kollegen tun, die sich allein auf die Berichterstattung aus sicherer Entfernung und diverse Ablenkungen beschränken. Allzu tief dringt das Drama dabei freilich nicht in die politischen Dimensionen des Bürgerkriegs ein. Vielmehr thematisiert Weir den immerwährenden universalen Konflikt zwischen (gesellschafts-)politischen Ereignissen und der Berichterstattung darüber.
Weirs erster amerikanischer Film war der erfolgreiche Thriller „Der einzige Zeuge“ (1985), der erste von zwei Filmen, die er mit Harrison Ford drehte. Er handelt von einem Jungen, der Zeuge des Mordes an einem verdeckten Polizisten durch korrupte Kollegen wird und sich daraufhin in seiner Amischen Gemeinde verstecken muss, um ihn zu schützen. Weir führte Regie bei Fords einziger Performance, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, während auch Kinderstar Lukas Haas für sein Filmdebüt viel Lob erhielt. „Der einzige Zeuge“ brachte Weir zudem seine erste Oscar-Nominierung als Bester Regisseur ein und war der erste von mehreren Filmen, die für den Oscar als Bester Film nominiert wurden – später gewann er zwei Oscars für den Besten Schnitt und das Beste Originaldrehbuch.
Es folgte der düsterere, weniger kommerzielle Film „Mosquito Coast“ (1986) nach einem Drehbuch von Paul Schrader („Taxi Driver“, „Katzenmenschen“), basierend auf Paul Theroux’ Roman.
„Mosquito Coast“ zeigt zunächst eine US-amerikanische Welt auf, die typisch für die westliche Zivilisation ist, eine Welt, in der Waren möglichst billig aus dem fernen Osten importiert werden und das Wohl des Einzelnen über dem der Gemeinschaft steht. Dass Allie Fox, dessen Erfindungen nur müde belächelt werden, weil sie keinen schnellen ökonomischen Nutzen bieten, dieser kapitalistischen Welt entfliehen möchte, lässt sich durchaus nachvollziehen. Interessant ist, dass er dieses Vorhaben so radikal und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Familie umsetzt und im tiefsten Dschungel den Eingeborenen das Leben noch luxuriöser bereiten möchte. Das verläuft natürlich nicht nach Plan, denn zum einen bekommt es Allie mit dem missionarischen Eifer eines Weißen zu tun, zum anderen mit rücksichtslosen Guerilla-Kämpfern, die Allies Errungenschaften drohen zunichtezumachen. Spätestens durch die Konfrontation mit dem Unwägbaren kippt die Stimmung, und Allie wird zum schwer erträglichen Tyrannen, unter dem vor allem seine Familie zu leiden hat. Weirs Fähigkeit und Faible, Eskapismus, Esoterik und Naturverbundenheit mit psychologischem Schrecken zu verbinden, wie er es in seinen in den 1970er Jahre entstandenen Filmen zum Ausdruck brachte, kommt auch in „Mosquito Coast“ zum Tragen.
Harrison Ford überzeugt dabei als leidenschaftlicher Kämpfer für die gute Sache, der allerdings über das Ziel hinausschießt, und die Konzentration auf die Dialoge, mit denen die Konflikte ausgetragen werden, machen „Mosquito Coast“ nicht gerade zugänglich. Doch als Drama, das den Kontrast zwischen Naturvölkern und vermeintlich fortschrittlichen Zivilisten zuspitzt, funktioniert der Film wunderbar.
Weirs nächster Film „Der Club der toten Dichter“ (1989) war ein internationaler Erfolg und präsentierte Robin Williams in der ungewohnten Rolle eines inspirierenden Lehrers in einer dramatischen Geschichte über Konformität und Rebellion an einem exklusiven Internat in Neuengland in den 1950er-Jahren. Der Film wurde für vier Oscars nominiert, darunter für den besten Film und die beste Regie. Er gewann den Oscar für das Beste Originaldrehbuch und verhalf den jungen Schauspielern Ethan Hawke und Robert Sean Leonard zum Durchbruch.
„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohl überlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht lebend war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“ Diese Zeilen aus Henry David Thoreaus (1817–1862) Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ steht als Leitspruch für Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“, der wunderbar aufzeigt, wie schwierig es ist, sich mit einer eigenen Persönlichkeit von der Masse abzuheben und ein Leben ganz nach seiner eigenen Bestimmung zu führen. Dabei bietet das Drama alles auf, was zur intellektuellen wie seelischen Ertüchtigung notwendig ist. Das fängt mit dem restriktiven, rückwärtsgewandten Internat an, das alles versucht, um die jungen Männer nach konservativen Werten und Tugenden zu formen, und Abweichungen von der Norm hart bestraft. Es genügt ein aufmerksamer, engagierter Freigeist im Lehrkörper, um die starren Bahnen des Lehrstoffs aufzubrechen und das individuelle Potenzial seiner Schüler freizulegen und zu fördern. Das gelingt bei den selbstbewussten Neil und Knox nahezu augenblicklich, bei dem schüchternen Todd braucht es schon stete Ermunterung, bis auch er aus dem Schatten seines Bruders, der zu den besten Absolventen von Welton gehört, heraustreten und für sich selbst sprechen kann. Das Oscar-prämierte Drehbuch von Tom Schulman wartet mit einer Menge stimulierender Gedichte der großen Romantiker auf, lässt den „Club der toten Dichter“ zu einer eingeschworenen Gemeinschaft werden und darf als Plädoyer für eine Ausbildung jenseits konventioneller Lehranstalten verstanden werden, um die Persönlichkeit zu formen. Auch wenn hier etwas oberflächlich in Schweißweiß-Kategorien gedacht wird, fasziniert Weirs Drama als Hommage an die großen romantischen Dichter und die Kraft der Poesie. Das ist wunderbar fotografiert und adäquat mit dem fesselnden Score von Maurice Jarre („Fearless – Jenseits der Angst“, „Lawrence von Arabien“) untermalt.

Weirs „Green Card“ (1990) brachte ihm für sein Original-Drehbuch eine Oscar-Nominierung ein und präsentiert eine an sich klassische RomCom vor einem ungewöhnlichen Hintergrund und spielt mit seinem Humor ganz auf die kulturellen, aber auch persönlichen Unterschiede zwischen seinen beiden Protagonisten ab. Während Gérard Depardieu („Camille Claudel“, „Cyrano De Bergerac“) in seiner ersten Hollywood-Arbeit sich sichtlich wohl in der Rolle des temperamentvollen Franzosen fühlt, verleiht Andie MacDowell („… und täglich grüßt das Murmeltier“, „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) ihrer spröden Figur die nötige Portion sinnlichen Charme, um sie für Georges attraktiv zu machen und auch das Publikum für sich einzunehmen. Das gelingt Brontë nämlich weniger durch ihr soziales Engagement für benachteiligte Kinder in den Slums, für die sie mit Phil, seinen Freunden und den Kindern Gärten in Hinterhöfen anlegt, sondern eher durch ihre zurückhaltende Art, mit denen sie ihre Vorurteile gegen den forschen Franzosen mit Leidenschaft fürs Kochen allmählich ablegt – ebenso wie Georges mit der Zeit feststellen muss, dass er durch Brontë ein Gefühl für Heimat entwickelt. Zwar bedient sich Peter Weir („Die Truman Show“, „Master and Commander“) der üblichen Klischees bei der Völkerverständigung, doch findet er stets amüsante und wenig aufgesetzte Varianten, damit zu spielen und sie so wirklich komisch wirken zu lassen. Auch wenn die Story und Inszenierung ganz auf die beiden charismatischen Hauptdarsteller ausgelegt ist, überzeugen auch der übrige Cast in oft nur wenig ausdifferenzierten Nebenrollen, vor allem aber der reduziert arrangierte, sehr melodische Score von Hollywood-Star Hans Zimmer („Gladiator“, „Hannibal“).
„Fearless – Jenseits der Angst“ (1993) kehrte zu düstereren Themen zurück und zeigte Jeff Bridges in der Rolle eines Mannes, der nach einem schweren Flugzeugabsturz glaubt, unbesiegbar zu sein.
Nach einem Drehbuch von Rafael Yglesias („From Hell“, „Dark Water – Dunkle Wasser“), der auch für die Romanvorlage verantwortlich gewesen ist, inszenierte Peter Weir ein Drama rund um dramatische Nahtoderfahrungen. Dabei beleuchtet er nicht nur die Auswirkungen eines traumatischen Flugzeugabsturzes auf die betroffenen Passagiere, sondern auch ihr Umfeld, das sich auf Anwälte auf der Jagd nach Schadensersatzansprüchen ebenso erstreckt wie auf Therapeuten und vor allem Familienangehörige. Die Randfiguren wie der von John Turturro („Barton Fink“, „Quiz Show“) gespielte Therapeut und der von Tom Hulce („Amadeus“, „Eine Wahnsinnsfamilie“) verkörperte Rechtsanwalt reißen die Aspekte der psychologischen Betreuung und der juristischen Konsequenzen aus einem solchen Unglück aber nur an, zudem können weder Turturro noch Hulce ihren Rollen überzeugend Profil verleihen. Da auch Isabella Rossellini („Blue Velvet“, „Seitensprünge“) als Max‘ Frau unterfordert bleibt, liegt es allein an Jeff Bridges („The Big Lebowski“, „König der Fischer“) und Rosie Perez („Night on Earth“, „Real Love“), dem Drama emotionales Gewicht zu verleihen. Peter Weir bleibt in seiner Inszenierung dicht an den Figuren, hebt die Betroffenheit, Hilflosigkeit und Sorge der Angehörigen ebenso hervor wie die öffentliche Aufmerksamkeit und das Gefühl der Überlebenden, eine Grenze überschritten zu haben. Beim etwas überdramatisierten Finale mögen sich zwar die Geister scheiden, doch insgesamt ist Weir vor allem dank seiner hervorragenden Hauptdarsteller und der eigenen feinsinnigen Inszenierungskunst ein starkes Drama gelungen, das einmal mehr von Maurice Jarre angenehm unaufdringlich vertont worden ist.
Nach fünf Jahren kehrte Weir mit seinem bis dato größten Erfolg zurück: „Die Truman Show“ (1998), eine Fantasy-Satire über die Kontrolle des Lebens durch die Medien mit Jim Carrey in der Hauptrolle. „Die Truman Show“ war sowohl an den Kinokassen als auch bei den Kritikern ein Erfolg und erhielt positive Kritiken sowie zahlreiche Auszeichnungen, darunter drei Oscar-Nominierungen: für Andrew Niccol (Bestes Originaldrehbuch), Ed Harris (Bester Nebendarsteller) und Weir selbst (Beste Regie).
Der von Jim Carrey verkörperte Versicherungsangestellte Truman weiß nicht, dass er seit seiner Geburt vor dreißig Jahren der Star der höchst erfolgreichen Serie „The Truman Show“ ist, in der er – unwissentlich – der Star ist und die von Christof (Ed Harris) produziert wird. Seine Frau, die immer wieder ausgewählte Produkte in die Kamera hält und anpreist (und mit dem Product Placement die Finanzierung der Show sicherstellt) ist ebenso eingeweiht wie Trumans bester Kumpel Marlon (Noah Emmerich). Während Truman vergeblich versucht, die Stadtgrenzen zu überqueren, wird er immer öfter Zeuge von mysteriösen Zufällen wie Regengüsse, die nur ihn treffen, oder Fahrstühle, hinter denen sich Menschen verbergen. Christof versucht natürlich, mit allen Mitteln Trumans Nachforschungen zu unterbinden, damit die Show wie gewohnt weiterlaufen kann…
Mit seinem Drehbuch für „Die Truman Show“ geht Andrew Niccol („Gattaca“, „S1m0ne“) dem vor allem philosophisch interessanten Gedankengang nach, inwiefern wir wirklich sind, wer wir zu sein glauben, und wie real ist die Welt, in der wir leben. Was ist Konstrukt, was Wirklichkeit? „Die Truman Show“ ist allerdings alles andere als schwer verdauliche Gehirnkost. Zwar wird früh offenbart, dass Trumans Leben sich in aller Öffentlichkeit abspielt, wenn es 24 Stunden lang, siebe Tage die Woche von 5000 Kameras eingefangen und live in die Wohnstuben der Fernsehzuschauer übertragen wird, doch die Story ist ganz auf Truman abgestimmt und seine Wahrnehmung seiner Umgebung, seine Erinnerungen an den tragischen Tod seines Vaters, aber auch an die geheimnisvolle Schöne, die er auf den Fidschi-Inseln aufspüren will. Peter Weir verwebt Trumans Eindrücke aber immer wieder mit Szenen aus dem Kontrollraum des Studios, wo Christof und sein Team jederzeit gegensteuern können, wenn eine Sache aus dem Ruder zu laufen droht, Truman also mitbekommt, dass sein Leben nur das Konstrukt eines Fernsehproduzenten ist. Allzu tief steigt der Film aber nicht in die philosophische Betrachtung ein, sondern lässt Jim Carrey immer wieder die Möglichkeit, sein komisches Talent auszuspielen, ohne sich zum Affen zu machen. Interessant ist, wie echt seine Umgebung wirkt, so dass man als Zuschauer nicht umhinkommt, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn man selbst in einer konstruierten Welt aufwächst, und wie stark die eigene Identität überhaupt ausgeprägt sein kann, wenn die äußere Umgebung so manipulativ um einen herum errichtet worden ist. Peter Weir findet die richtige Balance zwischen Drama und Komödie, zwischen leichtem und nachdenklichem Ton, wobei Jim Carrey durch einen hervorragenden Cast ergänzt wird.
2003 kehrte Weir mit „Master and Commander – Bis ans Ende der Welt“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle zum Historiendrama zurück. Die Verfilmung verschiedener Episoden aus Patrick O’Brians erfolgreicher Abenteuerserie, die während der Napoleonischen Kriege spielt, wurde von der Kritik gut aufgenommen, erzielte beim breiten Publikum jedoch nur mäßigen Erfolg. Der Film wurde für den Oscar als Bester Film nominiert und gewann zwei Oscars – für die Kameraarbeit seines langjährigen Mitarbeiters Russell Boyd und für den Tonschnitt.
Weir präsentiert dagegen einen klassischen Abenteuerfilm vor dem historischen Hintergrund von Napoleons Bemühungen, die Welt zu erobern. Nur mit den nötigsten Informationen über die H.M.S. Surprise und ihre Mission in einer Texteinblendung versehen, startet der Film direkt auf dem Schiff und einer möglichen Sichtung eines feindlichen Schiffes im Nebel. Fortan fangen Weir und sein Hauskameramann Russell Boyd das hektische Treiben auf engstem Raum auf und unter Deck ein, wobei sich Aubrey als gewiefter Taktiker erweist, der geschickt Möglichkeiten entwickelt, es mit einem größeren, mannstärkeren und schnelleren Schiff aufzunehmen. Die Jagd nach der Acheron bildet den dramaturgischen Faden der Geschichte, aber Weir bleibt ausnahmslos bei der Crew der Surprise, womit das Publikum vertrauter mit den tragenden Figuren der Handlung wird. Besonders ergreifend ist das Schicksal des jungen Fähnrichs Blakeney (Max Pirkis), dem im Laudanum-Rausch ein Arm amputiert wird, der aber aufgeweckt genug ist, um Maturin bei seinen Forschungen zu assistieren. Einmal mehr befasst sich Weir mit einem Mann, der entscheiden muss, inwieweit er über das Schicksal seiner ihm anvertrauten Männer bestimmen kann - die eigentlich nur nach Hause wollen -, denn sein Ehrgeiz, die Mission zu erfüllen, treibt ihn dazu an, auch Versprechen seinem Freund gegenüber zu brechen. Das aufwändig inszenierte See-Abenteuer fesselt mit dramatischer Action und für das Genre ungewohnt starken Dialogen. Mit Russell Crowe („Gladiator“, „A Beautiful Mind“) und Paul Bettany („Creation“, „Legion“) stehen zudem zwei gut aufeinander abgestimmte Darsteller im Zentrum, die die Story mühelos tragen.
In den 2000er-Jahren entwickelte Weir mehrere weitere Projekte, die jedoch nie realisiert wurden, darunter eine Adaption von „The War Magician“ mit Tom Cruise, eine Adaption von Robert Kursons Roman „Shadow Divers“, frühe Entwicklungsphasen eines geplanten „Shantaram“-Films mit Johnny Depp in der Hauptrolle sowie eine Adaption von William Gibsons Science-Fiction-Roman „Pattern Recognition“.
Peter Weir hat 2010 mit „The Way Back“ die 1952 erschienenen Memoiren des polnischen Gulag-Insassen Slavomir Rawicz verfilmt und beschreibt mit seinem packenden Epos die abenteuerliche, wenn auch historisch nicht unumstrittene Flucht einer ungleichen Schicksalsgemeinschaft über 6.500 Kilometer von Sibirien nach Indien. Ähnlich wie schon mit seinen Filmen „Die Truman Show“, „Ein Jahr in der Hölle“ oder „Der Club der toten Dichter“ lässt Weir seine Protagonisten ihre vertraute Welt verlassen, damit sie unter größten Entbehrungen ihre Freiheit finden und sich dabei von gesellschaftlichen Fesseln befreien. „The Way Back“ fängt zunächst Stalins skrupelloses Bestreben ein, den Kommunismus in die Welt zu tragen, präsentiert die unmenschlichen Zustände im sibirischen Strafgefangenenlager und nimmt sich dann sehr viel Zeit, die zigtausend Meilen andauernde Wanderung der Schicksalsgemeinschaft aus verschiedenen Ländern Richtung Süden in die Freiheit zu schildern. Weirs versierter Stammkameramann Russell Boyd fängt dabei die klaustrophobische, von Gewalt geprägte Atmosphäre im Straflager ebenso gekonnt ein wie die unterschiedlichen Landstriche. Mit wundervollen Landschaftsaufnahmen sengend heißer Wüsten und schneebedeckter Berge wartet „The Way Back“ mit interessanten Kontrasten auf, die sich in den unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Truppe widerspiegeln. Weir verzichtet dabei auf übertriebenes Pathos, melodramatische Musik und große Gesten. Er bleibt dicht bei seinen Figuren, stellt ihre Ängste, aber vor allem ihren Überlebenswillen in den Mittelpunkt seines angenehm konventionell inszenierten Dramas, in dem gestandene Mimen wie Ed Harris, Mark Strong und Colin Farrell ebenso überzeugen wie die junge Saoirse Ronan und die Schar unbekannter osteuropäischer Darsteller.
2012 wurde berichtet, dass Weir im folgenden Jahr sein eigenes Drehbuch zu Jennifer Egans Gothic-Thriller „The Keep“ verfilmen und in Europa drehen würde. Weir beschrieb das Projekt als „im Grunde … einen Studiofilm“. Im Laufe der Jahre wurde er jedoch, ohne dass dies offiziell bekannt gegeben wurde, zunehmend als „im Ruhestand“ bezeichnet.
Nachdem ihm 2022 der Ehrenoscar für sein Lebenswerk zuerkannt wurde, bestätigte er in einem seiner seltenen Interviews seinen Ruhestand.
„Für Filmregisseure gibt es, wie für Vulkane, drei Hauptstadien: aktiv, ruhend und erloschen. Ich glaube, ich habe das letztere erreicht! Eine neue Generation ruft schon ‚Action‘ und ‚Cut‘ – viel Glück!“ Er berichtete, dass er seinen Ruhestand mit Besuchen antiker Ruinen und Schlachtfelder sowie mit Tauchgängen zu den Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg in der Truk-Lagune verbracht habe.
Im Jahr 2024 erhielt er auch auf den Filmfestspielen von Venedig einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk.

Filmografie:

1971: Three to Go
1971: Homesdale
1973: Whatever Happened to Green Valley? (Dokumentarfilm)
1974: Die Autos, die Paris auffraßen (The Cars That Ate Paris)
1975: Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock)
1977: Die letzte Flut (The Last Wave)
1979: Wenn der Klempner kommt (The Plumber)
1981: Gallipoli
1982: Ein Jahr in der Hölle (The Year of Living Dangerously)
1985: Der einzige Zeuge (Witness)
1986: Mosquito Coast
1989: Der Club der toten Dichter (Dead Poets Society)
1990: Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen (Green Card)
1993: Fearless – Jenseits der Angst (Fearless)
1998: Die Truman Show (The Truman Show)
2003: Master and Commander – Bis ans Ende der Welt (Master and Commander: The Far Side of the World)
2010: The Way Back – Der lange Weg (The Way Back)
 

Playlist: 

01. Gheorge Zamfir - Doina Sus Pe Culmea Dealului (Picnic at Hanging Rock) - 04:08 
02. Jean Michel Jarre - Oxygene - Part II (Gallipoli) - 08:08 
03. Vangelis - L'Enfant (The Year Living Dangerously) - 05:02 
04. Maurice Jarre - Keating's Triumph (Dead Poets Society) - 05:59 
05. Bruce Smeaton - Ascent Theme (Picnic at Hanging Rock) - 04:22 
06. Edvard Grieg - Peer Gynt Suite No. 1, Op. 46: II. The Death of Ase (The Plumber) - 04:32 
07. Maurice Jarre - Kwan (The Year Living Dangerously) - 07:06 
08. Maurice Jarre - Futility Of An Inside Job / Delerious John (Witness) - 03:08 
09. Jean Michel Jarre - Oxygene - Part IV (Gallipoli) - 04:14 
10. Maurice Jarre - Allie's Theme (Mosquito Coast) - 08:11 
11. Kronos Quartet & Dumisani Maraire - Mai Nozipo (Fearless) - 06:58 
12. Gheorge Zamfir - Doina Lui Petru Unc (Picnic at Hanging Rock) - 04:03 
13. Brian Bennett - Darkside (The Plumber) - 02:54 
14. Tomaso Albinoni - Adagio Per Archi E Organo In Sol Minore (Gallipoli) - 05:50 
15. Wolfgang Amadeus Mozart - Clarinet Concerto In A Major: Adagio (Green Card) - 08:37 
16. Philip Glass - Anthen - Part 2 (The Truman Show) - 03:49 
17. Burkhard Dallwitz - Underground / Storm (The Truman Show) - 03:37 
18. Iva Davies, Christopher Gordon & Richard Tognetti - The Far Side of the World (Master and Commander: The Far Side of the World) - 09:19 
19. Hans Zimmer - Instinct (Green Card) - 03:33 
20. Burkhard Dallwitz - Tibet (The Way Back) - 05:26 
21. Ludwig van Beethoven - Piano Concerto No. 5 (Op. 73) - Adagio Un Poco Mosso (Picnic at Hanging Rock) - 08:53

Samstag, 16. Februar 2013

Playlist # 105 vom 24.02.2013 (2) - RUSSELL CROWE Special

Lange Zeit war für den neuseeländischen Schauspieler, Musiker und Produzent Russell Crowe die Musik ebenso wichtig wie die Schauspielerei. Doch seit sich der Charakterdarsteller in Filmen wie „L.A. Confidential“, „Insider“ und „Gladiator“ einen Namen gemacht hat, bleibt für die Musik kaum noch Zeit. Nun ist Crowe in der Neuverfilmung des Klassikers „Les Misérables“ unter der Regie von Tom Hooper („The King’s Speech“) im Kino zu sehen.

Als jüngerer von zwei Brüdern in Neuseeland geboren, wanderte Russell Crowe im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Australien aus, wo die Familie einen Catering Service betrieb, der Filmgesellschaften belieferte. So kam der junge Russell schon früh in den Kontakt mit der Filmbranche. Nach einer ersten kleinen Filmrolle in der Fernsehshow „Spyforce“ unter der Regie seines Patenonkels gründete Crowe als 16-Jähriger die Band Roman Antix, in der er als Sänger fungierte, danach setzte er seine Gesangskarriere in der Band 30 Odd Foot Of Grunts fort, die er 2005 in The Ordinary Fear Of God umbenannte.
Nach Jobs als Kellner, Bingo-Caller und Straßenmusiker zog er nach Sydney und tourte als 21-Jähriger in den Musicals „Grease“ und „The Rocky Horror Picture Show“ durch Australien und Neuseeland. Crowe spielte Anfang der 90er in australischen Fernsehserien wie „Police Rescue“, „Nachbarn“ und „Living with the Law“ mit, hatte aber schon 1989 seinen ersten Kinofilmauftritt in dem Antikriegsdrama „Blutiger Schwur“. 1991 erhielt er für seine Rolle in „Proof“ den AFI Award als bester Nebendarsteller. Den AFI Award als bester Hauptdarsteller bekam er ein Jahr später für seine Rolle als Skinhead in „Romper Stomper“. 1994 gelang Crowe mit dem Familiendrama „The Sum of Us“ der Durchbruch in Australien und der Sprung nach Hollywood, als Sharon Stone sich persönlich dafür einsetzte, dass er in Sam Raimis Neo-Western „Schneller als der Tod“ (1995) die Rolle eines Gefangenen bekam, der zur Belustigung der Herrschenden zu einer Serie von Revolverduellen gezwungen wird.
Nach einer Rolle in dem Science-Fiction-Thriller „Virtuosity“ (1995) errang Crowe weltweite Aufmerksamkeit durch seinen Auftritt als schweigsamer Cop in Curtis Hansons Gangster-Epos „L.A. Confidential“ (1997). Für die Klasse seiner Darstellerleistungen spricht schon die Tatsache, dass Russell Crowe von 1999 bis 2001 jeweils als bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert worden ist.
Den Anfang machte Michael Manns Thriller-Drama „Insider“, dann folgte Ridley Scotts Historien-Epos „Gladiator“ und schließlich Ron Howards „A Beautiful Mind“ – doch nur für die Rolle des römischen Generals Maximus Decimus Meridius in Scotts epochalem Meisterwerk "Gladiator" konnte Crowe die Trophäe auch in Empfang nehmen. Zwar war auch „Proof of Life“ (2000) etwas actionlastiger ausgefallen, doch Crowe legte immer viel Wert auf seine Wandlungsfähigkeit und verkörperte in Peter Weirs zweifach Oscar-gekrönten Seefahrer-Abenteuer „Master & Commander – Bis ans Ende der Welt“ den britischen Marine-Helden Captain Jack Aubrey, bevor er für Ron Howards Boxer-Drama „Das Comeback“ (2005) in den Ring stieg.
Die nächsten Jahre waren durch die wiederholte Zusammenarbeit mit Ridley Scott geprägt. Nach der leichten Sommerkomödie „Ein gutes Jahr“ (2006) wirkten die beiden auch in dem Gangster-Epos „American Gangster“ (2007) und dem Agenten-Drama „Der Mann, der niemals lebte“ (2008) zusammen, dazwischen spielte Crowe in James Mangolds Neo-Western „Todeszug nach Yuma“ (2007). Für Ridley Scott stand Crowe wieder 2009 vor der Kamera, diesmal für die Neuverfilmung von „Robin Hood“. Weitere Engagements folgten mit dem Polit-Drama „State of Play“ (2009), dem Suspense-Thriller „72 Stunden – The Next Three Days“ (2009) und RZAs Martial-Arts-Spektakel „The Man with the Iron Fists“ (2012).
Mit seiner Rolle in Tom Hoopers “Les Misérables“ kehrt Crowe nun erstmals seit Ende der 80er Jahre auf die Musical-Bühne zurück. Im April startet dann Allen Hughes‘ („The Book Of Eli“) Neo-Noir-Drama „Broken City“.

Filmographie: 
1987: Nachbarn (Neighbours) (Fernsehserie)
1988: Living with the Law (Fernsehserie)
1990: Blutiger Schwur (Blood Oath, auch: Prisoners of the Sun) Regie: Stephen Wallace
1990: The Crossing. Regie: George Ogilvie
1991: Proof – Blindes Vertrauen (Proof). Regie: Jocelyn Moorhouse
1991: Brides Of Christ (Mini-Fernsehserie)
1992: Police Rescue – Gefährlicher Einsatz (Police Rescue) (Fernsehserie, 1 Folge)
1992: Ein Manager mit Herz (The Efficiency Expert, auch: Spotswood) Regie: Mark Joffe
1992: Romper Stomper. Regie: Geoffrey Wright
1993: Love in Limbo Regie: David Elfick
1993: Der silberne Hengst (The Silver Brumby). Regie: John Tatoulis
1993: For the Moment Regie: Aaron Kim Johnston
1993: Sommer des Erwachens (Hammers Over the Anvil). Regie: Ann Turner
1994: Die Summe der Gefühle (The Sum Of Us). Regie: Geoff Burton, Kevin Dowling
1995: Schneller als der Tod (The Quick and the Dead). Regie: Sam Raimi
1995: Das Yakuza-Kartell (No Way Back). Regie: Frank A. Cappello
1995: Virtuosity Regie: Brett Leonard
1995: Wilder Zauber (Rough Magic). Regie: Clare Peploe
1997: L.A. Confidential. Regie: Curtis Hanson
1997: Paradies in Flammen (Heaven's Burning). Regie: Craig Lahiff
1997: Breaking Up Regie: Robert Greenwald
1999: Mystery – New York: Ein Spiel um die Ehre (Mystery, Alaska). Regie: Jay Roach
1999: Insider Regie: Michael Mann
2000: Gladiator Regie: Ridley Scott
2000: Lebenszeichen – Proof of Life (Proof of Life). Regie: Taylor Hackford
2001: A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn (A Beautiful Mind). Regie: Ron Howard
2002: Texas. Dokumentarfilm Konzert der Gruppe The Ordinary Fear Of God Regie: Russell Crowe
2003: Master & Commander – Bis ans Ende der Welt (Master and Commander – The Far Side of the World). Regie: Peter Weir
2005: Das Comeback (Cinderella Man). Regie: Ron Howard
2006: Ein gutes Jahr (A Good Year). Regie: Ridley Scott
2007: Todeszug nach Yuma (3:10 to Yuma). Regie: James Mangold
2007: American Gangster Regie: Ridley Scott
2008: Der Mann, der niemals lebte (Body of Lies). Regie: Ridley Scott
2008: Tenderness – Auf der Spur des Killers (Tenderness). Regie: John Polson
2009: State of Play – Stand der Dinge (State of Play). Regie: Kevin Macdonald
2010: Robin Hood Regie: Ridley Scott
2010: 72 Stunden – The Next Three Days (The Next Three Days). Regie: Paul Haggis
2012: The Man with the Iron Fists. Regie: RZA
2012: Les Misérables. Regie: Tom Hooper
2013: Broken City. Regie: Allen Hughes
Playlist:
1 Claude-Michel Schönberg - Stars (Les Misérables) - 03:01
2 Alan Silvestri - Redemption (The Quick And The Dead) - 03:25
3 Jerry Goldsmith - Susan Lefferts (L.A. Confidential) - 02:54
4 Christopher Young - Splinters (Virtuosity) - 04:06
5 Hans Zimmer & Lisa Gerrard - Now We Are Free [Juba's Mix] (Gladiator) - 04:39
6 Lisa Gerrard & Pieter Bourke - Sacrifice (The Insider) - 07:42
7 James Horner - Nash Descends Into Parcher's World (A Beautiful Mind) - 04:37
8 Thomas Newman - Weehawken Ferry (Cinderella Man) - 02:42
9 Iva Davies, Christopher Gordon & Richard Tognetti - Into The Fog (Master & Commander: The Far Side Of The World) - 02:11
10 Danny Elfman - Main Title (Proof Of Life) - 05:54
11 Danny Elfman - A Way In (The Next Three Days) - 03:36
12 Alex Heffes - Cal Connects The Evidence (State Of Play) - 04:34
13 Marc Streitenfeld - Wisdom (A Good Year) - 02:46
14 Marc Streitenfeld - Caskets (American Gangster) - 02:42
15 Atticus Ross, Claudia Sarne & Leopold Ross - Missing Pieces (Broken City) - 03:38

Soundtrack Adventures with RUSSELL CROWE at Radio ZuSa by Dirk Hoffmann on Mixcloud

Mittwoch, 21. September 2011

Playlist # 68 v. 25.09.11 (2) - IVA DAVIES Special

Erst in den letzten Jahren hat sich Iva Davies einen Namen in der Filmmusikszene machen können, als er zusammen mit Christopher Gordon und Richard Tognetti im Jahr 2003 den Soundtrack zu Peter Weirs Abenteuerfilm „Master and Commander: The Far Side of the World“ komponierte. In den 80ern füllte er als Frontmann und Songwriter der australischen Formation Icehouse nicht nur in seiner Heimat Stadien, sondern spielte sich mit Hits wie „Hey Little Girl“, „Street Café“ und „Great Southern Land“ in die Top 10 internationaler Charts.

Dabei schien Iva Davies‘ musikalische Karriere nach dem Absolvieren des Musikkonservatoriums von Sydney in ganz andere Bahnen zu führen, denn das durch Grieg, Schuhmann, Schubert und Mendelsohn geweckte und gestärkte Interesse an klassischer Musik hielt Iva lange davon ab, Rockmusik zu machen, doch schlugen schon immer zwei Herzen in seiner Brust.
"Ich habe in dem Orchester hier Oboe gespielt, aber ich besaß schon immer eine gespaltene Persönlichkeit. Zur gleichen Zeit, als ich im Orchester spielte, gründete ich mit einigen Akustikmusikern eine Band, mit der wir Coverversionen von Bands spielten, die zu meinen Lieblingsgruppen zählten. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit unserem Dirigenten stürmte ich hinaus und war plötzlich arbeitslos", blickt Iva in dem Interview zurück, das ich 1993 zur Veröffentlichung des „Big Wheel“-Albums mit ihm führte. "Mit meiner damaligen Band wurde ich sehr erfolgreich damit, Songs anderer Leute zu spielen, und mich interessierten die Songschreiber nicht in erster Linie wegen ihrer Musik, sondern ihrer Lyrics wegen. Viele dieser Leute wie Lou Reed, Iggy Pop, David Bowie oder Brian Eno sind meiner Meinung nach immer noch große Poeten, vielleicht sogar die wichtigsten."
Allein mit Coverversionen konnte man sicher keine Karriere machen, also gründete Iva zusammen mit John Lloyd, Anthony Smith und Keith Walsh die Band Flowers, die 1980 von dem Independentlabel Regular Records einen Plattenvertrag erhielt und mit ihrer Debüt-Single "Can‘t Help Myself" gleich einen Top 10-Hit landete. Im Oktober des gleichen Jahres erschien das Debütalbum "Icehouse", dessen melodische Songs einen verführerischen Hauch von West-Coast-Atmosphäre ausströmten und in ihrem ökonomisch strukturierten Arrangement finstere Alpträume einer degenerierenden Industriegesellschaft thematisierten.
Berücksichtigt man den musikalischen Hintergrund von Iva Davies, mag man überrascht sein von den betörenden Melodien, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr loswird. Dabei ging Iva mit gemischten Gefühlen an die Aufnahmen zu diesem Album. "Die Songs des Flowers-Albums waren die ersten, die ich geschrieben habe. Viele Leute haben bereits Erfahrungen im Songschreiben gesammelt, bevor sie in ein Aufnahmestudio gehen, während meine ersten Auftritte vor einem Publikum die Versuche eines Anfangs waren. Ich war ziemlich verzweifelt, überhaupt etwas zu kreieren, weil ich sehr langsam mit dem Songschreiben bin. Außerdem haben wir lange Zeit nur klassische Hits von Leuten wie T-Rex, Iggy Pop und Bowie gespielt, so dass ich sehr nervös war, dass meine Songs im Vergleich dazu wirklich schlecht ausfallen könnten."
Diese Befürchtung erwies sich allerdings als unbegründet. Nachdem schon "Can‘t Help Myself" 150.000 mal über den Ladentisch gegangen war, erreichte das Debütalbum Multi-Platin-Status in Australien und Neuseeland - ein ungewöhnlicher Erfolg in einer ungewöhnlichen Zeit, den Iva teilweise der nötigen Portion Glück zuschreibt, teilweise dem durch die Punk-Bewegung geweckten Interesse des Publikums an neuen Sachen. 1981 veröffentlichte man mit "Icehouse" den wohl schönsten, wenngleich in seiner Verzweiflung ausströmenden Melancholie auch im wahrsten Sinne des Wortes kühlsten Song des Debütalbums. Nach einem Konzert im Juni 1981 gaben Iva und seine Band die Umbenennung der Gruppe in Icehouse bekannt, ein eigentlich von den Assoziationen her konträrer Name zu Flowers, die für Iva aber einen logischen Zusammenhang bilden.
"‘Flowers‘ war der Titel eines sehr düsteren Buches von Jean Genet, in dem er über das Gefängnisleben in Frankreich schrieb. Die Stimmung des Buches traf auf viele der frühen Flowers-Songs zu, einer der ersten war das Stück ‚Icehouse‘, das sich auf den Ort bezog, an dem ich damals lebte", erzählt Iva und meint damit ein menschenleer erscheinendes, doch lichterfülltes Haus, das seinem Domizil in Sydney gegenüberlag und das sich später als Behandlungszentrum für psychisch Kranke erwies. "Als wir das Album außerhalb Australiens veröffentlichen wollten, benutzte bereits eine andere Band den Namen Flowers, also nannten wir uns Icehouse, weil die Atmosphäre des Songs auch auf die anderen zutraf."
Im September 1982 erschien mit "Primitive Man" ein Icehouse-Album, das Iva im Alleingang eingespielt hatte und in seiner von sphärischen Synthis, akzentuierten Gitarren, eindringlicher Rhythmik, sensiblen Texten und Ivas einschmeichelnder Stimme geprägten lethargischen Eleganz und fragilen Verletzlichkeit keinen größeren Gegensatz zu dem noch sehr rockig ausgefallenen Debüt bilden konnte.
"‘Primitive Man‘ war das direkte Ergebnis der Technologie, die zu dieser Zeit erhältlich war. Es war eines der ersten Alben, die mit einem Fairlight-Computer eingespielt wurden, was damals die Möglichkeit schuf, dass ein Musiker allein ein ganzes Album kreieren konnte, auch was die Synthesizer anging. Man muss sich vor Augen halten, dass das Album auch nicht nach dem Produkt einer Band klingt. Zu jener Zeit war es eine neue Möglichkeit, ein Album zu machen, deshalb hört es sich so an und deshalb spielte ich es allein ein."
"Primitive Man" wurde durch die Evergreens "Hey Little Girl" und "Street Cafe" auch in Deutschland zu einem großen Erfolg für Icehouse, worauf die Band 1983 auch auf deutschen Bühnen Zeugnis von ihren Livequalitäten ablegte.
Ein Jahr später stellte Iva einmal mehr seine musikalische Vielseitigkeit unter Beweis, indem er für Russell Mulcahy (der zuvor Videoclips für Bands wie Duran Duran oder Elton John produzierte) den Soundtrack zu seinem Film "Razorback" schrieb. 1984 erschien auch das Icehouse-Album "Sidewalk“ mit einer ausgewogenen Mischung aus getragenen Synthisequenzen und wohldosierten Rockgitarren, denen Gast-Saxophonist Joe Camilleri auf Songs wie "Don‘t Believe Anymore", "Stay Close Tonight" oder "The Mountain" einen vibrierend warmen Charakter verlieh. Abgesehen davon, dass "Sidewalk" ein in sich größeres Spektrum an musikalischen Stilmitteln aufwies als die beiden vorigen Alben, wurde deutlich, dass es Iva immer wieder scheinbar mühelos schafft, das Kopieren eigener Sounds zu vermeiden und sich in einem stets melodischen Rahmen weiterzuentwickeln versteht.
"Für mich ist es am wichtigsten, mit meiner Musik nicht immer wieder den gleichen Boden zu beackern", meint der versierte Songschreiber. "Was ich nach all den Jahren und den vielen Alben, die wir mittlerweile veröffentlicht haben, feststellen musste, ist, dass die großen Einflüsse immer geblieben sind, auf die ich stets wieder zurückkomme. Während ich mich aber einerseits noch immer auf die Einflüsse beziehe, die mich schon vor dreizehn Jahren geprägt haben, achte ich andererseits darauf, nicht die gleichen Akkorde, Sounds oder Textzeilen zu verwenden." 
1985 schrieben Iva Davies und Icehouse-Gitarrist Bob Kretschmer die Musik für das Ballett "Boxes", das im November im Sydney Opera House uraufgeführt wurde und bei dem die beiden zusammen mit Drummer Masaki Tanazowa nicht nur live die Musik spielten, sondern gleichzeitig als Schauspieler involviert waren. Bei den Aufnahmen zum 86er Album "Measure For Measure" im privaten Studio von Brian Eno und Bryan Ferry in London ging für Iva sicher ein langjähriger Traum in Erfüllung, als sein Idol Eno, der gleich neben dem Studio wohnte, an dem Album mitwirkte, ebenso wie der Ex-Japan-Drummer Steve Jansen.
"Measure For Measure" wartete nicht nur mit so knalligen Hit-Singles wie "No Promises", "Mr. Big", "Cross The Border" und "Baby, You‘re So Strange" auf, sondern präsentierte sich in einem vielschichtigen Sound, der vor allem durch das virtuose Percussion- und Drumspiel von Jansen und Tanazowa, die ausgefeilten Keyboardarrangements und facettenreichen Gitarrensounds geprägt wurde und einmal mehr ein breit gefächertes Spektrum musikalischer Ideen bot, das von elegisch schönen Balladen wie "Angel Street", "Spanish Gold" und "The Flame" über die tanzbaren Single-Hits bis hin zu so krachig-rockigen Speednummern wie "Lucky Me" reichte.
Das 87er Werk "Man Of Colours" bestach einmal mehr durch brillante Melodien, die mit lyrischen Texten in ein traumhaft harmonisches Gewand gehüllt wurden, doch trotz der radiokompatiblen und tanzbaren Singleauskopplungen "Crazy" und "Electric Blue" floppte das Album in Deutschland, während es in Australien mehr als eine halbe Million mal verkauft, in den USA und Canada mit Gold ausgezeichnet und damit zum bislang erfolgreichsten Album für Icehouse wurde.
Hierzulande wurde somit die 89er Best-of-Compilation "Great Southern Land" schon als Testament einer Band angesehen, die es wie nur wenige verstanden hat, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, neue Ausdrucksformen und Sounds zu finden, die den prägenden Rahmen aus unwiderstehlichen Melodien und schnörkellosen Harmonien ausfüllten. In Deutschland war danach tatsächlich Funkstille um Icehouse angesagt. Die Band verließ den langjährigen Partner Chrysalis, konnte ihr nächstes Album "Code Blue" 1990 aber nur in der australischen Heimat veröffentlichen. Die folgenden Prozesse zwischen Chrysalis und Icehouse zwischen 1991 und Ende 1992 bedeuteten für Iva eine Zwangspause, in der er nichts schreiben und aufnehmen konnte, und fast die Zerrüttung seines kreativen Geistes. Doch nach dem gerichtlichen Sieg beschloss Iva, keine Kompromisse mehr einzugehen, baute sich das Studio über seiner Garage aus und gründete ein eigenes Label namens DIVA Records, das mit der Massive Recording Company einen neuen Partner gefunden hatte. Massive veröffentlichten 1992 das "Code Blue"-Album wieder, das mit seinem aus Bläsersounds, Streicherarrangements, Dudelsäcken und zahlreichen Backing Vocals bestehenden Instrumentarium einen Schritt in die neue Richtung bedeutete. Schließlich erschienen "Code Blue" und die Best-of-Compilation "Masterfile" auch in Deutschland, als Vorgeschmack auf das kurzfristig im November 1993 erschienene neue Album "Big Wheel".
Das musikalische Gewand, das Iva Davies (Lead Vocals, Gitarre, Bass, Keyboards, Backing Vocals), David Chapman (Gitarre, Keyboards, Backing Vocals) und Paul Wheeler (Drums, Percussion, Backing Vocals) diesmal ungewöhnlich gitarren- und drumlastig ausfallen ließen, erweckt den Eindruck, die Band hätte sich bei den Aufnahmen zu "Big Wheel" an einen Starkstromgenerator angeschlossen. Mit nur zwei weiteren Musikern verpasste Iva "Big Wheel" eine ungewöhnlich raue, streckenweise kraftvoll-aggressive und sehr direkt nach vorne gehende Komponente. "Revolution in the city, revolution in the street", tönt es im Opener und Titelsong, und in gewisser Hinsicht kann das Etikett "revolutionär" auf die ganze Konzeption von "Big Wheel" angewandt werden. Zumindest mag die omnipräsente dynamische Energie nach den vorausgegangenen Querelen überraschen.
"‘Big Wheel‘ ist für uns in vielerlei Hinsicht ein großes Album, gerade wenn man die Probleme mit Chrysalis und der Wiedererlangung unserer Kontrolle berücksichtigt. Während der vertraglichen Auseinandersetzungen hatte ich viel Zeit, auf unsere Geschichte und das ganze Material zurückzublicken, wobei ich festgestellt habe, dass sich in dieser Zeit nicht wirklich viel verändert hat, obwohl wir viele Revolutionen erlebt haben", meint Iva. "Das scheint eine ziemlich offensichtliche Beobachtung zu sein, aber ich denke, dass sich die Dinge nur an der Oberfläche verändern, dass sich letztlich nichts tatsächlich ändert und wir immer an den Ort zurückkehren, an dem wir begonnen haben."
Vor diesem Hintergrund darf auch die Symbolik des geheimnisvoll wirkenden, mit mysteriösen Schriftzeichen versehenen Rades auf dem Cover des prachtvoll gestalteten Booklets verstanden werden. "Ich wollte die Illusion erwecken, dass dieses mystische Ding im Sand entdeckt worden ist, wobei man nicht entscheiden kann, ob es das Produkt einer sehr altertümlichen oder weit fortgeschrittenen Technologie ist. Dafür wollte ich einen Text haben, der irrtümlicherweise auf eine altertümliche Sprache hinweisen würde, gleichzeitig aber das Mandelbrat-Symbol, das sich in der Mitte des Rades befindet, verwenden - eine Entdeckung, die der Wissenschaftler Mandelbrat erst kürzlich gemacht hat und einen Graphen der Vibration von Materie darstellt", enthüllt Iva das Geheimnis. "Seine Bedeutung liegt darin, dass ein Teil der Sache, die man untersucht, das Duplikat des ganzen Teils auf einer kleineren Skala ist. Man kann kleinere und kleinere Teile der ganzen Sache untersuchen, man erhält stets das gleiche Bild. Mandelbrat hat diesen Graph bei der Messung von Atomaktivitäten erhalten. Auch das ist Teil des großen Rades."
Im folgenden Jahr erschien mit „Full Circle“ ein Doppelalbum, auf das durch die "Spin One"-EP bereits im Vorfeld neugierig gemacht wurde und radikale Mixe alter und neuer Icehouse-Songs von Bill Laswell, 808 State, Cameron Allan und Mark Gamble (Art Of Noise) enthält, aber auch einige neue Sachen von Iva Davies. "Das Album ist ein interessantes Experiment, weil wir gewisse Regeln vereinbart haben. Eine Regel, die ich mir selbst gesetzt habe, ist, dass ich in keiner Hinsicht selbst am kreativen Prozess des Albums beteiligt sein wollte. Wir haben die Tapes nur an die verschiedenen Mixer verschickt und sie dazu angehalten, damit zu machen, was immer sie für richtig halten. Natürlich fiel es mir schwer, meine Finger davon zu lassen, aber so lautete die Regel. Allerdings gab es ein paar Gelegenheiten, bei denen ich beteiligt war. Zum einen habe ich eine Coverversion eines sehr alten Marc-Bolan-Songs geschrieben. Dann habe ich ein wenig Ambient-Musik für einige Verbindungspassagen gemacht sowie eine neue Version von ‚Great Southern Land‘ für ‚Spin One‘. Bill Laswell hat seinerseits mit einigen Aborigines in Nordaustralien eine 16minütige Version davon aufgenommen, die auf dem Album erscheinen wird. Meine Version habe ich mit ein paar Freunden eingespielt, die einer Aborigines Dance Company angehören."
1995 arbeitete Iva Davies mit der Sydney Dance Company am Ballett „Berlin“, einer Meditation über die Natur der Musik, wofür Iva Davies ganz bewusst Songs von Bands und Künstlern auswählte, die wegweisend für ihre jeweilige Zeit waren. So adaptierte er Frank Sinatras „All The Way“, Velvet Undergrounds „All Tomorrow’s Parties“ ebenso wie Simple Minds’ “Let There Be Love”, Talking Heads’ “Heaven” oder David Bowies “Heroes”.
1999 komponierte Iva Davies für das Sydney Symphonic Orchestra eine 25-minütige orchestrale Fassung des Icehouse-Klassikers “Great Southern Land“, der schon fast zur australischen Hymne avancierte. Das dazugehörige Feuerwerk an Silvester 1999 verfolgten immerhin 2,5 Milliarden Menschen. Anschließend produzierte Davies zwei Soundtracks, 2003 den preisgekrönten Score zu Peter Weirs Film „Master and Commander“, zwei Jahre später untermalte er im Alleingang die TV-Miniserie „The Incredible Journey of Mary Bryant“.
Seit 2001 arbeitete Iva Davies auch an einem weiteren Icehouse-Album, doch von dem angekündigten Werk namens „Bi-Polar Poems“ waren 2004 nur fünf Songs auf der Band-eigenen Website zum kostenlosen Download erhältlich: "Your God, Not Mine", "The Lazarus", "West Eleven Genius", "Chemicals" und "Surgery".
Mittlerweile tourt Iva Davies mit seiner Band aber wieder in seiner Heimat. Zum 30-jährigen Jubiläum ist das erste Icehouse-Album „Flowers“ ebenso als luxuriöse 3-Discs-Editon inklusiver einer DVD veröffentlicht worden wie die neue Best-of-Compilation „White Heat“.
Weitere Infos findet ihr auf der neuen Icehouse-Website.

Diskographie:
1980: Icehouse (aka Flowers)
1982: Primitive Man
1983: Fresco EP
1984: Sidewalk
1985: Boxes
1986: Measure for Measure
1987: Man of colours
1989: Great southern Land (Compilation)
1990: Code Blue
1990: Masterfile (Best-of-Compilation)
1992: Full Circle (Remix-Doppel-Album)
1992: Big Wheel
1995: The Berlin Tapes
1995: The Singles - A sides... and selected B sides (Compilation)
1999: The Ghost of Time
2002: Meltdown (Remix-Album)
2003: Master and Commander (Soundtrack - zusammen mit Christopher Gordon und Richard Tognetti)
2004: Bi-Polar Poems (unveröffentlicht)
2004: Heroes
2005: The Incredible Journey of Mary Bryant (Soundtrack)
2011: White Heat: 30 Hits (Compilation)

Playlist:
1 Iva Davies, Christopher Gordon & Richard Tognetti - Smoke N'Oakum (OST: Master and Commander) - 05:28
2 Icehouse - The Mountain (Sidewalk) - 04:50
3 Icehouse - Great Southern Land (OST: Young Einstein) - 05:18
4 Icehouse - Harbour Town (OST: Sydney - A Story Of A City) - 03:38
5 Icehouse - Java (Sidewalk) - 04:54
6 Icehouse - Man Of Colours (Man Of Colours) - 05:11
7 Iva Davies - Theme (OST: Razorback) - 04:18
8 Iva Davies, Christopher Gordon & Richard Tognetti - The Battle (Master and Commander) - 05:07
9 Iva Davies - Trapped/And What Is Her Name? (OST: The Incredible Journey Of Mary Bryant) - 06:25
10 Iva Davies & Bob Kretschmer - Solitaire (Boxes) - 04:19
11 Iva Davies - Escape (OST: The Incredible Journey Of Mary Bryant) - 08:52

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