Als Schauspieler in Meisterwerken wie Robert Altmans „The
Player“, Clint Eastwoods „Mystic River“ und Frank
Darabonts Stephen-King-Verfilmung „Die Verurteilten“, aber auch als
Regisseur des Gefängnis-Dramas „Dead Man Walking“ hat sich Tim Robbins
seinen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood redlich verdient. Der
heutige Rückblick auf Leben und Wirken des charismatischen, politisch
engagierten Mannes, der 21 Jahre lang mit der Hollywood-Schauspielerin Susan
Sarandon liiert war, präsentiert Musik von Komponisten wie Thomas
Newman, Carter Burwell, James Newton Howard, Jerry Goldsmith, John Williams,
Maurice Jarre und Ennio Morricone.
Tim Robbins wurde am 16. Oktober 1958 in West Covina,
Kalifornien, als Sohn der Musikerin Mary Cecelia und des Sängers,
Schauspielers Gilbert Lee Robbins geboren, der auch als Manager des
„Gaslight Café“ fungierte. Robbins wuchs mit seinen zwei Schwestern und seinem
Bruder David in New York City auf und besuchte die Stuyvesant High School.
Bereits in jungen Jahren zog Robbins mit seiner Familie nach Greenwich
Village, während sein Vater eine Karriere als Mitglied der Folk-Gruppe The
Highwaymen verfolgte. Nachdem er im Alter von zwölf Jahren angefangen hatte,
Theater zu spielen, trat Robbins dem Theaterclub der Stuyvesant High
School bei, verbrachte zwei Jahre an der SUNY Plattsburgh und kehrte
anschließend nach Kalifornien zurück, um an der UCLA Film School zu studieren. 1981
schloss er sein Studium mit einem Bachelor of Arts in Theaterwissenschaften ab.
Robbins’ Schauspielkarriere begann am Theater for
the New City, wo er während seiner Teenagerjahre im Rahmen des jährlichen
„Summer Street Theater“-Programms auftrat und zudem die Titelrolle in einer
Musical-Adaption von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“
spielte. Nach seinem College-Abschluss im Jahr 1981 gründete Robbins
gemeinsam mit befreundeten Schauspielern aus seinem College-Softballteam –
darunter auch John Cusack – in Los Angeles die Actors’ Gang, eine
experimentelle Theatergruppe.
Im Jahr 1982 trat er in drei Episoden der Fernsehserie „St.
Elsewhere“ in der Rolle des inländischen Terroristen Andrew Reinhardt auf.
Zudem übernahm er eine kleine Rolle in dem Film „No Small Affair“
(1984), in dem Demi Moore die Hauptrolle spielte. Nach einem
Gastauftritt in der zweiten Folge der Fernsehserie „Moonlighting“ (1985) und
ersten Rollen in Spielfilmen, wie etwa die eines wilden
Studentenverbindungsmitglieds in „American Eiskrem“ (1985) und die des
Lt. Sam „Merlin“ Wells in dem Kampfpilotenfilm „Top Gun“ (1986), feierte
Robbins seinen Durchbruch als Pitchers Ebby Calvin „Nuke“ LaLoosh in dem
Baseballfilm „Annies Männer“ (1988), in dem er an der Seite von Susan
Sarandon und Kevin Costner spielte.
Robbins’ Darstellung eines amoralischen Filmmanagers
in
Robert Altmans Film
„The Player“ (1992) brachte ihm bei den
Filmfestspielen von Cannes eine Auszeichnung als bester Darsteller ein. Sein
Debüt als Regisseur und Drehbuchautor gab er mit
„Bob Roberts“
(ebenfalls 1992), einer Mockumentary über einen rechten Senatskandidaten.
Anschließend spielte
Robbins an der Seite von
Morgan Freeman in
Frank
Darabonts Drama
„Die Verurteilten“ (1994), das auf einer Novelle von
Stephen King basierte.
Robbins hat mehrere Filme mit starkem
gesellschaftskritischem Gehalt geschrieben, produziert und inszeniert –
darunter das Drama über die Todesstrafe „Dead Man Walking“ (1995) mit Susan
Sarandon und Sean Penn. Der Film brachte ihm eine Oscar-Nominierung
für die Beste Regie ein. Laut
Seine nächste Regiearbeit war das im Zeitalter der
Weltwirtschaftskrise angesiedelte Musical „Cradle Will Rock“ (1999). Robbins
trat zudem in kommerziellen Hollywood-Thrillern auf – etwa in „Arlington
Road“ (ebenfalls 1999) als mutmaßlicher Terrorist und in „Antitrust“
(2001) als skrupelloser Computer-Tycoon – sowie in Komödien wie „Hudsucker –
Der große Sprung“ (1994), „Nichts zu verlieren“ (1997) und „High
Fidelity“ (2000). Darüber hinaus wirkte Robbins als Schauspieler und
Regisseur an mehreren Theaterproduktionen der Actors' Gang mit.
Robbins gewann den Oscar als Bester Nebendarsteller
sowie den SAG Award für seine Leistung in „Mystic River“ (2003), in dem
er einen Mann verkörperte, der durch eine Entführung und Vergewaltigung in
seiner Kindheit schwer traumatisiert ist. Auf seinen Oscar-Gewinn folgten
Rollen als vorübergehend erblindeter Mann, der von einer psychisch verwundeten
jungen Frau gesund gepflegt wird („The Secret Life of Words“, 2005),
sowie als Folterer aus der Apartheid-Ära („Catch a Fire“, 2006).
Anfang 2006 führte
Robbins Regie bei einer
Bühnenadaption von
George Orwells Roman
„1984“, verfasst von
Michael
Gene Sullivan, einem Mitglied der mit dem Tony Award ausgezeichneten
San
Francisco Mime Troupe. Die Inszenierung feierte ihre Premiere bei der
Actors'
Gang an deren neuem Spielort, der Ivy Substation in Culver City,
Kalifornien. Neben Auftritten an Spielstätten in den gesamten Vereinigten
Staaten gastierte die Produktion auch in Athen (Griechenland), beim
Melbourne
International Festival in Australien sowie beim
Hong Kong Arts Festival.
Robbins wirkte in den Filmen „The Lucky Ones“
– an der Seite seiner Schauspielkollegin Rachel McAdams – sowie in „City
of Ember“ (beide 2008) mit. Seine nächste Filmrolle übernahm Robbins
als Senator Hammond in dem Superheldenfilm „Green Lantern“ (2011).
Im Jahr 2010 veröffentlichte Robbins das Album „Tim
Robbins & The Rogues Gallery Band“ – eine Sammlung von Liedern, die er
im Laufe von 25 Jahren geschrieben hatte und mit der er schließlich auf
Welttournee ging. Bereits 1992, nach dem Erfolg seines Films „Bob Roberts“,
war ihm ursprünglich die Gelegenheit geboten worden, ein Album aufzunehmen; er
lehnte jedoch ab, da er „zu großen Respekt vor dem Prozess“ hatte – nicht
zuletzt, weil er miterlebt hatte, wie hart sein Vater als Musiker gearbeitet
hatte – und weil er das Gefühl hatte, zu jenem Zeitpunkt noch nichts wirklich
Wichtiges zu sagen zu haben. Robbins führte von 1988 bis 2009 eine
langjährige Beziehung mit der Schauspielerin Susan Sarandon, mit der er
einen gemeinsamen Sohn hat. Von 2017 bis 2022 war er mit der Schauspielerin Gratiela
Brancusi verheiratet. Er ist bekannt für sein umfangreiches politisches
Engagement auf liberaler Seite, wozu auch sein Widerstand gegen den Irakkrieg
zählt.
Zuletzt war Tim Robbins in den Serien „Castle
Rock“ (2019) und „Silo“ (seit 2023) zu sehen.
Filmografie:
1979: Buck Rogers (Buck Rogers in the 25th Century, Fernsehserie)
1982: Chefarzt Dr. Westphall (St. Elsewhere, Fernsehserie)
1983: Die Football-Prinzessin (Quarterback Princess)
1983: Love Boat (The Love Boat, Fernsehserie, Folge 8x02)
1984: Legmen (Fernsehserie)
1984: Hardcastle & McCormick (Fernsehserie)
1984: California Clan (Santa Barbara, Fernsehserie)
1984: Polizeirevier Hill Street (Hill Street Blues, Fernsehserie)
1984: Schnitzeljagd – Teenage Apocalypse (Toy Soldiers)
1984: Eine starke Nummer (No Small Affair)
1985: American Eiskrem (Fraternity Vacation)
1985: Der Volltreffer (The Sure Thing)
1985: Das Model und der Schnüffler (Moonlighting, Fernsehserie)
1985: Verrücktes Hollywood (Malice in Wonderland, Fernsehfilm)
1986: Unglaubliche Geschichten (Amazing Stories, Fernsehserie)
1986: Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel (Top Gun)
1986: Howard – Ein tierischer Held (Howard the Duck)
1987: Pinguine in der Bronx (Five Corners)
1988: Annies Männer (Bull Durham)
1988: Tapeheads – Verrückt auf Video (Tapeheads)
1989: Miss Firecracker
1989: Twister – Keine ganz normale Familie (Twister)
1989: Erik der Wikinger (Erik the Viking)
1990: Cadillac Man
1990: Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits (Jacob’s Ladder)
1991: Jungle Fever
1992: The Player
1992: Bob Roberts (auch Regie)
1986–1992: Saturday Night Live (Fernsehshow, als Ensemblemitglied)
1993: Short Cuts
1994: Hudsucker – Der große Sprung (The Hudsucker Proxy)
1994: Die Verurteilten (The Shawshank Redemption)
1994: Prêt-à-Porter
1994: I.Q. – Liebe ist relativ (I.Q.)
1995: Dead Man Walking – Sein letzter Gang (Dead Man Walking, nur Regie)
1997: Nix zu verlieren (Nothing to Lose)
1999: Arlington Road
1999: Austin Powers – Spion in geheimer Missionarsstellung (Austin Powers: The Spy Who Shagged Me)
1999: Das schwankende Schiff (Cradle Will Rock, nur Regie)
2000: Mission to Mars
2000: High Fidelity
2001: Startup (Antitrust)
2001: Human Nature – Die Krone der Schöpfung (Human Nature)
2002: The Truth About Charlie
2003: Freedom: A History of Us (Fernsehserie)
2003: Mystic River
2003: Code 46
2004: Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy (Anchorman: The Legend of Ron Burgundy)
2005: Krieg der Welten (War of the Worlds)
2005: Das geheime Leben der Worte (The Secret Life of Words)
2005: Embedded (auch Regie)
2005: Zathura – Ein Abenteuer im Weltraum (Zathura: A Space Adventure)
2006: Catch a Fire
2006: Kings of Rock – Tenacious D (Tenacious D in The Pick of Destiny)
2006: Tim Robbins: The Punk Gets Responsible (Kurzfilm)
2007: Noise – Lärm! (Noise)
2008: The Lucky Ones
2008: Possible Side Efects (Fernsehfilm, nur Regie)
2008: City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit (City of Ember)
2011: Green Lantern
2011: Cinema Verite – Das wahre Leben (Cinema Verite)
2012: Thanks for Sharing – Süchtig nach Sex (Thanks for Sharing)
2012: Empire of War – Der letzte Widerstand (Yi jiu si er)
2013: Life of Crime
2015: A Perfect Day
2015: The Brink – Die Welt am Abgrund (The Brink, Fernsehserie, 10 Folgen)
2017: Marjorie Prime
2018: Here and Now (Fernsehserie, 10 Folgen)
2019: Vergiftete Wahrheit (Dark Waters)
2019: 45 Seconds of Laughter (Dokumentarfilm, Regie)
2019: Castle Rock (Fernsehserie, 10 Folgen)
seit 2023: Silo (Fernsehserie)
Playlist:
01. Atli Örvarsson - Spoken Request (SILO - Season 1) - 04:24
02. Harold Faltermeyer - Love Scene (Top Gun) - 03:42
03. James Newton Howard - Penguin (Five Corners) - 03:13
04. Thomas Newman - Good Dog's Water (The Player) - 02:39
05. Thomas Newman - Compass and Guns (The Shawshank Redemption) - 05:36
06. Carter Burwell - Norville Suite (The Hudsucker Proxy) - 03:54
07. Jerry Goldsmith - End Credits (I.Q.) - 04:05
08. Marcelo Zarvos - End Credits (Dark Waters) - 03:27
09. John Barry - Jenning As Dark Overload (Howard the Duck) - 07:21
10. Angelo Badalamenti - The Truth Is Out There (Arlington Road) - 03:11
11. Ennio Morricone - A Heart Beats In Space (Mission to Mars) - 07:58
12. Rachel Portman - Lola Is Killed (The Truth About Charlie) - 03:06
13. Thomas Newman - Hey Killer (Castle Rock) - 04:14
14. John Debney - Aftermath (Zathura) - 02:59
15. Clint Eastwood - Orchestral Variation #1 (Mystic River) - 07:36
16. The Free Association - Dreaming On A Train (Code 46) - 03:53
17. Rolfe Kent - Driving Across Prairie (The Lucky Ones) - 01:58
18. John Williams - Bodies In the Water / Ray and Rachel (War of the Worlds) - 03:46
19. Andrew Lockington - Escape to Sunrise (City of Ember) - 04:57
20. James Newton Howard - Prologue / Parallax Unbound (Green Lantern) - 03:09
21. Robert Folk - Locked Up Tight (Nothing to Lose) - 03:10
22. Angelo Badalamenti - Lament For Leah (Arlington Road) - 03:51
23. David Robbins & Nusrat Fateh Ali Khan - The Execution (Dead Man Walking) - 04:22
24. Thomas Newman - Brooks Was Here (The Shawshank Redemption) - 05:17
25. Graeme Revell - Parade (Human Nature) - 02:37
26. Maurice Jarre - Sarah (Jacob's Ladder) - 07:17
27. Harold Faltermeyer - Mav Reflects In Goose's Room / Mav Bugs Out (Top Gun) - 11:04
Betrachtet man John Carpenters „Halloween“
(1978) als Meilenstein des Slasher-Horror-Genres, verdankt der Film seine
Wirkung auch der ungewöhnlichen Kameraarbeit von Dean R. Cundey, der zu
den ersten Kameraleuten zählt, der die Steadicam eingesetzt hat. Seither hat Cundey
nicht nur weiterhin für John Carpenter gearbeitet, sondern auch mit
prominenten Regisseuren wie Steven Spielberg, Robert Zemeckis, Joel
Schumacher, Nancy Myers und Ron Howard. Ebenso prominent ist die
Musik, die in der heutigen Sendung zu Filmen wie „Casper“, „Die
Klapperschlange“, „Liebe braucht keine Ferien“, „Was Frauen wollen“, „Zurück in
die Zukunft“, „Hook“ oder „Jurassic Park“ von Komponisten wie Jerry
Goldsmith, James Horner, Alan Silvestri, John Williams, Hans Zimmer, Ennio
Morricone und John Carpenter zu hören ist.
Dean Raymond Cundey wurde am 12. März 1946 im
kalifornischen Alhambra geboren und bastelte bereits als Kind begeistert
Modellkulissen, mit denen er sein frühes Interesse an Filmen bekundet haben
dürfte, ebenso seine Leidenschaft für das Magazin „American Cinematographer“. Während
seines Studiums an der UCLA Film School war der zweifache Oscargewinner und
Kameramann James Wong Howe („Die tätowierte Rose“, „Der alte Mann und
das Meer“) einer seiner Dozenten. Nach dem Abschluss seines Studiums im
Jahr 1968 arbeitete Cundey zunächst in unterschiedlichen Funktionen in
Low-Budget-Produktionen, teils als Beleuchter oder als Make-Up-Künstler bei
„Nackt auf hartem Sattel“ (1968). Schließlich folgten Engagements als
Hauptkameramann für heute längst vergessene Werke wie „Zum Killen dressiert“
(1973), „So Evil, My Sister“ (1974), „That Girl From Boston“
(1975), „Black Shampoo“ (1976) und „Satan’s Cheerleaders“ (1977).
Als Cundey die Produzentin Debra Hill kennenlernte, engagierte
sie ihn für John Carpenters „Halloween“.
Cundeys Mitarbeit an dem Film brachte erhebliche
Vorteile mit sich. Neben seinem beachtlichen Können als Kameramann und Director
of Photography besaß er auch den Vorteil, den Großteil seiner Ausrüstung selbst
in einem großen Van, dem sogenannten „Filmvan“, transportieren und
unkompliziert von einem Drehort zum nächsten wechseln zu können.
Cundeys Arbeit an
„Halloween“ zählt zu den
besten seiner Karriere. Neben seinem Talent für Lichtsetzung, insbesondere in
der berühmten Flurszene, in der das verborgene Gesicht von Michael Myers
langsam durch ein blaues Licht neben der Maske enthüllt wird, gehörte er zu den
ersten Kameramännern, die die damals noch recht neue Steadicam, auch Panaglide
genannt, einsetzten.
Der Panaglide ermöglichte es dem Kameramann, die Kamera
quasi zu tragen und Aufnahmen zu machen, die zuvor als zu schwierig oder gar
unmöglich galten. In „Halloween“ diente der Panaglide als Referenzpunkt
für Michael Myers‘ Perspektive und zeigte dem Publikum, was er sah.
Cundey arbeitete später erneut mit Carpenter und
Hill an den Filmen „The Fog“ (1980), „Die Klapperschlange“,
„Halloween II“ (beide 1981), „Das Ding aus einer anderen Welt“ und „Halloween
III – Die Nacht der Hexen“ (beide 1982). 1986 arbeitete er ein letztes Mal
mit Carpenter an dem aufwendig produzierten Fantasy-Abenteuerfilm „Big
Trouble in Little China“.
Neben seiner Arbeit mit Carpenter wirkte Cundey
unter anderem an Filmen wie „Psycho II“ (1983), „Auf der Jagd nach
dem grünen Diamanten“ (1984), der „Zurück in die Zukunft“-Trilogie
(1985–1990), „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (1988), „Road House“ (1989), „Hook“
(1991), „Jurassic Park“ (1993), „Apollo 13“ (1995), „Was Frauen wollen“
(2000), „Garfield – Der Film“ (2004) und „Liebe braucht keine Ferien“
(2006) mit. 1997 gab er mit der Direct-to-Video-Fortsetzung „Liebling,
wir haben uns geschrumpft“ sein Regiedebüt.
Zuletzt arbeitete er in Kanada an „Camp Rock“, einem
von mehreren Filmen, die er außerhalb der USA drehte, darunter auch „Falsches
Spiel mit Roger Rabbit“, der hauptsächlich in England entstand und der Cundey
seine bislang einzige Oscar-Nominierung einbrachte.
Im Jahr 2011 drehte Cundey den Comedyfilm „Jack
and Jill“, bei dem aufwendige Split-Screen- und Motion-Control-Effekte zum
Einsatz kamen, um die Illusion zu erzeugen, dass Schauspieler Adam Sandler mit
mehreren Leinwandfiguren interagiert.
Im Jahr 2002 wurde Cundey mit einem Daytime Emmy für
sein Mitwirken an einer Episode der Sendung „Religion & Ethics Newsweekly“
ausgezeichnet. Die Society of Camera Operators zeichnete ihn 1999 mit
dem President’s Award aus. 2014 wurde er mit dem ASC Lifetime Achievement Award
geehrt.
„Für mich liegt die besondere Befriedigung in meinem Beruf
als Kameramann – man könnte es fast meinen persönlichen Egotrip nennen – darin,
zu wissen, dass meine Arbeit auch nach meinem Tod weiterleben wird“, bekannte Cundey
in einem Interview. „Die meisten Menschen haben Berufe, in denen die Arbeit
nach getaner Arbeit verschwindet. Ich habe das große Glück, in einem Beruf mit
bleibendem Wert zu arbeiten. Er verleiht mir eine einzigartige Form der
Unsterblichkeit. Sie ist natürlich nicht vergleichbar mit der Unsterblichkeit
großer Künstler wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Aber in
gewisser Weise bedeutet sie, dass zukünftige Generationen meine Arbeit
entdecken und wissen können, dass ich zu diesem Zeitpunkt hier war.“
Filmografie (Auswahl):
1973: Zum Killen dressiert (The No Mercy Man)
1973: Brother on the Run
1974: Wo der rote Farn wächst (Where the Red Fern Grows)
1974: So Evil, My Sister
1975: That Girl From Boston
1976: The Witch Who Came from the Sea
1976: Black Shampoo
1976: Creature from Black Lake
1976: Der Bastard (The Human Tornado)
1977: Satan’s Cheerleaders
1977: Action Man – Ein Mann, ein Kämpfer
1977: Charge of the Model T’s
1978: Hi Riders – Jungs, lasst die Fetzen fliegen (Hi-Riders)
1978: Goodbye, Franklin High
1978: Hanging on a Star
1978: Halloween – Die Nacht des Grauens (John Carpenter’s Halloween)
1978: The Kid from Not-So-Big
1979: Die unschlagbaren Sieben von Las Vegas (Angels‘ Brigade)
1979: Rock ’n’ Roll Highschool (Rock ’n’ Roll High School)
1979: Roller Boogie
1979: The Fog – Nebel des Grauens (John Carpenter’s The Fog)
1980: Galaxina
1980: Alien Shock
1980: Das Geheimnis der fliegenden Teufel (Without Warning)
1981: Die Klapperschlange (Escape from New York)
1981: Separate Ways
1981: King Kobra
1981: Halloween II – Das Grauen kehrt zurück (Halloween II)
1982: Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing)
1982: Halloween III (Halloween III – Season of the Witch)
1982: Citizen Soldier
1983: The Invisible Woman (Fernsehfilm)
1983: Die Initiative (M.A.D.D.: Mothers Against Drunk Drivers, Fernsehfilm)
1983: Psycho II
1983: Die Chaotenclique (D.C. Cab)
1984: Amazons (Fernsehfilm)
1984: Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten (Romancing the Stone)
1984: Exit – Ausgang ins Nichts (Invitation to Hell)
1985: Warnzeichen Gen-Killer (Warning Sign)
1985: Zurück in die Zukunft (Back to the Future)
1986: Big Trouble in Little China
1987: Projekt X (Project X)
1988: Zwei mal Zwei (Big Business)
1988: Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who Framed Roger Rabbit)
1989: Geschichten aus der Gruft (Tales from the Crypt, Fernsehserie, eine Folge)
1989: Zurück in die Zukunft II (Back to the Future Part II)
1989: Road House
1990: Zurück in die Zukunft III (Back to the Future Part III)
1991: Hook
1991: Valkenvania – Die wunderbare Welt des Wahnsinns (Nothing But Trouble)
1992: Der Tod steht ihr gut (Death Becomes Her)
1993: Jurassic Park
1994: Flintstones – Die Familie Feuerstein (The Flintstones)
1995: Casper
1995: Apollo 13
1997: Flubber
1997: Liebling, jetzt haben wir uns geschrumpft (Honey, We Shrunk Ourselves) (Regie)
1998: Ein Zwilling kommt selten allein (The Parent Trap)
1999: Battlestar Galactica: The Second Coming
2000: Was Frauen wollen (What Women Want)
2003: Looney Tunes: Back in Action
2004: Garfield – Der Film (Garfield: The Movie)
2005: The West Wing: Im Zentrum der Macht (The West Wing, TV-Serie)
2006: Liebe braucht keine Ferien (The Holiday)
2007: The Whisper – Die Stimme des Bösen (The Whisper)
2008: Camp Rock
2009: Ein Pferd fürs Leben (Amazing Racer)
2010: Spy Daddy
2011: Jack und Jill (Jack and Jill)
2013: Crazy Kind of Love
2013: Unter Feinden – Walking with the Enemy (Walking with the Enemy)
2014: Freiheit (Freedom)
2015: The Girl in the Photographs
2015: Diablo
2017: Liebe zu Besuch (Home Again)
2017: Slamma Jamma
2019: Anastasia (Anastasia: Once Upon a Time)
2022: Das Buch von Boba Fett (The Book of Boba Fett, Mini-Serie)
2023: The Mandalorian (TV-Serie)
Playlist:
01. John Carpenter - End Credits (Halloween) - 03:33
02. John Carpenter & Alan Howarth - The Duke Arrives / Barricade (Escape From New York) - 03:35
03. Alan Silvestri - Struggling for the Stone (Romancing the Stone) - 06:03
04. Alan Silvestri - It's Been Educational / Clocktower (Back to the Future) - 10:32
05. Alan Silvestri - Eddie's Theme (Who Framed Roger Rabbit) - 05:22
06. Jerry Goldsmith - Mother's Room #2 (Psycho II) - 04:28
07. James Horner - A Square Peg (Apollo 13) - 03:48
08. John Carpenter - The Fog Enters Town (The Fog) - 07:24
09. Craig Safan - End Credits (Warning Sign) - 03:22
10. John Carpenter & Alan Howarth - Wing Kong Exchange (Big Trouble In Little China) - 04:41
11. Ennio Morricone - End Credits (The Thing) - 04:37
12. John Williams - The Never-Feast (Hook) - 04:42
13. John Williams - Welcome to Jurassic Park (Jurassic Park) - 07:53
14. James Horner - First Lesson (Project X) - 03:20
15. Jeff Rona - Raining Steel (Whisper) - 05:23
16. Alan Silvestri - Goodbye Clara (Back to the Future III) - 03:03
17. James Horner - One Last Wish (Casper) - 04:21
18. Danny Elfman - Gamma Ray (Flubber) - 03:03
19. Ludwig Göransson - Face to Face (Star Wars: The Mandalorian - Chapter 1) - 05:12
20. Hans Zimmer - Maestro (The Holiday) - 03:53
21. Alan Silvestri - End Credits (Death Becomes Her) - 05:55
22. Alan Silvestri - Searching For Erin (What Women Want) - 04:05
23. Jerry Goldsmith - Dead Duck Walking (Looney Tunes: Back in Action) - 03:13
24. John Carpenter & Alan Howarth - Halloween II Suite A (Halloween II) - 10:05
Laut einer Umfrage von „Sight and Sound“ im Jahr 2002
belegte der Hongkonger Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent Wong
Kar-Wai bei einer Umfrage zu den größten Filmemachern der letzten 25 Jahre
den dritten Platz. Tatsächlich zählen seine Werke seit seinem Debüt „As
Tears Go By“ (1988) regelmäßig zu den besten internationalen Filmen und
zeichnen sich durch eine nichtlineare Erzählweise, atmosphärische Musik und
lebendige Kinematographie mit kräftigen, satten Farben aus. Auch wenn er bei
der Verleihung der Oscars bislang stets ignoriert worden ist, hat er für seine
Filme wie „Glücklich vereint“, „2046 – Der ultimative Liebesfilm“, „Der
Klang der Liebe“ und „The Grandmaster“ doch etliche internationale
Filmpreise eingeheimst.
Wong Kar-Wai wurde am 17. Juli 1958 in Shanghai als jüngstes
von drei Geschwistern geboren. Sein Vater war Seemann, seine Mutter Hausfrau. Als
Wong fünf Jahre alt war, begannen die Keime der Kulturrevolution in
China zu wirken, und seine Eltern beschlossen, nach Hongkong umzuziehen. Die
beiden älteren Kinder sollten später nachkommen, doch die Grenzen schlossen,
bevor sie dazu Gelegenheit hatten, und Wong sah seine Geschwister zehn Jahre
lang nicht wieder. In Hongkong ließ sich die Familie in Tsim Sha Tsui nieder,
und sein Vater arbeitete als Manager eines Nachtclubs. Als Einzelkind in einer
neuen Stadt fühlte sich
Wong in seiner Kindheit isoliert. Er hatte Mühe,
Kantonesisch und Englisch zu lernen und sprach diese neuen Sprachen erst als
Teenager fließend.
Als Jugendlicher nahm seine Mutter Wong oft mit ins
Kino und sah dort eine Vielzahl von Filmen. Später sagte er: „Mein einziges
Hobby als Kind war das Anschauen von Filmen.“ 1980 studierte er Grafikdesign am
Hong Kong Polytechnic, brach das Studium jedoch ab, nachdem er zu einem
Ausbildungskurs beim Fernsehsender TVB angenommen worden war, wo er als Produktionsassistent
arbeitete.
Bald begann er eine Karriere als Drehbuchautor, zunächst für
eine Hongkonger Lokalserie und Seifenopern wie „Wenn die Gondeln Trauer
tragen“ (1981), bevor er sich dem Schreiben von Filmdrehbüchern zuwandte. Er
arbeitete im Team und verfasste Beiträge für verschiedene Genres, darunter
Liebesfilme, Komödien, Thriller und Krimis, konnte sich aber wenig für diese
frühen Projekte begeistern, die der Filmwissenschaftler Gary Bettinson
als „gelegentlich kurzweilig und meist entbehrlich“ beschrieb. Dennoch schrieb er
in den 1980er Jahren weiter an Filmen wie „Just for Fun“ (1983), „Rosa“
(1986) und „The Haunted Cop Shop of Horrors“ (1987). Wong
verbrachte zwei Jahre damit, das Drehbuch für Patrick Tams Actionfilm „Final
Victory“ (1987) zu schreiben, für den er bei den 7. Hong Kong Film Awards
nominiert wurde.
1987 erreichte die Hongkonger Filmindustrie ihren Höhepunkt
und erfreute sich eines beachtlichen Wohlstands und hoher Produktivität. Um
diesen Erfolg aufrechtzuerhalten, wurden neue Regisseure benötigt. Dank seiner
Verbindungen in der Branche wurde Wong eingeladen, Partner der neuen
unabhängigen Firma In-Gear zu werden und seinen eigenen Film zu drehen.
Als
John Woo 1986 mit
„A Better Tomorrow“
begann, Geschichten aus dem chinesischen Mafiamilieu mit Themen um
traditionelle chinesische Werte wie Treue, Ehre und Freundschaft zu erzählen
und dabei sowohl brutale Gewalt als auch eine bis zur Kitschgrenze anmutende
Emotionalität zu verbinden, war das zugleich die Geburtsstunde des sogenannten
Actionfilm-Subgenres „Heroic Bloodshed“. Vor diesem Hintergrund, aber auch
unter Berücksichtigung der Vorbilder
Sam Peckinpah („
Wer Gewalt sät“,
„Getaway“) und
Martin Scorsese („Hexenkessel“) entstand
Wong
Kar-Wais Erstlingswerk
„As Tears Go By“. Der Film beschreibt das
Wechselbad der Gefühle, das der kompromisslose Tiraden-Ausputzer Wah durchlebt,
wenn er einerseits seinem allzu naiven und sorglosen Fly immer wieder beistehen
muss, andererseits aber zunehmend stärkere Gefühle für seine Cousine entwickelt,
es aber nicht schafft, ein Leben jenseits von Gewalt und Verbrechen zu führen.
Zwar spielt sich die Gangster-Geschichte in konventionellen Bahnen ab und wird
von dem Wechselspiel von gegenseitigen Angriffen zwischen den beiden
Alphamännchen der Tirade vorangetrieben, doch demonstriert
Kar-Wai in
den Kampfszenen bereits seinen eigenen Stil, wenn er sie in Zeitlupe und mit
niedriger Bildrate inszeniert und dabei immer wieder interessante Perspektiven
findet, die aus den Nahkämpfen und Schießereien kleine Kunstwerke machen. Die
Liebesgeschichte zwischen Wah und Ngor kommt dabei leider etwas kurz, aber
gerade diese Art von Geschichten sollen die nachfolgenden Werke von
Kar-Wai
prägen. Vor allem die stilisierte Farbgebung mit grellen Großstadtfarben
verleihen der Mischung aus Film noir, Nouvelle Vague, Hongkong-Action und
Liebesdrama ihren besonderen Reiz, aber auch die Chemie zwischen dem ehemaligen
Model
Maggie Cheung und
Andy Lau funktioniert bestens.
Kar-Wais zweiter Film „Days of Being Wild“
(1990) markierte auch den Beginn der langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem
Autorenfilmer und dem australischen, dem Hongkong-Kino eng verbundenen
Kameramann Christopher Doyle, der fortan den magischen Look von Kar-Wais
Werken prägen sollte.
Mit
„Days of Being Wild“ hat
Wong Kar-Wai
versucht, das Hongkong seiner Kindheit wiederzubeleben, wozu sein neuer
Kameramann
Christopher Doyle („Paranoid Park“, „The Limits of
Control“) die passenden Bilder kreiert hat.
Kar-Wais zweiter Film
darf als Blaupause für nahezu alle weiteren Werke des Ausnahmeregisseurs
betrachtet werden, legt er hier doch den Grundstein für episodenhaft
zusammengesetzte Geschichte zwischen Figuren, die immer mal wieder auch in
späteren Filmen wieder auftauchen, manchmal mit dem gleichen Namen wie
beispielsweise Li-zhen, der wir – wiederum von
Maggie Cheung verkörpert
– in
„In the Mood for Love“ wiederbegegnen. Der Plot wird zwar von
Yuddys Suche nach seiner wirklichen Mutter vorangetrieben, doch um dieses eher
sporadisch verfolgtes Ansinnen herum thematisiert
„Days of Being Wild“
vor allem die (oft vergebliche) Suche der Figuren nach Liebe. Dabei spielen
immer wieder auftauchende Motive wie Gitter, Uhren und Regen ebenso eine Rolle
wie das melancholische Gefühl der Isolation, was durch die monochromatisch
grüne Farbgebung, die regenfeuchten Nächte und die eingeschränkten Blickwinkel
von Großaufnahmen und Halbnahdarstellungen noch verstärkt wird.
Wong
Kar-Wais zweiter Film verzaubert weniger durch die ziellos wirkenden
Romanzen als durch das Zusammenspiel von symbolträchtigen Bildern und
stimmungsvoller Musik in einem nostalgisch anmutenden Drama ohne Happy End. Die
eigentlich geplante Fortsetzung wurde nicht realisiert, da sich
„Days of
Being Wild“ als Flop erwies und die Zusammenarbeit zwischen
Wong Kar-Wai
und Produzent
Alan Tang beendete.
Nachdem
Wong Kar-Wai mit seinen ersten beiden Filmen
„As
Tears Go By“ (1988) und
„Days of Being Wild“ (1990) vor allem Kenner
des Hongkong-Kinos in den Bann zog, gelang dem hippen Autorenfilmer mit seinem
dritten Film
„Chungking Express“ (1994) der internationale Durchbruch –
Quentin
Tarantino sei Dank! Der besorgte dem Film nämlich mit Miramax einen
weltweiten Vertrieb und erhielt durch
Tarantino selbst nicht bezahlbare
Mundpropaganda. Dabei setzte
„Chungking Express“ nur die Art des
Filmemachens fort, die
Kar-Wai vor allem mit
„Days of Being Wild“
als individuellen Stil manifestierte, als eine Collage von Einzelschicksalen
auf der Suche nach Liebe.
Das Konzept der losen, episodenhaften Erzählung gerade aus „Days
of Being Wild“ greift Wong Kar-Wai in „Chungking Express“
noch radikaler auf, stehen nun mit einer von ihren Partnern betrogenen
Drogenschmugglerin, zwei Polizisten, die sich vor allem über ihre Dienstnummern
identifizieren, und eine liebeskranke Imbiss-Angestellte gleich mehrere Figuren
im nicht näher ausgemachten Fokus des Episoden-Reigens. Wong Kar-Wai
scheint sich nicht besonders für sie zu interessieren, gewinnen sie doch in der
losen, weitgehend spannungslosen Erzählung kaum Kontur und bieten wenig
Identifikationspotentiale für die Zuschauer. Es ist vielmehr der audiovisuelle
Stil, der „Chungking Express“ seinen ureigenen Sog verdankt, denn in der
postmodernen Symbiose von Godards Ästhetik bis hin zur
Video-Clip-Ästhetik von MTV bietet Kar-Wais Film ein erneut
melancholisches, aber poetisches Zusammentreffen einsamer, sich nach Liebe
sehnender Menschen, die dem großstädtischen Moloch nicht entfliehen können und
einsam ihren neurotischen Neigungen nachgehen, weil sie die Liebe, selbst wenn
sie bereits in ihren eigenen vier Wänden nistet, nicht wahrnehmen, so sehr sind
sie sich selbst entfremdet.
Spielten sich die ersten drei Werke des seit „Chungking
Express“ auch international gefeierten Regisseurs noch in den dreckigen,
neongrellen und anonymen Vierteln der Großstadt ab, verlegte der selbsternannte
Martial-Arts-Fan Kar-Wai die Kulisse für seinen ebenfalls 1994
entstandenen Film „Ashes of Time“ in die chinesische Wüste. Nachdem das
hastig zu den Filmfestspielen von Venedig fertiggestellte Werk damals an den
Kinokassen floppte, überarbeitete Kar-Wai den Film im Jahr 2008, kürzte den
Film um sieben Minuten und ließ den Score für „Ashes of Time Redux“ komplett
erneuern.
Wong Kar-Wai hat sich als Fan klassischer
chinesischer Martial-Arts-Romane für
„Ashes of Time“ von einem Epos des
Journalisten
Jin Yong inspirieren lassen, das wie viele seiner Werke als
Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen veröffentlicht wurde, so auch das zwischen
1957 und 1959 erschienene
„The Legend of the Condor Hero“. Zusammen mit
seinen fest zum Stab gehörenden Kameramann
Christopher Doyle und
Produktionsdesigner
William Chung inszenierte
Kar-Wai einen Film,
das mit klassischen Martial-Arts-Filmen wenig gemein hat, denn im Mittelpunkt
stehen nicht die Kampfszenen, sondern die Schicksale der Figuren, die in loser
Folge in der einsam in der Wüste gelegenen Behausung des
Auftragsmord-Vermittlers Ou-yang Feng auftauchen, der die Episoden mit
Rückblenden und Erinnerungen als Erzähler aus dem Off irgendwie
zusammenzuhalten versucht. Da man über die Komplexität der emotionalen
Verwicklungen aus Begehren, Zurückweisung, Rachedurst, Schmerz und Enttäuschung
schnell den Überblick verliert, dient die vordergründig eingesetzte Musik und
die vertraut ästhetisierten Bilder für den Zusammenhalt. Natürlich sind die
vorwiegend in Gelb-, Grün- und Blautönen gehaltenen Bilder, die gekippten
Horizonte und die ungewöhnlichen Perspektiven gewohnt beeindruckend und von
magischer Schönheit. Durchbrochen wird dieser melancholische Fluss der Bilder
durch die gelegentlichen Kampfszenen, wie durch verschiedene Filter- und
Shutter-Effekte demontiert und zu einer geräuschvollen Collage in
Extremzeitlupe zusammengesetzt werden, die der Ästhetik von Musikvideos sehr
nahekommt. Am Ende erzählt
„Ashes of Time“ in vertrackten Episoden von
Liebe und Einsamkeit, von Schmerz und Tod, von Erinnern und Vergessen, von
Zuneigung und Zurückweisung. Schade nur, dass die Figuren bei all der Schönheit
so blass bleiben und wie im Fiebertraum vorüberziehen.
Bereits mit seinen vorangegangenen Filmen hat es sich
Hongkongs Arthouse-Filmer Wong Kar-Wai zur Regel gemacht, eine lose
Anzahl von Figuren zu begleiten, wie sie sich von der Trennung früherer
Geliebter erholen und eine neue Liebe zu finden versuchen, wobei er das Ganze
in neongrellen Farben in ungewöhnlichen Perspektiven und ästhetisierten Montagen
und mit einem dazu passenden Soundtrack verpackte. Sein 1995 entstandener Film „Fallen
Angels“ darf als direkte Fortführung von „Chungking Express“
verstanden werden, war er doch als dritte Episode der beiden im Vorgängerfilm
angedacht, die dann aber bereits Spielfilmlänge eingenommen haben.
Ebenso wie in
„Chungking Express“ begleitet
Wong
Kar-Wai seine sehr jungen Figuren durch zufällig wirkende Momente ihres
Lebens, lässt sie aufeinander zugehen und wieder abprallen, und wie eine
Flipperkugel betritt nach einem harten Schnitt die nächste Figur die Bühne.
Hier übt niemand einen klassischen Beruf aus, sondern jeder schafft sich aus
der Not heraus sein ganz eigenes Leben. Hier ist der Killer, der aus seiner
Unlust, Entscheidungen zu treffen, froh ist, dass er von seiner Agentin Ort und
Zielpersonen mitgeteilt bekommt und er nur noch den Auftrag ausführen muss. Die
Agentin wiederum droht an der unerwiderten Liebe zu ihm zu zerbrechen,
verschafft sich Zugang zu seiner Wohnung und masturbiert verzweifelt auf dem
Bett ihres Partners, der nicht mehr ihr Partner sein will. Unglücklich verläuft
auch die Liaison zwischen dem stummen Kleinkriminellen Ho Chi Mo und der
hyperaktiven Cherry. Mit Fragmenten wie dem Video, das Ho Chi Mo von seinem
Vater dreht, das dieser sich an seinem 60. Geburtstag vergnügt anschaut, der
blonden Gummipuppe, die er Cherry zum Abreagieren ihrer Rachegefühle gegen
Blondie besorgt, und dem Eiswagen, mit dem er nachts eine ganze Familie durch
Hongkong kutschiert, verleiht
Wong Kar-Wai den verzweifelt um Liebe
suchenden Menschen etwas Persönlichkeit. Dabei variiert er zwischen Kitsch und
Action, lässt seinen Haus-Kameramann
Christopher Doyle mit greller
Musikclip-Ästhetik ein Tableau bereitstellen, das mit schnellen Schnitten,
extremen Weitwinkelaufnahmen, Zeitraffer und Zeitlupen, Schwarzweiß- und
Stop-Motion-Bildern eine wilde, fieberglänzende Achterbahnfahrt der Gefühle
zeichnet, bei der die Liebe ein kurzes Verfalldatum zu haben scheint.
Nach den sehr episodenhaft und stark fragmentiert erzählten
Filmen wie
„As Tears Go By“, „Days of Being Wild“ und
„Fallen Angels“
ging der mittlerweile durch die Fürsprache von
Quentin Tarantino auch
international bewunderte Autorenfilmer mit
„Happy Together“ (1997) einen
neuen Weg. Allerdings täuscht der Titel ein Glück vor, das im Leben der beiden
Protagonisten keinen Bestand hat.
Während
Wong Kar-Wai in seinen früheren Werken ein
ganzes Ensemble an unterschiedlichen Leuten durch eine wahllos zerstückelte
Handlung führte, wagte er es in
„Happy Together“ erstmals, sich auf ein
einziges Liebespaar zu konzentrieren und bei den beiden Protagonisten zu
bleiben. Der irreführende Titel des Films verweist dabei lediglich auf die
Vergangenheit des schwulen Pärchens, von dem wir nicht wissen, wie es sich in
Hongkong kennengelernt und warum es sich auseinandergelebt hat, denn die
Handlung spielt sich vorwiegend im fernen Argentinien ab, wo die Welt nicht
viel anders aussieht als in der Heimat. Obwohl Lai Yiu-Fai und Ho Po-wing
wissen, dass ihre Beziehung zu Ende ist, können sie sie nicht einfach beenden.
Einzelne rauschhafte Glücksmomente, die in der körperlichen Vereinigung und dem
unbelasteten Ausleben ihrer Gefühle erleben, haben offensichtlich ein Band
geknüpft, das sich nicht so einfach zerreißen lässt. Als Zuschauer bemerkt man
jedoch nach wenigen Szenen, dass die Beziehung keine Zukunft hat. Für Lai
genügt schon die Gegenwart eines sympathischen Arbeitskollegen, um sich
gefühlsmäßig neu zu binden.
Kar-Wai und sein Stamm-Kameramann
Christopher
Doyle begleiten diese toxische Beziehung mit ungewohnt ruhig fließenden
Bildern, die längst nicht so hektisch zusammengeschnitten sind wie in
Kar-Wais
früheren Werken. Zwar wechselt sich die vertraut grelle Farbgebung immer mal
wieder mit grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern ab, begegnen uns die bekannten
ungewöhnlichen Blickwinkel und Horizontverschiebungen, aber insgesamt wirkt
„Happy
Together“ erstmals wie aus einem Guss und macht das Gefühlsleben der
Protagonisten nachvollziehbarer, weil sich
Kar-Wai ausnahmslos um sie
kümmert. Das tut dem Film einfach gut und macht ihn zum reifsten und
eindringlichsten Film des Ausnahmeregisseurs.
Mit seinem 2000 entstandenen Liebesfilm
„In the Mood for
Love“ hat
Wong Kar-Wai schließlich sein Meisterstück vorgelegt und
eine ungewöhnlich zarte Liebesgeschichte inszeniert, die an der Unvereinbarkeit
zwischen Wunsch, Tradition und Wirklichkeit auseinanderzubrechen droht, bevor
sie überhaupt begonnen hat.
Bereits mit dem irreführend „Happy Together“
betitelten Vorgängerfilm hat Wong Kar-Wai das Scheitern einer
Liebesbeziehung thematisiert, doch war die Beziehung zwischen den beiden jungen
Männern, die in Argentinien auf eine Wiederbelebung ihrer Liebe gehofft haben,
von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Bei „In the Mood of Love“ sind
die Vorzeichen genau umgekehrt. Hier bahnt sich mit dem gleichzeitigen Einzug
von Chow Mo-wan und Li-zhen in benachbarte Wohnungen erst eine Liebesbeziehung
an. Ihre jeweiligen Ehepartner bekommen wir nie zu sehen, nur zu hören, und im
Verlauf der Geschichte sind sie einfach verschwunden, werden nicht mehr
thematisiert, auch weil es den beiden Betrogenen zu unangenehm ist, voreinander
einzugestehen, dass sie von ihren Partnern so vorgeführt werden.
Interessanterweise stürzen sich die beiden nicht ebenfalls in eine Affäre,
vermeiden es, nicht zum Gegenstand von Getuschel und Gerüchten zu werden. So
warten sie nach einem gemeinsam verbrachten Abend so lange, bis ihre Vermieterfamilien
mit dem Mah-Jongg-Spielen fertig sind und sich zur Ruhe begeben haben, ehe
Li-zhen auf ihr eigenes Zimmer geht. Doch so vertraut und nah miteinander Chow
und Li-zhen auch sind, so sehr sie sich alles anvertrauen und zärtliche Gefühle
füreinander entwickeln, wollen sie doch nicht so treulos wie ihre Partner
agieren, versagen sich so ihr eigenes Glück. Wong Kar-Wai hat diese
unvollkommene Liebesgeschichte einmal mehr mit grandiosen Bildern von Christopher
Doyle (und zwei zusätzlichen Kameraleuten) eingefangen und mit einem
großartigen Soundtrack versehen, aus dem sich das von Shigeru Umebayashi komponierte
„Yumeji’s Theme“ wie ein Leitmotiv durch den Film zieht und von zeitgenössischer
chinesischer Folklore und drei spanischen Liedern von Nat King Cole
ergänzt wird.
Bryan Ferrys Coverversion von „In the Mood fo
Love“ durfte als Titelgeber für den Film fungieren, der den Geist einer
anderen Zeit atmet und die an sich perfekte Beziehung ohne Sex thematisiert.
Das Hotelzimmer mit der Nummer 2046, in dem Chow und Li-zhen ihre
Martial-Arts-Geschichten tauchen ebenso wie Chow und einige Musikstücke im
nachfolgenden Film von Wong Kar-Wai auf: „2046“. In dieser Art
von Fortsetzung verkörpert Tony Leung Chiu-wai erneut die aus dem
Vorgängerfilm bekannte Figur des Journalisten Chow Mo-wan. Und doch ist „2046“
ein ganz anderer Film geworden.
Auch wenn
Tony Leung Chiu-wai erneut in der Rolle des
Chow Mo-wan zu sehen ist, verkörpert er doch einen ganz anderen Mann als in
„In
the Mood for Love“. War er dort nicht bereit, sich auf eine Beziehung mit Su
Li-zhen (
Maggie Cheung) einzulassen, die ebenso wie er selbst von ihrem
Ehepartner betrogen worden ist, hat sich in
„2046“ das Blatt komplett
gewendet. Aus dem Journalisten wird nun ein Romanautor, dessen
Science-Fiction-Roman mit dem Titel 2046 sich allerdings recht komplex auf der
Handlungs- und Beziehungsebene gestaltet und immer wieder mit der eigentlichen
Filmhandlung durcheinandergerät. Vor allem ist aus dem zuvor so
zurückhaltenden, zuvorkommenden und höflichen Mann ein Womanizer geworden, der
sich auf keine feste Bindung mehr einlassen will, nachdem seine große Liebe
nicht ausgelebt werden konnte.
Wong Kar-Wai eröffnet „
2046“ mit
einem virtuos inszenierten Blick in die Zukunft. Wenn in dem grellleuchtenden,
grellbunten Universum nur schemenhaft erkennbare Schnellzüge durch die Szenerie
rasen, fühlt man sich an eine kompaktere Version von
Luc Bessons „Das
fünfte Element“ oder ein überbelichtetes Negativ von
Ridley Scotts „Blade
Runner“ erinnert. Aber auch die Szenen aus dem Hongkong der 1960er Jahre
sind wie gewohnt von
Christopher Doyle (und
Pun Leung Kwan)
grandios eingefangen und kreisen wie gewohnt um die Liebe, diesmal um den
Verlust der einzig großen Liebe, die nicht durch andere Beziehungen wieder
erlebt werden kann. Trotz der unübersichtlich verschachtelten Handlungsstränge
und Beziehungsgeflechte macht
„2046“ deutlich, wie schwer jeder Liebende
sich mit seinen Gefühlen tut. Das ist im Vergleich zum Meisterwerk
„In the
Mood for Love“ unnötig kompliziert fragmentiert worden, doch das Gefühl von
Trauer, Melancholie und Sehnsucht schwingt sich erhaben durch den ganzen Film.
Nachdem Michelangelo Antonioni mit „Jenseits der
Wolken“ (1995) einige Geschichten seines Erzählbandes „Bowling am Tiber“
verfilmt hatte, bekam der armenische, überwiegend in Frankreich arbeitende
Produzent Stéphane Tchalgadjieff die Idee, eine Trilogie rund um den „Eros“,
um Liebe und Begehren, zu realisieren, wobei neben Antonioni noch zwei
Regisseure verpflichtet werden sollten, die Antonioni künstlerisch
nahestanden.
In
„The Hand“ erzählt
Wong Kar-Wai die
Geschichte des jungen Schneiders Zhang (
Chang Chen), der sich in eine
seiner Kundinnen verliebt. Bei dem ersten Besuch in ihrer Wohnung muss er noch
auf Miss Hua (
Gong Li) warten, während er im Wohnzimmer durch die dünnen
Wände hört, wie sie gerade Sex mit einem Mann hat. Als er zu ihr ins
Schlafzimmer gebeten wird, kann er seine Erektion nicht verbergen, was Miss Hua
amüsiert, aber auch dazu animiert, ihn die Hosen ausziehen zu lassen und es ihm
mit der Hand zu besorgen. So beschämt Zhang über den Vorfall ist, legt er sich
doch ordentlich ins Zeug, besondere Sorgfalt bei den Kleidern für Miss Hua
walten zu lassen. Er besucht sie auch, als er erfährt, dass sie eine
Prostituierte ist. Als sie krank wird und nicht mehr arbeiten kann, zahlt er
sogar ihre Miete, doch seine Liebe bleibt unerwidert…
Wong Kar-Wai knüpft mit „The Hand“ nahtlos an
seine ästhetisierten Meisterwerke „In the Mood for Love“ und „2046“
an, wobei sein Stammkameramann Christopher Doyle natürlich einen
wesentlichen Anteil hat. Kar-Wai ist auch der einzige Filmemacher des Trios,
der eine sinnliche Geschichte zu erzählen vermag, ohne nackte Haut zu zeigen.
Dafür ist das Zusammenspiel von Chang Chen („Tiger & Dragon“,
„Red Cliff“) mit Gong Li („Rote Laterne“, „Die Geisha“) so
intensiv, dass die Spannung zwischen ihnen spürbar ist und die Dramaturgie der
Handlung entsprechend vorantreibt.
Anschließend beschloss Wong, einen englischsprachigen
Film in Amerika zu drehen, was er später mit den Worten begründete: „Es ist
eine neue Landschaft. Es ist ein neuer Hintergrund, also ist es erfrischend.“ Nachdem
er ein Radiointerview mit der Sängerin Norah Jones gehört hatte,
beschloss er sofort, sie zu kontaktieren, und sie unterschrieb die Hauptrolle. Wongs
Verständnis von Amerika basierte lediglich auf kurzen Besuchen und dem, was er
in Filmen gesehen hatte, doch er war bestrebt, das Land genau darzustellen.
Daher schrieb er den Film gemeinsam mit dem Autor Lawrence Block (einer
der seltenen Fälle, in denen ein Drehbuch im Voraus vorbereitet wurde). Der
Film mit dem Titel „My Blueberry Nights“ handelt von einer jungen New
Yorkerin, die zu einem Roadtrip aufbricht, als sie erfährt, dass ihr Freund
untreu war. Die Figuren, denen sie begegnet, waren Jude Law, Natalie
Portman, Rachel Weisz und David Strathairn.
Die Dreharbeiten zu
„My Blueberry Nights“ fanden 2006
über sieben Wochen an Originalschauplätzen in Manhattan, Memphis, Las Vegas und
Ely, Nevada, statt.
Wong produzierte den Film auf die gleiche Weise wie
in Hongkong, und die Themen und der visuelle Stil blieben – obwohl Doyle
durch Kameramann Darius Khondji ersetzt wurde – gleich. „My Blueberry
Nights“ feierte im Mai 2007 Premiere und war Wongs vierter Film in
Folge, der in Cannes um die Goldene Palme konkurrierte. Obwohl er ihn als
„besonderes Erlebnis“ bezeichnete, erhielt der Film keine positiven Kritiken,
obwohl Wong Kar-Wai eine illustre Schar an Schauspielern versammeln
konnte, die sich in dessen stimmungsvoll fotografierten, ruhig inszenierten
Road Movie und Lovestory zu Höchstleistungen angetrieben fühlten. Zusammen mit
dem schönen Soul-/Songwriter-Soundtrack, zu dem Ry Cooder ("Paris,
Texas") einen passenden Score beisteuerte, und den elegant-malerischen
Bildern ist so ein ergreifend-melancholischer Film entstanden, der den
Zuschauer nicht unberührt lassen kann.
Wongs nächster Film wurde erst fünf Jahre später
veröffentlicht, da er eine weitere lange und schwierige Produktion für „The
Grandmaster“ (2013) durchlief – einen biografischen Film über den
Kampfkunstlehrer Ip Man. Die Idee dazu kam ihm bereits 1999, doch er
setzte sie erst nach der Fertigstellung von „My Blueberry Nights“ um.
Bereits 2008 wurde mit
„IP Man“ der Anfang gemacht,
die Geschichte des berühmten Kung-Fu-Lehrers IP Man (im Film wird hochchinesische
Pinyin-Aussprache Ye Wen verwendet), der auch
Bruce Lee ausbilden
sollte, zu erzählen. Für
Wong Kar-Wai dient die Biografie des
außergewöhnlichen Kung-Fu-Kämpfers/Lehrers allerdings nur als Rahmen, um eine
wieder mal unmögliche Liebesgeschichte zu erzählen. Zwar geht
Kar-Wai dabei
– bis auf eine wesentliche Rückblende – chronologisch vor und blendet als
Orientierung immer wieder datierte Schrifttafeln ein, die Wendepunkte und
wichtige Ereignisse im Krieg zwischen Japan und China thematisieren, doch zeigt
er sich wenig daran interessiert, alle Stationen in Ye Wens Leben abzureißen.
Und auch wenn
„The Grandmaster“ mit einer beeindruckenden Kampfszene
beginnt, in der IP Man im Regen eine ganze Schar von Gegnern zunichtemacht,
ohne auch nur seinen weißen Hut zu verlieren, dienen die auch nachfolgend
kunstvoll in Zeitlupe inszenierten Martial-Arts-Szenen vor allem dazu, die
Anmut und Perfektion der verschiedenen Stile des Kung-Fu zu demonstrieren. Vor
allem der erste, teils in extremer Zeitlupe gefilmte Kampf zwischen IP Man und
Gong Er wirkt dabei wie ein Tanz zwischen zwei Liebenden. Zwar kommen sich die
beiden naturgemäß sehr nahe, aber die hier erwachenden Gefühle bleiben in den
jeweiligen Herzen der Kontrahenten verschlossen. So stellt
„The Grandmaster“
ein emotional vielschichtiges, melancholisch-sinnliches Drama dar, das sich
auch Zeit für andere Figuren als IP Man nimmt. So stellt der Kampf zwischen
Gong Er und Ma San am schneebedeckten Bahnsteig vor einem vorbeifahrenden
Schnellzug sogar einen der Höhepunkte des Films dar, der wie gewöhnlich
wunderbar – diesmal ausnahmsweise von
Philippe Le Sourd („Sieben
Leben“, „Ein gutes Jahr“) - fotografiert und von
Shigeru Umebayashi
und
Nathaniel Méchaly stimmungsvoll musikalisch untermalt worden ist.
„The Grandmaster“ wurde im „Slant Magazine“ als Wongs
zugänglichster Film seit seinem Debüt beschrieben und gewann zwölf Hong
Kong Film Awards, darunter in den Kategorien Bester Film und Beste
Regie, und wurde für zwei Oscars nominiert (Kamera und Produktionsdesign). Mit
einem weltweiten Einspielergebnis von 64 Millionen US-Dollar ist er Wongs
bislang erfolgreichster Film.
Seither ist es sehr ruhig um Wong geworden.
Im November 2016 wurde bekannt gegeben, dass er einen
kommenden Film über den Mord an Maurizio Gucci vom vorherigen Regisseur Ridley
Scott übernehmen würde, erklärte jedoch im Oktober 2017, dass er nicht mehr
an dem Projekt beteiligt sei. Im September 2017 erteilte Amazon Video einen
Auftrag zur Serienproduktion von „Tong Wars“, einem Fernsehdrama unter
der Regie von Wong. Es konzentriert sich auf die Bandenkriege im San
Francisco des 19. Jahrhunderts, Amazon stellte die Serie jedoch später ein.
Erst 2023 kehrte Wong mit der Serienproduktion von „Blossoms
Shanghai“ auf die Bildfläche zurück. Sie erzählt die Geschichte eines
Selfmade-Millionärs im Shanghai der 1990er Jahre, der sich von einem jungen
Opportunisten mit schwieriger Vergangenheit zu den Höhen der goldenen Stadt
emporarbeitet.
Zu den wichtigsten Markenzeichen von
Wongs Filmen
zählt sein Einsatz von Musik und Popsongs. Er legt großen Wert auf dieses
Element, ist es doch ein zentraler Bestandteil der „narrativen Maschinerie“,
die den Rhythmus des Schnitts bestimmen kann. Vor allem nutzt er die Musik, um
das Gefühl von Geschichte oder Ort zu verstärken. Laut dem Filmwissenschaftler
Julian
Stringer erwies sich Musik als „entscheidend für die emotionale und
kognitive Anziehungskraft“ von
Wongs Filmen.
Musikalische Wiederholungen werden oft eingesetzt, um
Unausgesprochenes oder Nicht-Ausdrückbares auszudrücken. Das Konzept der
Neuinterpretation wird in zwei von Wongs früheren Filmen besonders
deutlich. David Martinez behauptet, dass Musik der 40er und 50er Jahre
verwendet wird, um die 60er-Jahre in „Days of Being Wild“ wieder
aufleben zu lassen, und eine Filmmusik des Komponisten Frankie Chan,
„inspiriert von Ennio Morricones Spaghetti-Western-Musik“, wird für das
Martial-Arts-Epos „Ashes of Time“ verwendet. In „Chungking Express“
wird Musik eingesetzt, um Emotionen zu wecken und Atmosphäre zu schaffen, aber
auch als Identifikationsmerkmal für die Figur Faye (Faye Wong). Der
1960er-Jahre-Song „California Dreamin’“ von The Mamas and Papas läuft
während der gesamten zweiten Filmhälfte ununterbrochen und wird zu einem
Markenzeichen von Fayes Präsenz in einer Szene. Das Lied ermöglicht ihr nicht
nur, ihre räumlichen und zeitlichen Grenzen zu überschreiten und „repräsentiert
ihren Gemütszustand, sondern betont sie auch als ein Subjekt, das Musik als
Ausdrucks- und Kommunikationsmittel Worten vorzieht“. Insbesondere die
kantonesische Übersetzung westlicher Popsongs ist ein beliebter kultureller Weg
Wongs, wie die kantonesische Version von „Dreams“ von The Cranberries
in „Chungking Express“, Berlins „Take My Breath Away“ in „As
Tears Go By“ und die Neuorchestrierung von „Karmacoma“ von Massive
Attack in „Fallen Angels“ zeigen.
„Es ist diese Bereitschaft, Einflüsse zu übernehmen, neu zu
formulieren und auf die Popkultur zu verweisen, die zu Wongs Status als
postmoderner Autor beiträgt und seine Filme in ihrer Ausführung sowohl lokal
als auch ,transnational‘ macht. Die rhythmische Präsenz in der Konstruktion der
Aufnahmen und das Pastiche exzentrischer audiovisueller Reime und Zufälle
spielen auch auf Wongs musikalisches Gespür an“, merkt Elizabeth
Wright in ihrem Artikel über Wong Kar-Wai auf sensesofcinema.com an. „Wongs ,MTV-Ästhetik‘,
die ein Gleichgewicht zwischen Ton und Bild findet, bewahrt eine
Sentimentalität, die weder einem ,leeren‘ Spektakel erliegt, noch zulässt, dass
sie einem postmodernen Ethos unterworfen wird.“
Filmographie:
1988: As Tears Go By (Wàngjiǎo kǎmén)
1990: Days of Being Wild (Āfēi Zhèngzhuàn)
1994: Chungking Express (Chóngqìng Sēnlín)
1994: Ashes of Time (Dōngxié Xīdú / Dung che
sai duk)
1995: Fallen Angels (Duòluò Tiānshǐ)
1997: Happy Together (Chūnguāng Zhà Xiè)
2000: In the Mood for Love (Huāyàng Niánhuá)
2004: 2046
2004: Eros (Episode „The Hand“)
2007: My Blueberry Nights
2008: Ashes of Time Redux
2013: The Grandmaster (Yī Dài Zōngshī)
2023-2024: Blossoms Shanghai (TV-Serie, 30 Folgen)
Playlist: