Dienstag, 30. Juni 2020

Playlist #296 vom 05.07.2020 - R.I.P. JOEL SCHUMACHER (1939-2020)

Joel Schumacher ist bei vielen Filmkennern vor allem als Regisseur des unsäglichen „Batman & Robin“ (1997) in Erinnerung geblieben, hat aber in den 1980er Jahren mit den beiden Brat-Pack-Filmen „St. Elmo’s Fire – Die Leidenschaft brennt tief“ (1985) und „The Lost Boys“ (1987) zuvor seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, stimmungsvolles Mainstream-Kino zu inszenieren. Vor allem in den 1990er Jahren hat er großes Star-Kino mit den Dramen „Flatliners“ (1990), „Falling Down“ (1993) und den beiden John-Grisham-Verfilmungen „Der Klient“ (1994) und „Die Jury“ (1996) präsentiert, bevor er nach der vernichtenden Kritik an „Batman & Robin“ wieder kleinere, aber durchaus interessante Filme wie „8mm – Acht Millimeter“ (1999), „Tigerland“ (2000) und „Nicht auflegen!“ (2002) realisierte. Am 22. Juni dieses Jahres erlag der offen homosexuell lebende Filmemacher im Alter von 80 Jahren in seiner Heimatstadt New York einem Krebsleiden.

Der am 29. August 1939 in New York City geborene Schumacher studierte zunächst an der Parson School of Design, arbeitete in Manhattan in der Modeindustrie und fand als Kostümbildner den Weg nach Hollywood, wo er u.a. für Woody Allen an „Der Schläfer“ (1973) und „Innenleben“ (1978) arbeitete. Nachdem er in den 1970er Jahren zwei Fernsehfilme inszenieren durfte, feierte er 1981 mit der Adaption von Richard Mathesons Sci-Fi-Komödie „Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K“ sein Kinodebüt.
Mit „St. Elmo’s Fire“ erzählte er 1985 erfolgreich die Schicksale von sieben Absolventen der Georgetown University, traf damit den Nerv der Zeit und verhalf Jung-Darstellern wie Rob Lowe, Demi Moore, Emilio Estevez und Andie MacDowell zu ihrem Durchbruch in Hollywood. Auch das Twentysomething-Vampir-Horror-Drama „The Lost Boys“ kam zwei Jahre später mit seiner geschickten Mischung aus überzeugenden Genre-Elementen und authentischer Psychologisierung vor allem beim jungen Publikum gut an. Joel Schumacher schien der richtige Mann zu sein, um Hollywood vor MTV zu retten. Für INXS, die in Zusammenarbeit mit Jimmy Barnes zwei exklusive Tracks für den Soundtrack beisteuerten, drehte er anschließend das Musikvideo zu ihrer Hit-Single „Devil Inside“ und überraschte mit dem Liebesdrama „Seitensprünge“ (1989), zu dem „Twin Peaks“-Komponist Angelo Badalamenti die Musik beisteuerte.
Seine erfolgreichste und produktivste Phase hatte Schumacher in den 1990er Jahren, als er sein ausgeprägtes Stil- und Designbewusstsein mit seinem Gespür für junge Talente so großartige Filme wie „Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben“ (1990) hervorbrachte. Es war die erste Zusammenarbeit mit dem Komponisten James Newton Howard, der auch durch die weiteren Schumacher-Engagements bei „Entscheidung aus Liebe“ (1991) und „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ (1993) zum Top-Komponisten in Hollywood aufstieg. Das trifft auch auf die fünf jungen Darsteller in „Flatliners“ zurück, vor allem auf Julia Roberts, deren Blockbuster-Erfolg „Pretty Woman“ kurz nach „Flatliners“ in den Kinos anlief. Aber auch Kiefer Sutherland, Kevin Bacon, William Baldwin und Oliver Platt, die das Quintett an ambitionierten Medizin-Studenten vervollständigten, die mit Nahtoderfahrungen experimentieren, profitierten von Schumachers Talentschmiede.
Der Regisseur, der in den 1980er Jahren viele seiner Freunde während der AIDS-Pandemie sterben sah, legte 1991 mit „Entscheidung aus Liebe“ ein etwas einfühlsames Liebesdrama vor, in dem Julia Roberts sich als Krankenschwester in einen leukämiekranken Patienten verliebt, der sich nicht länger einer weiteren qualvollen Chemotherapie unterziehen will. 1993 schickte Schumacher Michael Douglas als durchgeknallten Mittelschichtstypen durch Los Angeles, als er im Stau sein Auto verlässt, zu Fuß nach Hause geht und alle, die ihm dabei in die Quere kommen, aus dem Weg räumt, bis ihm Robert Duvall als Cop das Handwerk legt.
„Wer mag, findet in ‚Falling Down‘ einen dramaturgisch versiert inszenierten, mit Gags und Action angereicherten Film, in dem der Böse bekommt, was er verdient“, urteilt Andreas R. Becker in seiner Rezension auf filmstarts.de. „Aber Regisseur Joel Schumacher lässt uns die Option offen, erheblich mehr hinter dem scheinbar Offensichtlichen zu entdecken und gewährt zwischen den Zeilen eine Vielzahl an gut beobachteten gesellschaftlichen und teils sogar philosophischen Ein- und Ausblicken, die insbesondere im Zuge einer um sich greifenden Amerikanisierung längst nicht mehr nur für die USA Gültigkeit beweisen. Kategorien wie Gut und Böse werden ebenso in Frage gestellt wie unser durch Stereotypen vordefiniertes Denken. Realität ist das, was in unserem Kopf entsteht.“ 
Schumacher hat sich nun endgültig für großes Blockbuster-Kino qualifiziert. 1995 inszenierte er mit „Der Klient“ seine erste Adaption eines John-Grisham-Bestsellers und übernahm anschließend das „Batman“-Franchise von Tim Burton, dem nach „Batman“ und „Batman Returns“ die Lust an weiteren Sequels vergangen war.
Für „Batman Forever“ (1995) steckte er Val Kilmer in ein Fledermauskostüm mit stilisierten Brustwarzen, bot mit gut aufgelegten Stars wie Tommy Lee Jones als Harvey Two-Face, Jim Carrey als Riddler und Nicole Kidman als Dr. Chase Meridian ein kunterbuntes, herrlich subversives Pop-Vergnügen und eröffnete dem versierten und experimentell veranlagten Komponisten Elliot Goldenthal eine wunderbare Bühne für seinen vielschichtigen, hochkomplexen Score.
Nachdem Schumacher 1996 mit „Die Jury“ eine weitere John-Grisham-Adaption vorgelegt hatte, erlitt er mit „Batman & Robin“ (1997) fürchterlichen Schiffbruch. Der Film wurde 1998 gleich in elf Kategorien – darunter für die schlechteste Regie – für die Goldene Himbeere nominiert und bedeutete für Schumacher das Ende der Arbeit mit hochbudgetierten Blockbuster-Produktionen.
Das bedeutete allerdings nicht, dass er anschließend schlechtere Filme inszenierte. 1999 ließ er Nicolas Cage in „8mm – Acht Millimeter“ als Privatdetektiv im Hardcore-Porno-Milieu ermitteln und dort kräftig aufräumen. Ebenfalls 1999 lief das weithin unbeachtete, aber großartig gespielte Drama „Makellos“ an, in dem Robert De Niro einen erzkonservativen Cop spielt, der nach einem Schlaganfall im Rahmen seiner Therapie Gesangsstunden von der Drag Queen Rusty erhält, die von Philip Seymour Hoffman wunderbar verkörpert wird.
Mit dem Kriegsdrama „Tigerland“ (2000) verzichtete Schumacher auf außergewöhnliche Stilisierungen, erzielte durch den ausgiebigen Einsatz der wackligen Handkamera eine authentisch wirkende Atmosphäre, die durch einen zurückhaltenden Score von Nathan Larson und weitgehend ohne künstliche Beleuchtung noch an Eindringlichkeit gewann. Mit „Tigerland“-Star Colin Farrell realisierte Schumacher auch den kleinen, aber effektiven Psychothriller „Nicht auflegen!“ (2002). Auf die erste Zusammenarbeit mit Komponist Harry Gregson-Williams folgten das biografische Krimi-Drama „Die Journalistin“ (2003) mit Cate Blanchett in der Hauptrolle als irische Journalistin, die sich mit ihren Berichten über Drogendealer tödliche Feinde macht, die opulente Verfilmung von Andrew Lloyd Webbers „Das Phantom der Oper“ (2004) und der Mystery-Thriller „Nummer 23“ (2007).
Mit jedem seiner weiteren Projekte – der Horror-Thriller „Blood Creek“ (2009), das Krimi-Drama „Twelve – Die Party ihres Lebens“ (2010) und das Thriller-Drama „Trespass – Auf Leben und Tod“ (2011) – verschwand Schumacher immer weiter vom Radar, inszenierte zuletzt nur noch zwei Folgen der satirischen Polit-Drama-Serie „House of Cards“ (2013).
„Mit Joel Schumacher (1939-2020) verliert Hollywood einen der vielleicht unterschätztesten Studiofilmer der jüngeren Vergangenheit, der die Anforderungen des Hollywood-Mainstreams scheinbar mühelos, oft sogar virtuos mit der exaltierten Eigensinnigkeit des Auteurs und Cine-Stilisten in Einklang bringen konnte. Eine im zeitgenössischen Studiokino selten gewordene, ja vielleicht schon gänzlich ausgestorbene Qualität“, resümiert Sebastian Schwittay in seinem Nachruf auf der Website vom Deutsches Filminstitut Filmmuseum

Filmographie: 
1974: Virginia Hill (Fernsehfilm)
1979: Amateur Night at the Dixie Bar and Grill (Fernsehfilm)
1981: Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K. (The Incredible Shrinking Woman)
1983: Die Chaotenclique (D.C. Cab)
1985: St. Elmo’s Fire – Die Leidenschaft brennt tief (St. Elmo’s Fire)
1987: The Lost Boys
1989: Seitensprünge (Cousins)
1990: Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben (Flatliners)
1991: Entscheidung aus Liebe (Dying Young)
1992: 2000 Malibu Road (Miniserie, 5 Episoden)
1993: Falling Down – Ein ganz normaler Tag (Falling Down)
1994: Der Klient (The Client)
1995: Batman Forever
1996: Die Jury (A Time To Kill)
1997: Batman & Robin
1999: 8mm – Acht Millimeter (8MM)
1999: Makellos (Flawless)
2000: Tigerland
2002: Bad Company – Die Welt ist in guten Händen (Bad Company)
2002: Nicht auflegen! (Phone Booth)
2003: Die Journalistin (Veronica Guerin)
2004: Das Phantom der Oper (The Phantom of the Opera)
2007: Number 23 (The Number 23)
2009: Blood Creek
2010: Twelve
2011: Trespass
2013: House of Cards (Fernsehserie, 2 Episoden)
Playlist:
1. James Newton Howard - A Good Day To Die (Flatliners) - 01:58
2. David Foster - Love Theme From "St.Elmo's Fire" (St. Elmo's Fire) - 03:34
3. Angelo Badalamenti - Love Theme From "Cousins" (Cousins) - 03:27
4. James Newton Howard - Sins of the Past (Flatliners) - 03:03
5. James Newton Howard - McArthur Park (Falling Down) - 02:49
6. James Newton Howard - Driving North / Moving In (Dying Young) - 04:16
7. Elliot Goldenthal - Memories Repressed / Love (Batman Forever) - 02:37
8. Howard Shore - I Know Where The Body's Buried (The Client) - 03:40
9. Elliot Goldenthal - Pavane For Solace (A Time to Kill) - 02:30
10. Elliot Goldenthal - Poison Ivy / Freeze's Plan (Batman & Robin) - 04:59
11. Mychael Danna - Missing Persons (8mm) - 04:47
12. James Newton Howard - Miracle Mile (Falling Down) - 02:43
13. Harry Gregson-Williams - Atonement (The Number 23) - 04:56
14. James Newton Howard - The Maze (Dying Young) - 02:40
15. Nathan Larson - Tigerland (Tigerland) - 04:31
16. Jeff Beal - Making History (House of Cards - Season 1) - 05:35
17. Harry Gregson-Williams - The Killing (Veronica Guerin) - 05:07
18. Mychael Danna - Dance With the Devil (8mm) - 05:37
19. Trevor Rabin - Cover Him (Bad Company) - 02:16
20. David Buckley - I Know One Thing That Never Dies (Blood Creek) - 03:11
21. Elliot Goldenthal - Batcave / Nygmatech Tango /Public Demo (Batman Forever) - 04:41
22. Elliot Goldenthal - Rooftop Seduction / Roof Plunge (Batman Forever) - 02:08
23. James Newton Howard - Redemption (Flatliners) - 04:32
24. Howard Shore - The End (The Client) - 03:39
25. Mychael Danna - Scene of the Crime (8mm) - 05:53
26. Elliot Goldenthal - The Perils of Gotham (Batman Forever) - 02:59
27. Elliot Goldenthal - Frozen Stiff / The Jungle (Batman & Robin) - 02:32
28. Elliot Goldenthal - End Credits (Batman & Robin) - 02:19
29. Harry Gregson-Williams - Trapped (Phone Booth) - 03:40
30. Angelo Badalamenti - Montage [Maria's Theme] (Cousins) - 02:46
31. Gerard McMann - Cry Little Sister (The Lost Boys) - 04:48

Sonntag, 14. Juni 2020

Playlist #295 vom 21.06.2020 - CLINT EASTWOOD Special

Clint Eastwood ist eine lebende Hollywood-Legende. Seit er Mitte der 1950er Jahre erste Schritte in der Schauspielerei unternahm und 1959 durch die Western-Serie „Tausend Meilen Staub“ bekannt und dann in der Rolle des wortkargen Revolverhelden in Sergio Leones „Dollar“-Trilogie weltberühmt wurde, hat sich Eastwood als ebenso produktives wie erfolgreiches Multitalent als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Filmkomponist etabliert. Am 31. Mai feierte Eastwood seinen 90.Geburtstag und blickt nun auf mehr 60 Film- und Fernsehrollen und 38 Filme als Regisseur zurück, der für seine Filme „Erbarmungslos“ (1992) und „Million Dollar Baby“ (2004) jeweils zwei Oscars für den Besten Film und die Beste Regie erhalten hat.

Clinton „Clint“ Eastwood wurde am 31. Mai 1930 als Sohn des Buchhalters Clinton Eastwood Sr. und dessen Frau Margareth Ruth Runner in San Francisco geboren und war in der Depressionszeit gezwungen, mit seiner Familie auf der Suche seines Vaters nach Arbeit durchs Land zu ziehen, bis sich die Eastwoods in Oakland niederließen. Der als schüchtern und introvertiert geltende Eastwood begann, eine große Vorliebe für Rhythm & Blues, Blues und Bebop zu entwickeln, hörte sein Idol Charlie Parker 1946 bei einem Konzert in Oakland und spielte als Neunjähriger auf dem Klavier seiner Großmutter, das die Familie bei jedem Umzug mitnahm.
Er besuchte zehn verschiedene Schulen, brach 1948 sein College-Studium ab und nahm Gelegenheitsjobs als Holzfäller, Heizer, Tankwart und Lagerarbeiter an. Seinen Einstieg in die Schauspielerei hat er dem Militärdienst zu verdanken, zu dem er 1951 eingezogen und in Fort Ord zwei Jahre lang als Schwimmlehrer eingesetzt wurde. Hier lernte Eastwood David Janssen, den späteren Darsteller des Richard Kimble in der Serie „Auf der Flucht“, kennen, der dem athletischen Eastwood vorschlug, es ebenfalls in Hollywood zu versuchen.
Nach erfolgreich absolvierten Testaufnahmen bei Universal Mitte der 1950er Jahre erhielt Eastwood Schauspielunterricht und einen Halbjahresvertrag. Zu seinen ersten Engagements zählten kleine Nebenrollen in den Monsterfilmen „Die Rache des Ungeheuers“ und „Tarantula“ (beide 1955), doch wurde Eastwoods Vertrag 1957 nicht verlängert, auch der kurzfristige Vertrag mit RKO Pictures trug keine Früchte. Eastwoods Hartnäckigkeit zahlte sich aber aus, als er 1959 eine der Hauptrollen in der langlebigen Westernserie „Tausend Meilen Staub“ („Rawhide“) ergatterte, wo er bis 1965 in 217 Folgen zu sehen war. Diese Rolle machte den italienischen Regisseur Sergio Leone auf ihn aufmerksam, als er die Hauptrolle für sein Remake von Akira Kurosawas „Yojimbo“ besetzen musste und wegen des geringen Budgets keinen Hollywood-Superstar wie Henry Fonda oder James Coburn verpflichten konnte. Für eine Gage von 15.000 Dollar verkörperte Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) einen namenlosen, wortkargen, lässig mit einem Poncho bekleideten Abenteurer, der sich von zwei verfeindeten Clans als Revolvermann anheuern lässt und diese gegeneinander ausspielt. Diese ikonische Rolle spielte Eastwood auch in den beiden Fortsetzungen „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966).
Da Eastwoods Gage-Forderungen für Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ dem Regisseur zu unverschämt erschienen, kam es zum Bruch zwischen den beiden. Leone engagierte Charles Bronson als Hauptdarsteller, während Eastwoods Karriere in Hollywood erst langsam weiter an Schwung gewann. Dabei spielte er zunächst in dem Spätwestern „Hängt ihn höher“ (1968) und begann seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Regisseur Don Siegel. Nach dem Action-Krimi „Coogans großer Bluff“ (1968), folgten die Western-Komödie „Ein Fressen für die Geier“ (1970), „Betrogen“ (1971), „Dirty Harry“ (1971) und „Flucht aus Alcatraz“ (1979).
In der Zwischenzeit hat Eastwood das ökonomische Filmedrehen von Siegel gelernt und 1967 mit Malpaso Film seine eigene Produktionsfirma gegründet. Um sein Spektrum als Schauspieler zu erweitern, spielte Eastwood sowohl an der Seite von Lee Marvin einen singenden Goldsucher in der Musical-Komödie „Westwärts zieht der Wind“ (1969) als auch in den Kriegsfilmen „Agenten sterben einsam“ (1968) und „Stoßtrupp Gold“ (1970). Seinen Durchbruch als Superstar feierte Eastwood aber erst in Don Siegels „Dirty Harry“ (1971).
Als schlagkräftiger Polizeiinspektor Harry Callahan jagt er in San Francisco einen psychopathischen Serienmörder und sorgte mit seinen zweifelhaften Methoden für Diskussionsstoff in den Medien. Nichtsdestotrotz avancierte „Dirty Harry“ zur Kultfigur und zog bis 1976 vier Fortsetzungen nach sich. Der erfolgreiche Schauspieler war dazu in dem Actionfilm „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974), in dem Western „Ein Fremder ohne Namen“ (1973) und in den Action-Komödien „Der Mann aus San Fernando“ (1978) und „Mit Vollgas nach San Fernando“ (1980) zu sehen. Zwischenzeitlich hat Eastwood aber auch seinen Einstand als Regisseur gefeiert. Nach seinem Debüt mit dem Psychothriller „Sadistico“ (1971) folgten das Liebes-Drama „Begegnung am Vormittag“ (1973), die beiden Western „Ein Fremder ohne Namen“ (1973) und „Der Texaner“ (1975) sowie die beiden Action-Filme „Im Auftrag des Drachen“ (1975) und „Der Mann, der niemals aufgibt“ (1977).
In den 1980er Jahren lief es nicht mehr ganz so rund. Weder der Action-Film „Firefox“ (1982), noch der Thriller „Der Wolf hetzt die Meute“ (1984), das „Dirty Harry“-Sequel „Das Todesspiel“ (1988), das Abenteuer-Drama „Weißer Jäger, schwarzes Herz“ (1990) oder die Action-Komödien „Pink Cadillac“ (1989) und „Rookie – Der Anfänger“ (1990) konnten bei Kritik und Publikum landen. Als Regisseur (und Hauptdarsteller) punktete er allerdings in dem Western „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ (1985) und widmete sich kleineren, ambitionierteren Projekten wie „Bronco Billy“ (1980), „Honkytonk Man“ (1982) und der Charlie-Parker-Biografie „Bird“ (1988).
In den 1990er Jahren begann Eastwood, nur unter eigener Regie vor der Kamera zu stehen, nachdem er sein Rollenspektrum zu erweitern begann und auf oft selbstironische Weise mit seinem fortgeschrittenen Alter umging. Nachdem er in Wolfgang Petersens Thriller „In the Line of Fire – Die zweite Chance“ (1993) einen alternden Secret-Service-Agenten verkörperte, der ein Attentat auf den US-Präsidenten vereitelt, bekam er für seine Regiearbeit zum düsteren Spätwestern „Erbarmungslos“ (1992) seine wohlverdiente Anerkennung, als er mit zwei Oscars für seine Rollen als Regisseur und Produzent ausgezeichnet wurde.
Auch Eastwoods nachfolgende Regiearbeiten „Perfect World“ (1993), ein Kriminaldrama mit Kevin Costner in für ihn ungewohnter Hauptrolle als Verbrecher auf der Flucht, und das romantische Drama „Brücken am Fluss“ (1995) gefielen Kritikern und Publikum gleichermaßen. Zwar konnte Eastwood mit den Thrillern „Absolute Power“ (1997), „Ein wahres Verbrechen“ (1999) und der Verfilmung von Michael Connellys Thriller „Blood Work“ (2002) sowie dem schwülstigen Krimidrama „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ (1997) nicht mehr ganz so überzeugen, dafür gelang ihm mit „Space Cowboys“ im Jahr 2000 ein launiges Weltraum-Abenteuer über vier alternde Astronauten, bevor er 2003 mit der Verfilmung von Dennis Lehanes Roman „Mystic River“ und dem Boxer-Drama „Million Dollar Baby“ (2005) Oscars für die Beste Regie und die Beste Produktion einheimsen konnte.
2006 inszenierte die beiden Kriegsfilme „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“, die jeweils aus US-amerikanischer und japanischer Sicht die 1945 stattgefundene Schlacht um Iwojima im Pazifikkrieg thematisierte. In den folgenden Jahren drehte Eastwood das Drama „Der fremde Sohn“ (2008) mit Angelina Jolie in der Hauptrolle, 2009 die beiden erfolgreichen Dramen „Gran Torino“ und „Invictus – Unbezwungen“, das mystische Drama „Hereafter - Das Leben danach“ (2010) und das Biopic „J. Edgar“ (2011), bevor er 2012 unter der Regie von Robert Lorenz in „Back in the Game“ einen alternden Baseball-Scout spielte.
Bevor er 2018 unter eigener Regie bei „The Mule“ (zusammen mit seiner Tochter Alison Eastwood) vor der Kamera stand, inszenierte Eastwood 2014 sowohl das biografische Musikerdrama „Jersey Boys“ als auch „American Sniper“, in dem Bradley Cooper einen ausgezeichneten Scharfschützen im Irakkrieg spielt. 2016 folgte das Drama „Sully“ mit Tom Hanks als Pilot einer Passagiermaschine, die er im Hudson River notlanden musste, 2018 das Drama „15:17 to Paris“.
Zuletzt realisierte Eastwood das biografische Drama „Der Fall Richard Jewell“ (2019).
Neben seiner Karriere als Schauspieler, Regisseur und Produzent ist auch Eastwoods Liebe für die Musik, vor allem für Jazz bekannt. Schließlich trat Eastwood in jungen Jahren in Oakland als Pianist in einem Nachtclub auf und erlebte die Jazz-Größe Charlie Parker live. Für seine Parker-Filmbiographie „Bird“ verwendete Eastwood neu abgemischte Parker-Aufnahmen, die er von seinem langjährigen musikalischen Wegbegleiter Lennie Niehaus (der u.a. die Filme „City Heat“, „Pale Rider“, „Heartbreak Ridge“, „Erbarmungslos“, „Perfect World“ und „Die Brücken am Fluss“ bis zu „Space Cowboys“ und „Blood Work“ vertonte) orchestrieren ließ.
Auch mit dem argentinischen Jazz-Pianisten, Komponisten und Arrangeur Lalo Schifrin verband Eastwood eine langjährige Zusammenarbeit. Schifrin unterlegte nicht nur drei der „Dirty Harry“-Filme mit seinem Big-City-Jazz, sondern auch „Der Mann, der niemals aufgibt“.
In den letzten Jahren trat Eastwood auch immer öfter selbst als Komponist in Erscheinung. So schrieb er zusammen mit Lennie Niehaus bereits die musikalischen Themen für „Erbarmungslos“ („Claudia’s Theme“) und „Die Brücken am Fluss“ („Doe Eyes“), schließlich komponierte er die Scores zu seinen Filmen „Mystic River“, „Million Dollar Baby“, „Flags of Our Fathers“, „Der fremde Sohn“, „Hereafter – Das Leben danach“ und „J. Edgar“.
2003 inszenierte Eastwood den Dokumentarfilm „Piano Blues“, der den Abschluss zu Martin Scorseses Serie „The Blues“ bildete und in dem Eastwood zu neuen Interviews und Auftritten von Ray Charles, Pinetop Perkins, Dave Brubeck, Marcia Ball, Jay McShann, Dr. John und Pete Jolly über seine lebenslange Leidenschaft für den Piano Blues berichtet.

Filmographie:
Als Darsteller 
1955: Die Rache des Ungeheuers (Revenge of the Creature)
1955: Allen in Movieland (Fernsehfilm)
1955: Francis in the Navy
1955: Die nackte Geisel (Lady Godiva)
1955: Tarantula
1956: Klar Schiff zum Gefecht (Away All Boats)
1956: Highway Patrol (Fernsehserie, Episode 1x27)
1956: Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust)
1956: Nur Du allein (Never Say Goodbye)
1956: The First Traveling Saleslady (The First Traveling Saleslady)
1956: Im wilden Westen (TV-Serie)
1957: Verschollen in Japan (Escapade in Japan)
1958: Ambush at Cimarron Pass
1958: Lafayette Escadrille
1959: Maverick (Fernsehserie, Episode 2x19)
1959–1965: Tausend Meilen Staub (Rawhide, Fernsehserie, 217 Episoden)
1964: Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari)
1965: Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollaro in più)
1966: Hexen von heute (Le Streghe)
1966: Zwei glorreiche Halunken (Il Buono, il brutto, il cattivo)
1968: Agenten sterben einsam (Where Eagles Dare)
1968: Coogans großer Bluff (Coogan’s Bluff)
1968: Hängt ihn höher (Hang ’Em High)
1969: Westwärts zieht der Wind (Paint Your Wagon)
1970: Ein Fressen für die Geier (Two Mules for Sister Sara)
1970: Stoßtrupp Gold (Kelly’s Heroes)
1971: Betrogen (The Beguiled)
1971: Sadistico (Play Misty for Me)
1971: Dirty Harry
1972: Sinola (Joe Kidd)
1973: Dirty Harry II – Calahan (Magnum Force)
1973: Ein Fremder ohne Namen (High Plains Drifter)
1974: Die Letzten beißen die Hunde (Thunderbolt and Lightfoot)
1975: Der Texaner (The Outlaw Josey Wales)
1975: Im Auftrag des Drachen (The Eiger Sanction)
1976: Dirty Harry III – Der Unerbittliche (The Enforcer)
1977: Der Mann, der niemals aufgibt (The Gauntlet)
1978: Der Mann aus San Fernando (Every Which Way But Loose)
1979: Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz)
1980: Mit Vollgas nach San Fernando (Any Which Way You Can)
1980: Bronco Billy
1982: Firefox
1982: Honkytonk Man
1983: Dirty Harry kommt zurück (Sudden Impact)
1984: City Heat – Der Bulle und der Schnüffler (City Heat)
1984: Der Wolf hetzt die Meute (Tightrope)
1985: Pale Rider – Der namenlose Reiter (Pale Rider)
1986: Heartbreak Ridge
1988: Das Todesspiel (The Dead Pool)
1988: Thelonious Monk – Eine Jazzlegende (Thelonious Monk: Straight, No Chaser)
1989: Pink Cadillac
1990: Rookie – Der Anfänger (The Rookie)
1990: Weißer Jäger, schwarzes Herz (White Hunter Black Heart)
1992: Erbarmungslos (Unforgiven)
1993: In the Line of Fire – Die zweite Chance (In the Line of Fire)
1993: Perfect World (A Perfect World)
1995: Die Brücken am Fluß (The Bridges of Madison County)
1997: Absolute Power
1999: Ein wahres Verbrechen (True Crime)
2000: Space Cowboys
2002: Blood Work
2004: Million Dollar Baby
2008: Gran Torino
2012: Back in the Game (Trouble with the Curve)
2018: The Mule

Als Regisseur
1971: Sadistico (Play Misty for Me)
1973: Begegnung am Vormittag (Breezy)
1973: Ein Fremder ohne Namen (High Plains Drifter)
1975: Der Texaner (The Outlaw Josey Wales)
1975: Im Auftrag des Drachen (The Eiger Sanction)
1977: Der Mann, der niemals aufgibt (The Gauntlet)
1980: Bronco Billy
1982: Firefox
1982: Honkytonk Man
1983: Dirty Harry kommt zurück (Sudden Impact)
1985: Pale Rider – Der namenlose Reiter (Pale Rider)
1986: Heartbreak Ridge
1988: Bird
1990: Rookie – Der Anfänger (The Rookie)
1990: Weißer Jäger, schwarzes Herz (White Hunter Black Heart)
1992: Erbarmungslos (Unforgiven)
1993: Perfect World (A Perfect World)
1995: Die Brücken am Fluß (The Bridges of Madison County)
1997: Mitternacht im Garten von Gut und Böse (Midnight in the Garden of Good and Evil)
1997: Absolute Power
1999: Ein wahres Verbrechen (True Crime)
2000: Space Cowboys
2002: Blood Work
2003: Mystic River (auch Musik)
2003: Piano Blues
2004: Million Dollar Baby (auch Musik)
2006: Flags of Our Fathers (auch Musik)
2006: Letters from Iwo Jima
2008: Der fremde Sohn (Changeling) (auch Musik)
2008: Gran Torino
2009: Invictus – Unbezwungen (Invictus)
2010: Hereafter – Das Leben danach (Hereafter) (auch Musik)
2011: J. Edgar (auch Musik)
2014: Jersey Boys
2014: American Sniper
2016: Sully (auch Musik)
2018: 15:17 to Paris
2018: The Mule
2019: Der Fall Richard Jewell (Richard Jewell)
Playlist: 
1. Ennio Morricone - Main Title (A Fistful of Dollars) - 02:58
2. Ennio Morricone - Main Title (Two Mules for Sister Sara) - 04:13
3. Ennio Morricone - La resa die conti (Per qualche dollaro in più) - 03:09
4. Ennio Morricone - The Trio (The Good, the Bad & the Ugly) - 04:46
5. Dee Barton - Headstone and End Credits (High Plains Drifter) - 02:15
6. Clint Eastwood - Theme from Mystic River (Mystic River) - 05:05
7. Clint Eastwood - Blue Morgan [End Credits] (Million Dollar Baby) - 04:29
8. Clint Eastwood - I Couldn't Sleep (Grace Is Gone) - 03:46
9. Clint Eastwood - End Title (Changeling) - 06:17
10. Clint Eastwood - Hereafter End Credits (Hereafter) - 04:44
11. Lennie Niehaus - Theme Variation #3 (The Bridges of Madison County) - 05:14
12. Kyle Eastwood & Michael Stevens - Invictus Theme (Invictus) - 04:10
13. Lennie Niehaus - End Titles Part 2 (True Crime) - 02:40
14. Lennie Niehaus - End Credits (A Perfect World) - 05:24
15. Lennie Niehaus - Lieutenant's Stealthy (City Heat) - 02:39
16. Lennie Niehaus - Christy's Dance (Absolute Power) - 03:43
17. Lennie Niehaus - Show Me Your Heart (Blood Work) - 03:31
18. Lalo Schifrin - Coogan Raga' and Pushie's Pool (Coogan's Bluff) - 04:34
19. Lalo Schifrin - Main Title (Dirty Harry) - 03:31
20. Lalo Schifrin - Amputation Aftermath (The Beguiled) - 04:32
21. Jerry Fielding - Finale [Elegy for Inspector Moore] (The Enforcer) - 03:01
22. Marco Beltrami - He'll Wait (Trouble with the Curve) - 03:59
23. Clint Eastwood - The Medals (Flags of our Fathers) - 03:01
24. Clint Eastwood - Dying Mother (J. Edgar) - 02:38
25. Clint Eastwood  - Simulation (Sully) - 04:56
26. Lalo Schifrin - Rita (Joe Kidd) - 05:14
27. Charlie Parker - April In Paris (Bird) - 03:20
28. John Williams - The Top of the World (The Eiger Sanction) - 03:10

Samstag, 6. Juni 2020

Playlist #294 vom 07.06.2020 - NEUHEITEN 2020 (2)

Die zweite Neuheiten-Sendung in diesem Jahr vereint wieder einen bunten Mix aus Neuheiten und Neuveröffentlichungen klassischer Scores, Film- und Serien-Produktionen, Filmmusik-Legenden wie James Horner, John Williams, Jerry Goldsmith, Maurice Jarre und Bill Conti, prominente zeitgenössische Vertreter wie Max Richter, Rachel Portman, Ramin Djawadi, Tom Holkenborg und Nicholas Britell sowie interessante neue Namen wie Rafael May, Snorri Hallgrímsson und Heather McIntosh.

Das US-amerikanische Soundtrack-Label Intrada hat in den letzten Wochen eine Vielzahl legendärer Scores veröffentlicht, darunter erweiterte Fassungen von James Horners berühmter Musik zu Edward Zwicks Bürgerkriegs- und Liebesdrama „Legenden der Leidenschaft“ (1994) und John Williams‘ Komposition zu Mark Rydells Farmer-Drama „The River“ (1984).
James Horner hatte mit Zwick bereits erfolgreich an dem Bürgerkriegsdrama „Glory“ (1989) zusammengearbeitet und fand für die Verfilmung von Jim Harrisons erstmals 1979 in Esquire veröffentlichten Bestseller-Geschichte „Legends of the Fall“ die richtigen Töne. Im Interview mit Steven Smith für die Los Angeles Times sprach der 2015 verstorbene Komponist über die besondere Herausforderung, die Geschichte einer Familie zu vertonen, in der sich die drei Söhne von Colonel William Ludlow (Anthony Hopkins), Alfred (Aidan Quinn), Tristan (Brad Pitt) und Samuel (Henry Thomas) in den Wirren des Bürgerkriegs allesamt in dieselbe Frau, Susanna (Julia Ormand) verlieben.
„Es ist eine sehr schwierige Geschichte, um sie glaubhaft zu machen, ohne dass sie wie ,Peyton Place‘ wirkt. Ich wollte, dass die Musik all die Dinge zementiert, die zementiert werden mussten, ohne sie ins Melodram zu drängen. Die Töne tendierten zu sehr einfacher Americana, sehr klaren Harmonien, sehr simplem melodischen, auf Akkorden basierendem Schreiben. Und indem ich manche Töne herzzerbrechend kreiere, kann ich das Publikum auf diese Weise eher manipulieren, statt es üppig und übertrieben zu machen.“ 
Horner, der gern mit Leitmotiven gearbeitet und seine Melodien mit Intervallen und alternierenden Rhythmen versehen hat, komponierte fünf verschiedene Themen für „Legends of the Fall“, die sich durch den ganzen Film ziehen und durch ein volles Orchester aus Streichern, Holz- und Blechbläsern, aber auch einer Vielzahl von Percussions und ethnischen Instrumenten wie Shakuhachi-Flöte und Fiedel zum Ausdruck kommen.
Klassische Americana-Klänge fand John Williams auch für Mark Rydells Drama „The River“, für dessen Drehbuch sich Robert Dillon von einem Zeitungsartikel über amerikanische Farmer in Tennessee inspirieren ließ, die nach dem von Jimmy Carter gegen die Sowjetunion erlassenen Getreide-Embargo in schwere Not geraten und gezwungen waren, Jobs in Stahl-Minen anzunehmen, nur um festzustellen, dass sie unwissentlich Streikbrecher für streikende Minenarbeiter geworden sind. John Williams, der mit Rydell bereits an „The Cowboys“ (1972) und „Cinderella Liberty“ (1973) gearbeitet hatte, schuf für „The River“ einen Oscar-nominierten Score, dessen wunderschönes Hauptthema in verschiedenen Variationen über den Film verstreut ist.
Zu den neuen Namen in der heutigen Sendung zählt der australische Komponist Rafael May, der 2018 die Musik für „Ghosthunter“, den Gewinner des Documentary Australia Foundation Award beim Sydney Film Festival, komponiert hatte und nun mit „Hearts and Bones“ die Geschichte einer schwierigen Freundschaft zwischen einem Kriegsfotografen und einem Flüchtling auf sehr poetische Weise mit zarten Gitarrenklängen, elektrischer Violine, Cello und Chor musikalisch untermalt.
Ruhig geht es mit Volker Bertelmann weiter, der bislang unter seinem Künstlernamen Hauschka populär geworden war, seit seinem wachsenden Erfolg im Filmmusikbereich („Adrift“, „1000 Arten Regen zu beschreiben“, „Glück“) aber nun unter seinem richtigen Namen in Erscheinung tritt. Sowohl für die bereits 2014 entstandene Dokumentation „Schnee von gestern“ von Yael Reuveny über zwei Geschwister, die den Holocaust überlebt haben, als auch für Caroline Links Verfilmung von Judith Kerrs Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ fand Bertelmann einfühlsame Piano-Klänge, die teilweise von Streichern unterstützt werden.
Nach dem tragischen Tod des isländischen Ausnahmekomponisten Jóhann Jóhannsson (1969 – 2018) präsentiert sein Label Deutsche Grammophon posthum bislang unveröffentlichte Werke, so auch seine einfühlsame, von zarten Piano-Akzenten und sanft schwebenden Streichern geprägte Musik zu David Hollanders Drama „Personal Effects“ (2009) mit Michelle Pfeiffer und Ashton Kutcher in den Hauptrollen.
In Jóhannssons Fußstapfen könnte nun sein aus Reykjavík stammende Landsmann Snorri Hallgrímsson treten. Der an der Iceland Academy of the Arts und am Berklee College of Music ausgebildete Komponist, Produzent und Multi-Instrumentalist hat eng mit Ólafur Arnalds an dessen Alben „The Chopin Project“, „Island Songs“ und der Fernsehserie „Broadchurch“ zusammengearbeitet und mit seiner Musik zum Dokumentarfilm „Chasing the Present“ seinen ersten eigenverantwortlichen, sehr ruhigen und atmosphärisch dichten Soundtrack produziert – mit Unterstützung seines langjährigen Kollaborateurs.
Neben neuen Soundtracks zu den Fernsehserien „Westworld“ (Ramin Djawadi), „My Brilliant Friend“ (Max Richter), „Succession“ (Nicholas Britell), „White Lines“ (Tom Holkenborg), „Dispatches from Elsewhere“ (Atticus Ross, Leopold Ross & Claudia Sarne), „Baghdad Central“ (H. Scott Salinas), „Mrs. America“ (Kris Bowers), „Love Life“ (Dan Romer & Mike Tuccillo), „Run“ (Dickon Hinchliffe), „Normal People“ (Stephen Rennicks) und „Save Me“ (Bryan Senti & Dustin O‘Halloran) gibt es vielschichtige elektronische Kompositionen von Alex Somers zum Animations-Dokumentar-Kurzfilm „Hier sind wir: Anleitung zum Leben auf der Erde“ und ruhige, teils vertrackt arrangierte Klänge von Atli Örvarsson zur Mini-Serie „Defending Jacob“ von Apple TV+ und Heather McIntosh zu Scott Teems‘ Mystery-Thriller „The Quarry“.
Ein wunderschönes Konzeptalbum jenseits der Filmmusik schuf die Oscar-prämierte Komponistin Rachel Portman („Chocolat“, „Gottes Werk & Teufels Beitrag“) mit „Ask the River“.
„Ich war auf der Suche danach, etwas sehr Zartes und Leises über die Vorstellung von Liebe zu schreiben“, erzählt die Britin. „Liebe zur Schönheit der Natur und Wildnis ebenso wie die Liebe zu anderen Menschen. Es schien, als müsste es sehr still sein, so wie es beginnt und endet, und der Musik zu erlauben, sehr einfach zu sein, ohne zu viele Noten – dies kann eine Herausforderung sein, und es wollte nicht simple erscheinen. Die Musik hält meist zu Beginn den Atem an und entweicht dann stückweise und öffnet sich ganz während sie voranschreitet.“ 
Das Album profitiert dabei vom einfühlsamen Cello-Spiel von Caroline Dale und ist Portmans Tochter Giulia gewidmet.
Die Sendung endet mit einigen Neuveröffentlichungen klassischer Scores, beginnend mit den beiden Scores, die Oscar-Gewinner Bill Conti („The Right Stuff“, „Rocky“, „The Karate Kid“) zu dem bereits 1978 entstandenen komödiantischen Mystery-Thriller „The Big Fix“ und dem auf ein jugendliches Publikum zugeschnittenen Cold-War-Thriller „Gotcha!“ (1985) schrieb.
Maurice Jarre komponierte zu dem Kidnapping-Thriller-Drama „The Collector“ (1965) des mehrfachen Oscar-Gewinners William Wyler einen ungewöhnlich lyrischen, nostalgisch angehauchten Score, der zusammen mit der jazzigen Musik von Mark Lawrence zu dem Liebesdrama „David & Lisa“ (1962) von Intrada auf einer CD veröffentlicht worden ist.
Zum Abschluss werden mit „Morituri“ (1965) und „Take Her, She’s Mine“ (1963) zwei ganz unterschiedliche Werke des damals noch jungen Jerry Goldsmith präsentiert. Während der damals 36-jährige Goldsmith für Bernhard Wickis Zweiter-Weltkrieg-Drama „Morituri“ seine Vorliebe für experimentelle Klänge mit einer Solo-Zither, Cembalo, elektrischer Gitarre und östlichen Instrumenten zum Ausdruck brachte, bekam er drei Jahre zuvor die Gelegenheit, mit „Take Her, She’s Mine“ seine erste Filmkomödie zu vertonen, was ihn dazu antrieb, auch in folgenden Jahren immer wieder Abstecher in dieses Genre zu unternehmen („The Trouble With Angels“, „The Lonely Guy“, „Dennis the Menace“).
In der Gerald Fried Collection von Caldera Records erscheint nach „The Baby“ und „Birds Do It, Bees Do It“ mit „One Potato, Two Potato“ der Score zu dem weithin kaum beachteten Drama „Ruf nicht zu laut“ aus dem Jahre 1964. Fried kreierte zu dem Drama von Larry Peerce um eine gemischtrassige Ehe einen sehr melodischen, dramatischen Score, dessen eindringliches Hauptthema in verschiedenen Variationen immer wieder zu hören ist.
Playlist:
1. James Horner - Coming Home / Tristan and Susannah (Legends of the Fall) - 05:02
2. John Williams - Main Title [Rain Clouds Gather] (The River) - 03:10
3. Rafael May - End Title (Hearts and Bones) - 05:59
4. Volker Bertelmann - Letter (Schnee von Gestern) - 03:51
5. Volker Bertelmann - Auf Wiedersehen (Als Hitler das rosa Kaninchen stahl) - 02:59
6. Jóhann Jóhannsson - Things We Left Behind (Personal Effects) - 03:08
7. Snorri Hallgrímsson - Release (Chasing the Present) - 03:39
8. Heather McIntosh - Life and Death in Texas (The Quarry) - 03:12
9. Max Richter - The Young Mariner [MBF Version] (My Brilliant Friend - Season 2) - 04:07
10. Tom Holkenborg - Darker Night (White Lines) - 03:23
11. Tom Holkenborg - Legend of Cerberus / Mutley's Story (SCOOB!) - 03:14
12. Ramin Djawadi - Dissolved Girl (Westworld - Season 3) - 03:28
13. Atticus Ross, Leopold Ross, Claudia Sarne - Occasionally Scares (Dispatches From Elsewhere - Music From the Elsewehere Society) - 03:35
14. Atli Örvarsson - Secrets and Lies (Defending Jacob) - 04:24
15. H. Scott Salinas - Khafaji's Theme (Baghdad Central) - 04:05
16. Rachel Portman - Much Loved (Ask the River) - 04:22
17. Jonathan Beard - I Choose to Move Forward (Heavenquest) - 02:04
18. Nicholas Britell - Andante Con Moto - Piano and Strings - "Vaulter" (Succession - Season 2) - 02:55
19. Dickon Hinchliffe - Find the Boy (Run) - 02:30
20. Dan Romer & Mike Tuccillo - Heavy In Her Body (Love Life) - 04:20
21. Kris Bowers - Epilogue (Mrs. America) - 03:14
22. Alex Somers - Patterns of Stars (Here We Are) - 04:08
23. Stephen Rennicks - Together Again (Normal People) - 02:54
24. Bill Conti - Sascha, Meet Vlad [Original] (Gotcha!) - 03:08
25. Bill Conti - Lila (The Big Fix) - 02:55
26. Maurice Jarre - Seduction (The Collector) - 03:51
27. Mark Lawrence - David & Lisa's Love Song (David & Lisa) - 03:50
28. Jerry Goldsmith - Bon Voyage / Hot Wire (Morituri) - 03:41
29. Jerry Goldsmith - Take Her, She's Mine [Waltz Arrangement] (Take Her, She's Mine) - 03:00
30. Gerald Fried - The Decision Sorrow (One Potato, Two Potato) - 03:23
31. Bryan Senti & Dustin O'Halloran - The Edge (Save Me Too) - 07:27

Montag, 11. Mai 2020

Playlist #293 vom 24.05.2020 - THE ART OF NOISE / ANNE DUDLEY Special

Auf ihrer Homepage bezeichnen sich The Art Of Noise treffenderweise als ein Amalgam aus „part studio experiment, part pop group, part time, part play, part considerate, part pioneers, part theory, part science, part art“. Die 1983 von Anne Dudley, Gary Langan und Paul Morley gegründete Band zählt zu den ersten Acts, die sich ausgiebig der Fairlight-Sampling-Technik bedient haben und neben Kraftwerk und James Brown am meisten von anderen Künstlern gesampelt werden. Seit ihrer Auflösung im Jahr 1990 hat sich Anne Dudley, die treibende Kraft hinter The Art Of Noise, vor allem in der Filmmusik einen Namen gemacht und 1997 für ihren Score zu „Ganz oder gar nicht“ einen Oscar gewonnen.

Die Idee zu The Art Of Noise wurde geboren, als Gary Langan und J..J Jeczalik einen Drum-Riff sampelten, den die Rock-Band Yes verwarf, als Trevor Horn ihr Album „90125“ produzierte. Es war das erste Mal, dass ein komplettes Drum-Riff auf einem Fairlight, C.M.I. Sampler gesampelt wurde, der es dem Programmierer ermöglichte, alles zu sequenzieren, was gesampelt worden ist. Zu jener Zeit war Trevor Horn gerade dabei, sein neues Label Zang Tuum Tumb (ZTT) an den Start zu bringen, das er mit seiner Frau Jill Sinclair und dem ehemaligen NME-Journalisten Paul Morley mit Unterstützung von Langan gegründet hatte.
Für den geplanten Deal mit Island Records musste allerdings auch ein erster Act unter Vertrag genommen werden. Nach einigen erfolglosen Versuchen war Horn von dem Demo angetan, das Langan und Jeczalik eingespielt hatten, und spielte es Chris Blackwell, dem Gründer von Island Records, vor, der es wiederum in einigen Clubs in New York laufen ließ und nach seiner Rückkehr nach London den Deal mit den beiden Künstlern und Horns Label eintütete.
Anne Dudley, die zuvor Material für Frankie Goes to Hollywood, ABC und Paul McCartney arrangiert und produziert hatte, stieß schließlich zu dem Projekt, um die Melodien beizusteuern. Da sie allesamt Vollzeit-Jobs nachgingen – Langan als Sound Engineer/Produzent, Jeczalik als Computer-Programmierer, Dudley als Arrangeurin, Keyboard-Spielerin und Horn als Produzent -, nahmen sie ihre Sachen in ihrer Freizeit auf. Sie gehörten alle zu Trevor Horns Produktionsteam und hatten gemeinsam an dem ABC-Klassiker „The Lexicon Of Love“ und Malcolm McLarens „Duck Rock“-Album mitgewirkt. Von McLaren haben sie alle gelernt, die Regeln der Musik zu ignorieren und Sachen zu mixen, um dann zu sehen, was passiert.
Morley wurde das fünfte Mitglied der Band, nicht als Musiker, sondern als Ideengeber. Er schrieb Liner Notes, benannte die Tracks, wurde zum Sprachrohr der Band und wählte auch den Bandnamen aus, der auf der englischen Übersetzung des Anfang des 20. Jahrhunderts erschienenen Manifestes „L’arte Dei Rumori“ des italienischen Futuristen Luigi Russolo basiert. Sie selbst sahen sich als Futuristen in dem Sinne an, als sie an der Zukunft interessiert waren und danach strebten, die Zukunft zu einem besseren Ort zu machen. Also verwendeten sie die Technologie der Zukunft, um so zu klingen, als wären sie bereits Bestandteil der Zukunft.
The Art Of Noise spürten noch die Ausläufer des Punk, Post-Punk und New Wave und wollten sich selbst außerhalb jeder Mode und jeden Stils positionieren. Sie bedienten sich so unterschiedlicher Quellen wie Hip-Hop, Rock, Jazz, Rhythm & Blues, Pop, Klang- und Geräusch-Aufnahmen, um sie zu postmodernen, meist instrumentalen Soundscapes zusammenzufügen, die von Künstlern wie Kraftwerk, John Cage, Marcel Duchamp, Terry Riley, Miles Davis, Todd Rundgren, Marvin Gaye und Tangerine Dream inspiriert wurden.
Auf ihrem ersten Gruppentreffen am 2. Februar 1983 entschieden sie unter anderem, dass sie nie in ihren Videos in Erscheinung treten, keinen Leadsänger haben und die Technologie nutzen würden, um die Vorstellungskraft zu befreien.
Im September 1983 erschien mit der 9-Track-EP „Into Battle With The Art Of Noise“ sowohl das Debüt von The Art Of Noise als auch die erste Veröffentlichung auf ZTT. Mit ihrem gesichtslosen Auftreten sorgten sie vor allem in den USA für Verwirrung, wo sie zum „Best Black Act“ des Jahres 1984 gekürt wurden. Durch den zum Hit avancierten Track „Beat Box“ wurde die EP zur Nummer 1 in den US-amerikanischen Dance-Charts. Es war die erste Platte, bei der die heutzutage als „Cut and Paste“ bekannte Technik zum Einsatz kam oder ein instrumentaler Love Song wie „Moments In Love“ den Klang von schlagenden Hämmern statt dem Sound von Drums verwendete.
Im Juni 1984 erschien das Debütalbum „(Who’s Afraid Of?) The Art Of Noise“, das mit „A Time For Fear“ eröffnet wurde, einem Track, der das Augenmerk auf die illegale Invasion der zum britischen Imperium gehörenden Insel Grenada durch die USA lenkte. Das Stück illustrierte, dass Technologie auch dazu verwendet werden kann, ernste Themen zu verarbeiten, indem Nachrichten-Meldungen gesampelt und in eine lyrische Performance verwandelt werden können, statt Musik für den Dancefloor zu produzieren.
Eine zweite Version von „Close (To The Edit)“ wurde im November veröffentlicht und von einem animierten Video von Andy Morahan begleitet. Im Februar 1985 erreichte die Single mit Platz 8 in den UK-Charts ihre höchste Position. Nun begannen sich auch Teen-Musik-Magazine und Radio-Shows für die Band zu interessieren, was allerdings auch zu Spannungen innerhalb der Band führte. Die Medien hatten bislang nur Trevor Horn und Paul Morley als treibende Kräfte hinter The Art Of Noise wahrgenommen, vor allem durch das zweite Video zu „Beat Box“, wo Morley im Intro und dann im Outro zusammen mit Horn zu sehen war, wie er hinter einem Mischpult in seinem SARM-Studio saß. Mit der Art und Weise, wie The Art Of Noise wahrgenommen und vermarktet wurden, begann die Idee einer gesichtslosen Gruppe zu verschwinden. Dudley, Jeczalik und Langan erschienen ohne Horn erstmals im Fernsehen. Nachdem sie in der Channel-Four-Serie „The Tube“ mit Morley als Sprecher live auftraten, waren sie bei BBCs „Top Of The Pops“ zu sehen, wie sie ohne Masken zu „Close (To The Edit“) tanzten.
Als der Vertrag mit ZTT auslief, trennten sich Dudley, Jeczalik und Langan von Horn und Morley und unterschrieben bei Derek Greens Label China Records, während Horn und Morley ein Spin-Off-Projekt namens Art & Act gründeten (die aber nur mit einem Track namens „Life's A Barrel Of Laughs (Out Of This World Mix)“ auf der 2011 veröffentlichten Compilation „The Art Of The 12" (A Celebration Of The Extended Remix)“ in Erscheinung getreten sind).
Mit der ersten Veröffentlichung auf China Records, der Single „Legs“, begannen die Medien zu realisieren, dass Horn und Morley nicht The Art Of Noise waren, so dass das Trio nun die Aufmerksamkeit erhielt, die es verdiente. Auf ihrer nächsten Single „Peter Gunn“ präsentierten The Art Of Noise ihren ersten Gast-Künstler. Der legendäre US-amerikanische Gitarrist Duane Eddy hatte bereits 1959 einen Hit mit der von Henry Mancini komponierten Fernsehserien-Titelmusik und nahm die neue Version in Anne Dudleys Wohnzimmer auf.
Während Langan ein Spandau-Ballet-Album produzierte, traten Dudley und Jeczalik erneut bei „The Tube“ mit einer Live-Band auf und spielten „Opus 4“, „Paranoimia“ und „Peter Gunn“, dann bei „Top Of The Pops“ und auf dem Montreaux Rock Festival.
Im April 1986 erschien mit „In Visible Silence“ das zweite, melodischere und strukturiertere Album, das bis auf Platz 18 in den britischen Charts stieg. Für die Single „Paranoimia“ wurde eine neue Version mit Max Headroom als Gastsänger eingespielt, nachdem die Band damit beauftragt worden war, ein neues Thema für die zweite Staffel der Max Headroom Show zu komponieren. Sie steuerten auch ein neues Thema für die Show „The Krypton Factor“ bei und gingen auf eine Tour durch die USA und Japan, die im Londoner Hammersmith Odeon ihr Ende fand.
Im Oktober 1986 erschien nicht nur eine langsamere Fortsetzung der Single „Legs“ namens „Legacy“, die sich auf dem Album „Re-Works Of Art Of Noise“ wiederfand, sondern auch das Album „Daft“, das eine erweiterte Version des Debütalbums darstellte. Anschließend verließ Gary Langan die Band, um seine eigene Karriere zu verfolgen, blieb The Art Of Noise aber verbunden.
Am 24. Februar 1987 erhielten The Art Of Noise in der Kategorie „Best Rock Instrumental Performance“ einen Grammy für „Peter Gunn“ und waren in zwei Hollywood-Produktionen prominent vertreten. So komponierten Anne Dudley und J.J. Jeczalik für die Komödie „Das Chaoten-Team“ („Disorderlies“) den kompletten Score. In der Komödie „Schlappe Bullen beißen nicht“ („Dragnet“) mit Dan Aykroyd und Tom Hanks in den Hauptrollen waren sie mit zwei Versionen ihres Tracks „Dragnet“ vertreten, von denen der Mix von Arthur Baker als Single veröffentlicht wurde.
Mit ihrem nächsten Album „In No Sense? Nonsense!“ integrierten Dudley und Jeczalik nicht nur einige Mitglieder ihrer Live-Band, sondern auch ein Orchester und einen Chor, während Roger Dudley, Stuart Breed, Ted Hayton und Bob Kraushaar den Job von Langan als Engineer übernahmen. So erhielt das Album einen modernen Klassik-Touch, wobei ein Track durch Ambient-Sounds in den nächsten überging. Anne Dudley begann nun nebenbei auch ihre Karriere als Filmkomponistin voranzutreiben, steuerte sowohl zu dem romantischen Comedy-Drama „Inkognito“ als auch der Phil-Collins-Komödie „Buster“ die Musik bei.
1988 nahmen Dudley und Jeczalik zusammen mit dem walisischen Sänger Tom Jones eine Cover-Version des Prince-Hits „Kiss“ auf und erreichten damit Platz 5 der UK-Charts, wodurch Tom Jones vor allem jüngere Fans gewinnen konnte. Für das vorerst letzte Album „Below The Waste“ (1989) nahmen Dudley und Jeczalik zusammen mit der südafrikanischen Band Mahlathini and The Mahotella Queens die Single „Yebo!“ und die beiden Tracks „Chain Gang“ und „Spit“ auf.
Im Vergleich zu den Vorgängern war „Below The Waste“ von World-Music-Klängen und orchestralen Stücken geprägt. Der letzte Albumtrack „Finale“ wies bereits darauf hin, dass die Geschichte von The Art Of Noise beendet war.
Mitte des Jahres 1990 gaben Dudley und Jeczalik die Auflösung der Band bekannt. Anne Dudley und Trevor Horn hatten derweil ihre Differenzen beigelegt und begannen, wieder zusammenzuarbeiten, zunächst an den beiden ersten Alben von Seal. China Records veröffentlichte 1991 mit „The FON Mixes“ ein Techno-basiertes Remix-Album von The Art Of Noise, die sich 1997 zunächst unter dem Namen The Image Of A Group neu formierten, diesmal mit Anne Dudley, Trevor Horn, Paul Morley und Lol Creme als Mitglieder. Sie begannen an einem Album namens „Balance – Music For The Eye“ zu arbeiten, das auf dem Werk von Trevor Horns Lieblingskomponisten Claude Debussy basierte, doch nachdem auch Jeczalik zur Band zurückkehrte, begann Horn das Album von vorn, verlieh ihm einen härter schlagenden Sound und involvierte einige Co-Produzenten.
Am Ende erschien das Album 1999 unter dem Titel „The Seduction Of Claude Debussy“, wobei The Art Of Noise auf dem Frontcover als Künstler erwähnt wurden und The Image Of A Group auf der Rückseite. Schauspieler John Hurt („1984“, „Der Elefantenmensch“) führte als Erzähler durch das Leben von Debussy, während die Mixtur aus tanzbaren Rhythmen, E-Gitarren, Drum’n’Bass-Klängen und ausgefeilten Orchester-Arrangements sich weit von den vorangegangenen Werken der Band unterschied. Es erschien noch ein dazugehöriges Remix-Album namens „Reduction“ (2000) und der Soundtrack zur 2002 erschienenen „Into Vision“-DVD namens „Reconstructed … For Your Listening Pleasure“ (2003) – dann gingen wieder alle ihrer eigenen Wege: Anne Dudley konzentrierte sich auf ihre Filmkarriere, Horn und Creme gründeten mit Stephen Lipson The Producers, und Morley setzte seine Arbeit als Journalist, Autor und Moderator fort.
Anne Dudley
Bereits vor und während ihrer Zeit bei The Art Of Noise war Anne Dudley ebenso in der Klassik- als auch in der Pop-Szene sehr erfolgreich. Ihr dreijähriges Studium am Royal College of Music krönte sie mit der Auszeichnung für die besten Noten in ihrem Jahrgang, bevor sie ihr einjähriges Studium am King’s College mit einem Master beendete. Ihre Pop-Musik-Karriere nahm bei Trevor Horn ihren Anfang, mit dem sie als Keyboarderin und Arrangeurin an Hits wie ABCs „The Lexicon of Love“, „Two Tribes“ von Frankie Goes To Hollywood und „Buffalo Gals“ von Malcolm McLaren arbeitete. Sie arbeitete mit Künstlern wie Pulp, The Pet Shop Boys, Robbie Williams, Jeff Beck, Seal und Elton John und steuerte die Streicher-Arrangements für so unterschiedliche Acts wie Boyzone, Travis und Rod Stewart bei.
1995 veröffentlichte sie mit „Ancient and Modern“ ihr erstes Solo-Album, das 2002 von „A Different Light“ gefolgt wurde. Im Oktober 2002 arrangierte und dirigierte Anne Dudley in der Royal Festival Hall ein Konzert mit „Chill Out“-Musik, das sie im Februar 2003 in der Brixton Academy und im Juli 2004 in Kenwood wiederholte. Das dazugehörige Album „Seriously Chilled“ wurde 2003 von EMI veröffentlicht. Zuletzt veröffentlichte Dudley das Album „Plays The Art Of Noise“ mit Variationen verschiedener The-Art-Of-Noise-Titel mit akustischen, elektrischen und präparierten Pianos.
Besonders produktiv und erfolgreich ist Anne Dudley vor allem als Filmkomponistin. Bevor sie 1998 für ihre Musik zur Komödie „Ganz oder gar nicht“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hatte sie bereits die Musik zu „Das Chaoten-Team“ (1987), „Buster“ (1988), „Zwei Frauen“ (1989), „Miracle – Ein geheimnisvoller Sommer“ (1991), „Ein Papst zum Küssen“ (1991), Neil Jordans „The Crying Game“ (1992) und zu den Fernsehserien „Jeeves and Wooster – Herr und Meister“ (1990-1993) und „Anna Lee“ (1994) beigesteuert.
In den darauffolgenden Jahren entstanden die Scores zu „American History X“ (1998), „Turbulenzen – und andere Katastrophen“ (1999), „Monkeybone“ (2001), Stephen Frys Regiedebüt „Bright Your Things“ (2003), „Tristan & Isolde“ (2006), „Black Book“ (2006) und zu den Serien „Der Preis des Verbrechens“ (2008-2009), „Breathless“ (2013) und „Poldark“ (2015-2018).
Anne Dudley versucht, ähnlich wie zuvor bei The Art Of Noise, auch in der Filmmusik immer für Überraschungen gut zu sein:
„Ich schätze es, die Leute die ganze Zeit an der Nase herumzuführen, indem ich immer wieder komplett andere Dinge mache“, erzählt Dudley im Interview mit bust.com. „Vor dreißig Jahren war ich in einer Avantgarde-Pop-Band namens The Art Of Noise, wo wir die ganze Zeit Samples und viele elektronische Keyboards verwendet haben. Dann arbeitete ich an einer Fernsehserie, die auf 1920er Jahre Jazz basiert war, und schließlich an ‚American History X‘, wo ich mit sehr ernsthaftem klassischen Chor-Material arbeitete. Ich versuche grundsätzlich, verschiedene Sachen zu machen, was die Leute irritieren kann, weil Menschen es vorziehen, in Schubladen zu denken. Sie mögen es zu sagen, ‚oh, dieser Komponist macht Comedy Scores‘ oder ‚jener Komponist schreibt sehr dramatische Musik‘. Ich glaube, die meisten Komponisten würden Leute hassen, die denken, dass sie nur eine Art von Sachen machen.“

Diskographie The Art Of Noise:
1983: Into Battle with the Art of Noise
1984: (Who's Afraid of?) The Art of Noise!
1986: In Visible Silence
1986: Daft
1987: In No Sense? Nonsense!
1987: Re-works of Art of Noise
1988: The Best of the Art of Noise
1988: Below the Waste
1990: The Ambient Collection
1991: The Fon Mixes
1996: Drum and Bass Collection
1997: State of the Art
1999: The Seduction of Claude Debussy
1999: Belief System / Bashful / An Extra Pulse of Beauty
2000: Reduction
2004: Reconstructed
2006: And What Have You Done with My Body, God?
2010: Influence: Hits, Singles, Moments, Treasures ...
2015: At the End of a Century

Diskographie/Filmographie Anne Dudley:
1987: Das Chaoten-Team (Disorderlies, zusammen mit J.J. Jeczalik)
1987: Inkognito (Hiding Out)
1988: Buster
1989: Big Bad Man (The Mighty Quinn)
1989: Puppenmord (Wilt)
1989: Roy Bremner (TV-Serie)
1989: Teen Lover
1989: Zwei Frauen
1990-1993: Jeeves and Wooster – Herr und Meister (TV-Serie)
1990: Songs From the Victorious City (Album zusammen mit Jaz Coleman)
1991: Ein Papst zum Küssen (The Pope Must Die(t))
1991: Miracle – Ein geheimnisvoller Sommer (The Miracle)
1992: The Crying Game
1992: Knight Moves – Ein mörderisches Spiel (Knight Moves)
1994: Felidae
1994: Anna Lee (TV-Serie)
1995: Butler morden leiser (The Grotesque)
1995: Ancient and Modern (Solo-Album)
1995: Kavanagh QC (TV-Serie)
1996: Immer wieder samstags (When Saturday Comes)
1996: Lautlose Schreie (Hollow Reed)
1997: Ganz oder gar nicht (The Full Monty)
1998: American History X
1998: The Sadness of Sex
1999: Turbulenzen – und andere Katastrophen (Pushing Tin)
2000: Das zehnte Königreich (The 10th Kingdom; TV-Serie)
2000: Der Mann der 1000 Wunder (The Miracle Maker – The Story of Jesus)
2000: Donovan Quick (Fernsehfilm)
2001: Lucky Brake – Rein oder raus
2001: Die Welt des Körpers (The Human Body, Kurz-Dokumentation)
2001: Monkeybone
2001: A Different Light (Solo-Album)
2001: Tabloid – Gefährliche Enthüllungen (Tabloid)
2002: The Gathering
2003: Extreme Rage (A Man Apart)
2003: Bright Young Things
2003: The Key (TV-Serie)
2003: Seriously Chilled (Solo-Album)
2005: Charles und Camilla – Liebe im Schatten der Krone (Whatever Love Means)
2006: Tristan & Isolde
2006: Perfect Creature
2006: Black Book (Zwartboek)
2006: Lake of Fire (Dokumentation)
2007: The Walker
2008: The Commander: Abduction (Fernsehfilm)
2008–2009: Der Preis des Verbrechens (Trial & Retribution, Fernsehserie)
2011: George Gently – Der Unbestechliche (TV-Serie, 1 Folge)
2013: Breathless (TV-Mini-Serie)
2014: Walking on Sunshine
2015: Ruby Robinson (Fernsehfim)
2016: Billionaire Boy (Fernsehfim)
2015-2018: Poldark (TV-Serie)
2016: Elle
2016: Away
2018: Grandpa’s Great Esacpe (Fernsehfim)
2018: Mamma Mia! Here We Go Again
2019: Glam Girls – Hinreißend verdorben (The Hustle)
2020: Benedetta
Playlist: 
1. The Art Of Noise - Moments In Love [Beaten] (Moments In Love) - 07:02
2. The Art Of Noise - A Time For Fear (Who's Afraid Of The Art Of Noise) - 04:46
3. The Art Of Noise - Eye Of A Needle (In Visible Silence) - 04:24
4. The Art Of Noise - Camilla - The Old, Old Story (In Visible Silence) - 07:24
5. The Art Of Noise - Dragnet (In No Sense? Nonsense!) - 03:27
6. The Art Of Noise - Opus For Four (In No Sense? Nonsense!) - 03:11
7. The Art Of Noise - Rapt: In The Evening Air (The Seduction Of Claude Debussy) - 04:22
8. The Art Of Noise - One Earth [New Mexico Mix] (In No Sense? Nonsense!) - 06:32
9. The Art Of Noise - Island (Below The Waste) - 05:49
10. The Art Of Noise - Robinson Crusoe (Below The Waste) - 03:47
11. The Art Of Noise - Dans le style d'une Sarabande mais sans rigueur (At The End Of A Century) - 08:07
12. Anne Dudley - Ten Fingers Of Love (Anne Dudley Plays The Art Of Noise) - 05:06
13. Anne Dudley - Canticles Of The Sun And The Moon (Ancient And Modern) - 05:41
14. Anne Dudley - A Pool Of Tears (Alice In Wonderland: Symphonic Variations) - 03:19
15. Anne Dudley & Jaz Coleman - The Awakening (Songs From The Victorious City) - 04:47
16. Anne Dudley - A Long Talk About Dancing (More Monty) - 03:25
17. Anne Dudley - The Tarakoss Opening (Knight Moves) - 02:13
18. Anne Dudley - The Soldier's Wife (The Crying Game) - 02:06
19. Anne Dudley - Seductive Nhozemphtekh (Felidae) - 01:38
20. Anne Dudley - A Weekend In The Country (The World Of Jeeves And Wooster) - 03:52
21. Anne Dudley - Benedictus (American History X) - 03:39
22. Anne Dudley - A Different Life (A Different Light) - 03:56
23. Anne Dudley - Full Moon Tonight (The Hustle) - 02:36
24. Anne Dudley - The Shutters (Elle) - 03:34
25. Anne Dudley - It's Him (Walking On Sunshine) - 02:17
26. Anne Dudley - Secrets In The Woods (Tristan & Isolde) - 03:16
27. Anne Dudley - Sleeping With The Enemy (The Black Book) - 03:01
28. Anne Dudley - Suite from Poldark (Poldark) - 05:31

Freitag, 1. Mai 2020

Playlist #292 vom 10.05.2020 - SIMON FISHER TURNER Special

Simon Fisher Turner zählt zu den fraglos weniger bekannten Künstlern von Daniel Millers Mute-Label, das durch den Erfolg von Acts wie Depeche Mode, Fad Gadget, Yazoo und Erasure auch immer in der Lage gewesen ist, experimentellere Künstler in seinem Programm zu fördern. Während in dem Sublabel „The Grey Area“ vor allem Industrial-Klassiker von Cabaret Voltaire, SPK und Throbbing Gristle wieder aufgelegt worden sind, wurden bei „Fine Line“ vor allem Soundtrack-Arbeiten von Simon Fisher Turner veröffentlicht. Der vielseitige Schauspieler, Musiker und Komponist ist in seiner langen Karriere unter so verschiedenen Pseudonymen und Namen wie The King of Luxembourg, Deux Filles, SFT sowie Simon Turner unterwegs gewesen und wurde vor allem durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem britischen Filmemacher Derek Jarman („The Garden“, „Edward II.“, „Blue“) bekannt. Nun hat er mit „A Quiet Corner of Time“ den Soundtrack zu einer Installation von Edmund de Waal veröffentlicht.

Der am 21. November 1954 im britischen Dover geborene Simon Fisher Turner war in seiner Jugend als Schauspieler im britischen Kinderfernsehen (u.a. bei „Black Beauty“ und „The Big Sleep“) zu sehen und nahm 1969 mit „Simon Turner“ eine Pop-LP und einige Singles für UK Records und Ariola in den 1970er Jahren auf. Turner studierte am Betteshanger in Kent Piano, Violine, Gitarre, Klarinette und Gesang, war aber dann mehr an den Möglichkeiten des Moog Synthesizers interessiert. Die späten 1970er wurden zum Sprungbrett für Simon Fisher Turners späteren künstlerischen Abenteuer. Fasziniert von früher amerikanischer Elektronik à la Terry Riley, Wendy Carlos und Dick Hyman, aber abgenervt von der Londoner Punk-Szene, begann er zu realisieren, dass eher Musik machen als schauspielern sollte. Es dauerte allerdings seine Zeit, bis er seine Richtung fand, experimentierte viel herum.
„Nichts ging in eine bestimmte Richtung, weil ich keinen Punk-Rock machte, sondern Dinge machte wie lange, 22-minütige Solo-Piano-Stücke. Jeder machte wie verrückt Krach, nur ich wurde langsamer und langsamer, in die entgegengesetzte Richtung, aber ich erinnere mich, dass Lydon gesagt hat, dass man nicht locker lassen darf, also befolgte ich seinen Rat, was sich letztendlich bezahlt gemacht hat.“
Er arbeitete bei Plattenfirmen wie UK Records, Cherry Red, London Records (USA), war Mitglied von Portsmouth Symphonia und als Musiker in verschiedenen Galerien tätig. Zusammen mit Colin Lloyd Tucker war er 1980/81 als Gitarrist und Bassist in den Anfangstagen von Matt Johnsons Band The The tätig, doch machten sie sich 1982 als Duo selbstständig, veröffentlichten auf Simon Fisher Turners Label Papier Maché zunächst zwei Alben unter dem Namen Deux Filles („Silence & Wisdom“, 1982, und „Double Happiness“, 1983) auf, dann eines unter dem Namen Jeremy’s Secret („The Snowball Effect“, 1984).
Mit Unterstützung von Ashley Wales nahm SFT 1985 mit „The Bone of Desire“ ein Album aus Cut-ups, Collagen, Loops und Drum Machines auf, bevor sich die Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Derek Jarman ergab.
„Ich wurde ihm zu einem Zeitpunkt vorgestellt, als ich kein Geld und keinen Job hatte. Er fragte mich, ob ich ihm beim Umzug helfen, ob ich fahren könnte, und ich sagte, ja natürlich. Er hatte gerade ,Jubilee‘ abgedreht, und ich begann in der Produktionsfirma als künstlerischer Berater zu arbeiten“, erinnert sich Simon. „Danach machte er ,The Tempest‘, wobei ich wieder in der Produktion tätig war. Aber während der Dreharbeiten zu ,The Tempest‘ hatten wir am Drehort musikalische Abende, wo ich Piano und Gitarre spielte, ein Tänzer namens Orlando tanzte und H. Williams, der Prospero spielte, seine Gedichte vorlas. Es waren fast kleine Shows, und wir hatten eine Menge Spaß dabei. Für ,Caravaggio‘ war ich überraschenderweise als Schauspieler integriert, aber nur in einer Nebenrolle.
Während der Dreharbeiten wurde man darauf aufmerksam, dass wir den Film machten, und Komponisten schickten Tapes, um den Job für die Musik von ,Caravaggio‘ zu bekommen. Derek meinte, ich sollte sie mir alle anhören, und nachdem ich das getan hatte, trafen wir auch einige Leute, aber wir konnten uns für niemanden, der die Musik machen sollte, so richtig entscheiden. Als Derek eines Tages aus Italien zurückkam, fragte er mich, ob ich die Musik machen wollte. Ich nahm begeistert an. Ich wusste nichts über Filmmusik, ich hatte keine Idee, wie ich sie aufnehmen sollte, es war eine völlig neue Welt für mich. Aber es ermöglichte mir auf einmal, mit klassischen Musikern zu arbeiten, alte Instrumente zu benutzen.
Ich denke, die Musik zu ,Caravaggio‘ war die Musik, die ich als Kind hörte, eine simulierte religiöse Musik, die ich ohne Synthesizer, nur mit Instrumenten einspielen wollte. Heutzutage arbeite ich mit einer Verbindung aus Musikern, die richtige Instrumente wie Cello und Trompete spielen, und Tapes, Samples, Piano, Gitarre.“
Simons ausgiebigen, oft siebzigminütigen Scores zu Filmen wie „The Last Of England“, „Edward II“, „The Garden“ und schließlich „Blue“ (alle bei Mute erschienen) zählen zu den außergewöhnlichsten Filmmusiken überhaupt, brechen sie doch mit fast allen Konventionen des Genres, und der Enthusiasmus, der dabei in der vielschichtigen Musik zum Ausdruck kommt, resultiert fraglos auch aus der Begeisterung, die Simon seinem Freund entgegenbrachte.
„Die Qualität von Dereks Filmen ist unvorstellbar weit, sie verfügen über eine besondere künstlerische Konzeption von Bildern. Derek war ursprünglich ein Maler und ein Dichter, bevor er eine Super 8-Kamera in die Hand bekam, aber er hatte eine unbeschreibliche Tiefe in den Visionen und der Ehrlichkeit. Er benutzte fast die ganze emotionale Breite. Ich mag nicht alle seine Filme. Ich denke, er brachte zu sehr seine Sexualität mit ein, aber als Regisseur kann er das tun. Dadurch verärgerte er aber auch Teile des Publikums, weil er wegen seiner Sexualität stets sagen wollte: Ich bin homosexuell; ich glaube, dies ist richtig, das ist falsch.
Seine Filme waren politisch, außergewöhnlich. Derek hat immer mit einem Kollektiv von Freunden zusammengearbeitet und ließ den Dingen freien Lauf. Es machte immer Spaß, einen Film zu machen, obwohl er sehr ernsthaft war. Spaß war stets dabei, weil die Arbeit um Derek herum passierte, und Derek trieb uns alle an. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ihn vermisse. Wir müssen den Geist seiner Arbeit weiterführen, den Enthusiasmus über das Leben.“
Als Jarman seinen letzten Film „Blue“ realisierte, war er, bedingt durch seine AIDS-Infektion, erblindet und hatte seinen Tod bereits vor Augen. Der Film stellte, da er nur blau war und allein von der Poesie Jarmans und der Musik lebte, auch für Simon eine besondere Herausforderung dar.
„Ich musste den Worten lauschen, die Musik entstand aus den Gedichten, mit denen ich mich sehr vertraut fühlte. Alles, was wir für ,Blue‘ versuchten, war, allein die Worte zu illustrieren. Das war meine Hauptaufgabe. Wir waren sehr glücklich darüber, mit einem Mann namens Markus Dravius aus Frankfurt zusammenzuarbeiten, der ein Mitarbeiter von Brian Eno ist. Er nahm die Sachen ganz toll auf. Wir hielten uns einen Monat bei Brian auf und entspannten uns einfach.
Wir frühstückten und hörten nur den Worten zu und überlegten, welche Musik dazu passen würde. Derek kam immer mal ins Studio, um zu sagen, was ihm gefiel und was nicht. Aber ich wusste von diesem Projekt schon seit Jahren und machte in Italien einige ,Blue‘-Konzerte, um das Interesse an dem Film zu wecken. Die Konzerte waren völlig anders als der Film, aber sie gaben uns eine Idee davon, wie die Musik sein sollte. Danach war es eine Sache des Telefonierens, Freunde zu fragen, ob sie Gefallen an dem Projekt finden würden.“ 
Und so nahmen neben Simon Turner, der die übrigen Musikbeiträge zu einer furiosen Collage zusammensetzte, u.a. Miranda Sex Garden, Coil, Momus, Vini Reilly und Brian Eno teil, die auf ihre Weise einem besonderen Freund huldigten. Mit „Blue“ tourte SFT auf der ganzen Welt, spielte live improvisierte Shows. Ende der 1980er trat kostümiert er als The King Of Luxembourg in Japan auf, um Coverversionen von The Byrds und Public Image Limited zu spielen, 1987 („Royal Bastard“) und 1988 („Sir“) veröffentlichte er sogar zwei Alben auf Él Records.
Aber nach seiner bemerkenswerten Zusammenarbeit mit Derek Jarman begannen auch andere Filmemacher sich für Simon Fisher Turners Musik zu interessieren.
Im Jahre 2002 stellte er eine Band zusammen, die in fünf Tagen die Musik zu einem BFI Revival von Jean Genets homoerotischer Hymne „Un Chant D’Amour“ aufnahm (die Musik wurde 2009 zusammen mit dem Soundtrack zu Ausstellung „It Happened By Chance“ mit Super 8mm Filmen von Derek Jarman und dem Soundtrack zu Cynthia Beatts Film „The Invisible Frame“ auf dem Album „Music For Films You Should Have Seen“ veröffentlicht).
Es folgten die Soundtracks zu Michael Almereydas lesbischen Vampir-Drama „Nadja” (1994), Anna Campions „Loaded” (1994), Lodge Kerrigans „Claire Dolan” (1998), Mike Hodges „Der Croupier” (1998), Michael Almereydas Horror-Film „Trance” (1998) und Joe Tuckers Krimi-Komödie „Lava“ (2001).
„Mein Job als Soundtrackkomponist ist, das zu tun, was der Regisseur möchte, aber ich mache auch immer das, was ich möchte. Ich bin mir gegenüber in musikalischer Hinsicht nie unglaubwürdig geworden, weil ich von Filmemachern vermutlich gerade wegen meiner Ideen engagiert werde. Aber das ist eine Sache von Kommunikation und Vertrauen.
Es wird viel Zeit mit Reden und Nachdenken verbracht. Ich neige dazu, in Filme involviert zu werden, während sie gedreht werden. Die meiste Filmmusik wird komponiert, wenn der Film fertig gestellt ist. Ich habe gerade einen Film gemacht, der in sechs Monaten entstanden ist. Meine Arbeit, den Soundtrack aufzunehmen, dauerte zwei Wochen, aber ich war jeden Tag am Set, wo ich Tape-Recorder, Sampler und Zugang zu allem hatte, was mit dem Film zusammenhing. Das ermöglicht mir einen viel besseren Einblick in den Film, wenn ich ihn vom ersten Tag an verfolge.
Die Leute fragen natürlich, wer ich bin, was ich mit einem Tape-Recorder mache, aber ich habe das immer sehr gemocht, stets am Drehort zu sein. Ich habe in erster Linie dem Regisseur und mir selbst zu gefallen, und ich bin nur dem Regisseur gegenüber verpflichtet, nicht der Produktionsfirma.“
Tatsächlich ist Simon Fisher Turner seit Mitte der 2000er Jahre nur noch selten im filmmusikalischen Bereich tätig. Am liebsten betätigt sich der unkonventionelle Komponist auf den Gebieten experimenteller Musik. Sein 2002 veröffentlichtes Album „Swift“ war beispielsweise wie ein Mosaik konstruiert, bei dem Improvisationen von einem Musiker-Team mit anderen Klangquellen zusammengefügt wurden. Für das 2005er Nachfolgealbum „Lana Lara Lata“ arbeitete Fisher Turner mit dem französischen Klangkünstler Rainier Lericolais und dem italienischen Electronica-Duo T uM‘ zusammen.
,Lana‘ ist eine Art von Geistermusik. Es ist durch eine Vielzahl von Köpfen und Räumen auf eine Weise gegangen, die ich sehr interessant finde“, erklärt Turner und beschreibt damit einen kreativen Prozess, bei dem das ursprüngliche Material am Ende der musikalischen Verarbeitung nur noch rudimentär vorhanden gewesen ist. Auf dem Album ist der Komponist auch als Sänger zu vernehmen, wenn auch meist elektronisch verfremdet.
Wie schon bei „Swift“ ist auch „Lana“ mit einer DVD - „Lara“ - ausgestattet, zu denen Sebastian Sharples die Visuals beigesteuert hat, und mit „Lata“ gibt es zudem auch ein von Paul Farrington kreiertes Klangspielzeug, mit dem der Hörer verschiedene Auszüge aus dem Album manipulieren kann.
„Es ist eines der schönsten Dinge, die ich je gesehen habe“, meint Fisher Turner. „Es ist einfach wild. Ich liebe es!”
In den letzten Jahren veröffentlichte Simon Fisher Turner die Musik zu zwei 1924 entstandenen Expeditions-Dokumentarfilmen, „The Great White Silence“ (2011) und „The Epic Of Everest“ (2014), die den Komponisten besonders herausforderten.
„Der Versuch, diese Stummfilme mit Klängen zu unterlegen, ist erschreckend, weil da nichts ist. Wo beginnst du? Wie soll ich beginnen? Und wenn du erst einmal die Stille weggenommen hast, ist es die Hölle, sie wieder hineinzubringen. Ich habe mich ,The Epic Of Everest‘ in der gleichen Art angenähert wie ich es bei ,The Great White Silence‘ getan habe“, erzählt Simon Fisher Turner im Interview mit "The Quietus".
„Die Tochter des Regisseurs ist immer noch am Leben, und sie besitzt immer noch die Kamera, die er verwendet hat, und seine Stiefel an der Haustür, all diese Sachen. Es gibt einen Gasherd, den man in Irvings Zelt in der Nähe des Gipfels gefunden hat, aber ich habe nichts davon aufgenommen. Es schien so einfach – das haben wir bei ,The Great White Silence‘ so gemacht, wir haben die Glocke gehabt, Chris Watson nahm die Stille in Scotts Hütte aufgenommen, die natürlich keine Stille gewesen ist.
Für ,The Epic Of Everest‘ habe ich viel mehr gespielt, auch wenn es minimalistisch war. In den ersten acht Minuten wurden nur zwei Sachen gespielt. Du denkst an den Everest und denkst ‚Blechbläser Blechbläser Blechbläser‘, und dann fiel eines Tages der Groschen: Cosey Fanni Tutti, dieser Sound, niemand anderes macht diesen Sound, er ist absolut einzigartig, es ist fantastisch. Sie war wirklich großartig. Sie spielte ein paar Töne, dann sampelte ich sie. Sie ist über den ganzen Soundtrack verstreut, sie ersetzte sogar meine Waldhorn-Klänge, die ich sonst verwendet habe.
Ich habe versucht, eine ganze Menge Sachen aufzunehmen, und einige davon waren schrecklich, aber so arbeite ich - sammle sammle sammle. Ich wollte Touch nicht fragen, ob sie Aufnahmen davon haben, wie Wasser auf einen Gletscher tropft, darum geht es mir nicht. Für mich ist ,Epic Of Everest‘ wie ein Baby, das ist mir wirklich wichtig, das ist mir sehr wichtig.“

Mit „Giraffe“ (2017) folgte ein mit Unterstützung vom Elysian Quartet entstandenes Album mit Feld-Aufnahmen und Sounddesigns. Sein neues Album „A Quiet Corner In Time“ basiert auf einer komplementären Klangarbeit, die für die Architekturinstallation „- one way or other -“ des renommierten Keramikers und Autors Edmund de Waal im Haus Schindler in Los Angeles entstanden ist und ein meditatives Drama darstellt.
„Manche Klänge werden in die Länge gezogen, zu fein strukturierten Drones gekämmt, andere bleiben nackt. Wir hören das Knarren zuschlagender Türen, das Echo von Schritten von Menschen, die sich durch lange Korridore bewegen, das geschäftige Klirren und Geschnatter eines Wiener Kaffeehauses, die Klänge von Pferdehufen, die, Kastagnetten gleich, perkussiv nutzbar gemacht werden“, heißt es dazu in der Platteninfo.

Diskographie/Filmographie:
1973 - Simon Turner
1985 - The Bone of Desire
1986 - Caravaggio (Filmmusik)
1987 - The Last of England (Filmmusik)
1989 - Melancholia (Filmmusik)
1990 - Simon Turner
1991 - Edward II (Filmmusik)
1991 - The Garden (Filmmusik)
1992 - I've Heard the Ammonite Murmur
1992 – Elenya – In Kriegszeiten (Elenya, Filmmusik)
1992 - Sex Appeal (Simon Turner vs. The King of Luxembourg)
1993 - Revox
1993 - The Many Moods of Simon Turner
1994 - Blue: A Film by Derek Jarman (Filmmusik)
1995 - Live Blue Roma (The Archaeology of Sound)
1995 - Nadja (Filmmusik)
1995 - All Men Are Mortal (Filmmusik)
1996 - Jerusalem, City of Heaven (Dokumentar-Filmmusik)
1996 - Shwarma
1996 - Loaded (Filmmusik)
1998 - Claire Dolan (Filmmusik)
1998 - Der Croupier (The Croupier, Filmmusik)
1998 - Trance (Filmmusik)
1999 - The Lost Days (Filmmusik)
1999 - Still, Moving, Light
1999 - Oh Venus
1999 - Eyes Open (10")
2000 - Nature Boy (TV-Mini-Serie, Soundtrack)
2000 - Hana wo tsumu shôjo to mushi wo korosu shôjo (Filmmusik)
2000 - Travelcard
2001 - Lava (Filmmusik)
2001 - My Kingdom (Filmmusik)
2002 - Riviera Faithful 
2002 - Swift
2003 - Ein Liebeslied (Un Chant D’Amour, Filmmusik)
2003 - Dead Simple (Filmmusik)
2005 - Lara Lana Lata
2005 - William Eggleston in the Real World (Dokumentar-Filmmusik)
2006 - Sweeny Todd (TV-Filmmusik)
2006 - Burning Light (Filmmusik)
2008 - Lifesounds
2008 - Derek (Dokumentar-Filmmusik)
2008 - Stanley Kubrick’s Boxes (TV-Dokumentar-Filmmusik)
2009 - The Invisible Frame (Dokumentar-Filmmusik)
2009 - Music from Films You Should Have Seen (Filmmusik)
2009 - De Dentro Hacia Afuera
2010 - Derek Jarman Super8 (Filmmusik)
2011 - The Great White Silence (Filmmusik)
2011 - Soundescapes (mit Espen J. Jörgensen)
2013 - A Ti Dou Li Dum A Ti Dou Li Dou Ti Dé (mit Philippe Petit)
2013 - The Epic Of Everest (Dokumentar-Filmmusik)
2015 - The Raft of the Medusa (TV-Filmmusik)
2017 - Picture From Darkness
2017 - Giraffe
2018 - Care (mit Klara Lewis)
2019 - Shiro Takatani - Between Nature and Technology (Dokumentar-Filmmusik)
2020 - A Quiet Corner Of Time (mit Edmund de Waal)
2020 - Life Recordings From Prospect Cottage And The Ness
Playlist:
1. Simon Fisher Turner - Hole Entry (Travelcard) - 05:13
2. Simon Fisher Turner  - I Love You More Than My Eyes (Caravaggio) - 06:50
3. Simon Fisher Turner  - Autumn Leaf (The Last Of England) - 03:28
4. Simon Fisher Turner  - Drowned By Time [excerpt] (The Garden) - 06:10
5. Simon Fisher Turnerr - Some Stolen Apples [excerpt] (Derek Jarman Super8) - 12:40
6. Simon Fisher Turner  - Archist (Melancholia) - 03:12
7. Simon Fisher Turner  - Isle Of Spices (Nadja) - 03:17
8. Simon Fisher Turner  - Lennie's Death (Gangster Number One) - 02:04
9. Simon Fisher Turner  - Part Two [excerpt] (I'll Sleep When I'm Dead) - 05:26
10. Simon Fisher Turner  - Deep Water (Loaded) - 03:29
11. Simon Fisher Turner  - Lower (Shwarma) - 05:03
12. Simon Fisher Turner  - Perfume (Oh Venus) - 03:43
13. Simon Fisher Turner  - Displace (Still Moving Light) - 03:11
14. Simon Fisher Turner  - Lastordersplease (Swift) - 05:09
15. Simon Fisher Turner  - Deadheading (Lara Lana Lata) - 05:25
16. Simon Fisher Turner  - Tala (Riviera Faithful) - 03:45
17. Simon Fisher Turner  - The Children Will Have To Stop (A Quiet Corner In Time) - 04:50
18. Simon Fisher Turner  - Un Chant D'Amour [excerpt] (Music From Films You Should Have Seen) - 06:57
19. Simon Fisher Turner  - Rakaposhi (The Epic Of Everest) - 03:42
20. Simon Fisher Turner  - Sloane Square [excerpt] (The Many Moods Of Simon Fisher Turner) - 04:58
21. Klara Lewis & Simon Fisher Turner - Drone (Care) - 08:01
22. Simon Fisher Turner  - Hope Swims (Giraffe) - 04:06
23. Simon Fisher Turner  - The Great White Silence - Part 2 [excerpt] (The Great White Silence) - 07:15

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