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Sonntag, 22. März 2026

Playlist #445 vom 22.03.2026 - PETER WEIR Special

Mit sechs Oscar-Nominierungen für seine Arbeiten an Filmen wie „Der Club der toten Dichter“, „Die Truman Show“ und „Der einzige Zeuge“ zählt Peter Weir zu den prominentesten australischen Filmemachern und wurde 2022 verdientermaßen mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Da lag sein letzter Film „The Way Back“ (2010) bereits zwölf Jahre zurück. Grund genug, Peter Weir mit einer Retrospektive zu ehren. Schließlich hat er auch bei der Auswahl der Musik für seine Filme stets ein gutes Händchen bewiesen. In dieser Sendung gibt es neben der original für seine Werke komponierten Musik von Bruce Smeaton, Maurice Jarre, Iva Davis, Christopher Gordon, Hans Zimmer und Burkhard Dallwitz auch verwendete Tracks von Vangelis, Jean Michel Jarre, Philip Glass, Tomaso Albinoni, Beethoven und Mozart zu hören. 
Peter Weir wurde am 21. August 1944 in Sydney geboren und besuchte das Scots College und die Vaucluse Boys High School, bevor er an der Universität Sydney Kunst und Jura studierte. Sein Interesse am Film wurde durch die Begegnung mit Kommilitonen geweckt, darunter Phillip Noyce und die späteren Mitglieder des Sydneyer Filmkollektivs Ubu Films.
Nach seinem Universitätsabschluss Mitte der 1960er Jahre begann er beim Sydneyer Fernsehsender ATN-7 als Produktionsassistent für die bahnbrechende satirische Comedy-Sendung „The Mavis Bramston Show“. Während dieser Zeit drehte Weir mit den Einrichtungen des Senders seine ersten beiden experimentellen Kurzfilme „Count Vim's Last Exercise“ und „The Life and Flight of Reverend Buck Shotte“.
Bei der Commonwealth Film Unit drehte Weir mehrere Dokumentarfilme sowie einen Spielfilm.
Mit dem Kurzfilm „Three Directions in Australian Pop Music“ (1972) fasste Weir Konzertaufnahmen von drei der bedeutendsten Rockbands aus Melbourne jener Zeit zusammen: Spectrum, The Captain Matchbox Whoopee Band und Wendy Saddington. Weirs letzte größere Arbeit für die CFU befasste sich mit einem benachteiligten Vorort von Sydney, „Whatever Happened to Green Valley“ (1973). Dabei wurden die Bewohner eingeladen, eigene Filmsequenzen zu drehen.
Weirs erster großer Independentfilm war der Kurzfilm „Homesdale“ (1971), eine schräge schwarze Komödie. Für seinen nächsten, ersten abendfüllenden Spielfilm ließ sich Weir von einem Pressebericht inspirieren, den Weir über zwei junge Engländerinnen gelesen hatte, die während einer Autoreise in Frankreich verschwunden waren. „Die Autos, die Paris auffraßen“ (1974) war eine Low-Budget-Komödie um eine Stadt, die ihre Existenz der fragwürdigen, doch allgemein anerkannten Praxis verdankt, verunglückte Autos und ihre Insassen auszuschlachten, und überzeugte weniger durch komplex gezeichnete Figuren und einen dramatischen Plot, sondern durch ihre außergewöhnliche Ausgangsidee einer zutiefst amoralischen Gesellschaft, die ungeniert Gewinn aus dem Schaden anderer Leute zieht, und Peter Weirs ausdrucksstarke Bildsprache.
Der Film war in den Kinos nur mäßig erfolgreich, erfreute sich aber großer Beliebtheit in den damals florierenden Autokinos.
Mit diesem Film, zusammen mit dem früheren „Homesdale“, etablierte Weir das thematische Grundmuster, das sein gesamtes Schaffen prägte: Fast alle seine Spielfilme handeln von Menschen, die in eine Krise geraten, nachdem sie auf die eine oder andere Weise von der Gesellschaft isoliert wurden – sei es physisch („Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Die Truman Show“, „Master and Commander“), sozial/kulturell („Picknick am Hanging Rock“, „Die letzte Flut“, „Der Club der toten Dichter“, „Green Card“) oder psychisch („Fearless“).
Weirs großer Durchbruch in Australien und international gelang ihm mit dem opulenten, atmosphärischen Historienfilm „Picknick am Valentinstag“ (1975), der mit erheblicher Unterstützung der staatlich geförderten South Australian Film Corporation entstand und in Südaustralien und im ländlichen Victoria gedreht wurde. Basierend auf dem Roman von Joan Lindsay und angesiedelt um die Jahrhundertwende, erzählt der Film die angeblich wahre Geschichte einer Gruppe Schülerinnen eines exklusiven Mädcheninternats, die am Valentinstag 1900 auf mysteriöse Weise während eines Schulausflugs verschwinden. Der Film gilt weithin als Schlüsselwerk der australischen Filmrenaissance Mitte der 1970er-Jahre und war der erste australische Film seiner Zeit, der sowohl von der Kritik gefeiert als auch international in den Kinos gezeigt wurde.
Bereits im Prolog vermittelt Peter Weir seinem Publikum die Botschaft, dass bei einem Picknick am Valentinstag einige Mädchen spurlos verschwunden sind. Und trotzdem entfaltet die Geschichte eine Sogwirkung, die einfach grandios inszeniert ist. Die hypnotisch-flirrenden Bilder von Kameramann Russell Boyd („Forever Young“, „Master & Commander“) gehen mit den mystischen Panflötenklängen von Gheorghe Zamfir und dem verträumten Piano-Score von Bruce Smeaton eine stimmige Symbiose ein, die das Verschwinden der Mädchen wirklich zu einem übernatürlichen Ereignis werden lässt. Interessant kreiert Weir aber auch die Gegensätze zwischen der wilden, unberechenbaren Natur und den strengen Regeln in einem viktorianischen Mädcheninternat. Während die Frage nach dem Verbleib der Mädchen unbeantwortet bleibt, sind die darauffolgenden Ereignisse im Internat nur allzu vorhersehbar. Peter Weir gelingt es, die Geschehnisse hier und dort eindringlich miteinander zu verbinden.
Weirs nächster Film „Die letzte Flut“ (1977) war ein übernatürlicher Thriller über einen Mann, der von furchterregenden Visionen einer drohenden Naturkatastrophe heimgesucht wird. Der Film mit dem amerikanischen Schauspieler Richard Chamberlain in der Hauptrolle, der dem australischen und internationalen Publikum als Titelheld der beliebten Fernsehserie „Dr. Kildare“ bestens bekannt war, erzählt die Geschichte von Dr. Kildare. „Die letzte Flut“ war ein nachdenkliches, ambivalentes Werk, das die Themen von „Picknick am Valentinstag“ aufgriff und die Interaktionen zwischen der Kultur der Aborigines und der europäischen Kultur erforschte.
In erster Linie als Justizdrama ausgelegt, verlagert sich der Film zunehmend auf die Frage, inwieweit der weiße Anwalt auch die Gabe der Prophezeiung besitzt. Peter Weir hat die Problematik des Zusammenlebens zwischen den beiden Gesellschaftsformen ebenso subtil thematisiert wie die bedrohlichen Naturphänomene in Form von sintflutartigen Regenfällen, Hagelschauern und anderen typisch apokalyptischen Zeichen, wobei Richard Chamberlain überzeugend den skeptischen Beobachter darstellt.
Zwischen „Die letzte Flut“ und seinem nächsten Spielfilm schrieb und inszenierte Weir den ungewöhnlichen Low-Budget-Fernsehfilm „Wenn der Klempner kommt“ (1979). In den Hauptrollen waren die australischen Schauspieler Judy Morris und Ivar Kants zu sehen; die Dreharbeiten dauerten nur drei Wochen. Inspiriert von einer Erzählung von Freunden, ist es eine schwarze Komödie über eine Frau, deren Leben durch einen subtil bedrohlichen Klempner aus den Fugen gerät.
Mit seinem nächsten Film, dem historischen Abenteuerdrama „Gallipoli“ (1981), landete Weir einen großen australischen Erfolg und erntete weiteres internationales Lob. Das Drehbuch stammte vom australischen Dramatiker David Williamson; der Film gilt als Klassiker des australischen Kinos und trug maßgeblich dazu bei, Mel Gibson („Mad Max“) zum Superstar zu machen.
Peter Weir inszeniert den Großteil seines Dramas als ausgelassenen Abenteuerfilm, indem sich die Freunde, die sich freiwillig für den Einsatz australischer und neuseeländischer Truppen im Kampf gegen die mit den Nazis verbündeten Türken gemeldet haben, selbst bei ihren ersten Übungen in Ägypten noch lachend in die Arme fallen. Doch je näher die Geschosse der Türken an ihrem Gefechtsstand einschlagen, desto mehr wird ihnen der tödliche Ernst der Lage bewusst. Weir schürt ihr bewusst Ressentiments gegen die britischen Offiziere, die die australischen Truppen rücksichtslos gegen die gut in den Stellungen liegenden Türken verheizen. Auch wenn Weir damit über das Ziel hinausschießen mag, ist ihm mit „Gallipoli“ ein eindringliches Drama über eine Männerfreundschaft und die Sinnlosigkeit des Krieges gelungen, das zudem mit Jean-Michel Jarres Musik aus „Oxygene“ und das Tomaso Albinoni zugeschriebene „Adagio in g-Moll“ interessant vertont worden ist.
Der Höhepunkt von Weirs früher Karriere war die 6 Millionen Dollar teure multinationale Produktion „Ein Jahr in der Hölle“ (1982), in der erneut Gibson die Hauptrolle spielte, diesmal an der Seite von Hollywood-Star Sigourney Weaver. Der Film erzählt eine Geschichte über journalistische Loyalität, Idealismus, Liebe und Ehrgeiz im turbulenten Indonesien Sukarnos im Jahr 1965. Es handelte sich um eine Adaption des Romans von Christopher Koch, der teilweise auf den Erlebnissen von Kochs Bruder Philip, dem Journalisten Philip, beruhte. Philip war Jakarta-Korrespondent der ABC und einer der wenigen westlichen Journalisten in der Stadt während des Putschversuchs von 1965. Der Film brachte Linda Hunt (die im Film einen Mann spielte) einen Oscar als Beste Nebendarstellerin ein.
Der Film konzentriert sich nicht nur auf die romantische Beziehung, die sich zwischen dem Reporter und der Botschaftsangestellten anbahnt, sondern vor allem auf die Rolle, in der sich Hamilton selbst in dem ausbrechenden Bürgerkrieg sieht, ob er bereit ist, größere Opfer zu bringen, als es beispielsweise seine Kollegen tun, die sich allein auf die Berichterstattung aus sicherer Entfernung und diverse Ablenkungen beschränken. Allzu tief dringt das Drama dabei freilich nicht in die politischen Dimensionen des Bürgerkriegs ein. Vielmehr thematisiert Weir den immerwährenden universalen Konflikt zwischen (gesellschafts-)politischen Ereignissen und der Berichterstattung darüber.
Weirs erster amerikanischer Film war der erfolgreiche Thriller „Der einzige Zeuge“ (1985), der erste von zwei Filmen, die er mit Harrison Ford drehte. Er handelt von einem Jungen, der Zeuge des Mordes an einem verdeckten Polizisten durch korrupte Kollegen wird und sich daraufhin in seiner Amischen Gemeinde verstecken muss, um ihn zu schützen. Weir führte Regie bei Fords einziger Performance, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, während auch Kinderstar Lukas Haas für sein Filmdebüt viel Lob erhielt. „Der einzige Zeuge“ brachte Weir zudem seine erste Oscar-Nominierung als Bester Regisseur ein und war der erste von mehreren Filmen, die für den Oscar als Bester Film nominiert wurden – später gewann er zwei Oscars für den Besten Schnitt und das Beste Originaldrehbuch.
Es folgte der düsterere, weniger kommerzielle Film „Mosquito Coast“ (1986) nach einem Drehbuch von Paul Schrader („Taxi Driver“, „Katzenmenschen“), basierend auf Paul Theroux’ Roman.
„Mosquito Coast“ zeigt zunächst eine US-amerikanische Welt auf, die typisch für die westliche Zivilisation ist, eine Welt, in der Waren möglichst billig aus dem fernen Osten importiert werden und das Wohl des Einzelnen über dem der Gemeinschaft steht. Dass Allie Fox, dessen Erfindungen nur müde belächelt werden, weil sie keinen schnellen ökonomischen Nutzen bieten, dieser kapitalistischen Welt entfliehen möchte, lässt sich durchaus nachvollziehen. Interessant ist, dass er dieses Vorhaben so radikal und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Familie umsetzt und im tiefsten Dschungel den Eingeborenen das Leben noch luxuriöser bereiten möchte. Das verläuft natürlich nicht nach Plan, denn zum einen bekommt es Allie mit dem missionarischen Eifer eines Weißen zu tun, zum anderen mit rücksichtslosen Guerilla-Kämpfern, die Allies Errungenschaften drohen zunichtezumachen. Spätestens durch die Konfrontation mit dem Unwägbaren kippt die Stimmung, und Allie wird zum schwer erträglichen Tyrannen, unter dem vor allem seine Familie zu leiden hat. Weirs Fähigkeit und Faible, Eskapismus, Esoterik und Naturverbundenheit mit psychologischem Schrecken zu verbinden, wie er es in seinen in den 1970er Jahre entstandenen Filmen zum Ausdruck brachte, kommt auch in „Mosquito Coast“ zum Tragen.
Harrison Ford überzeugt dabei als leidenschaftlicher Kämpfer für die gute Sache, der allerdings über das Ziel hinausschießt, und die Konzentration auf die Dialoge, mit denen die Konflikte ausgetragen werden, machen „Mosquito Coast“ nicht gerade zugänglich. Doch als Drama, das den Kontrast zwischen Naturvölkern und vermeintlich fortschrittlichen Zivilisten zuspitzt, funktioniert der Film wunderbar.
Weirs nächster Film „Der Club der toten Dichter“ (1989) war ein internationaler Erfolg und präsentierte Robin Williams in der ungewohnten Rolle eines inspirierenden Lehrers in einer dramatischen Geschichte über Konformität und Rebellion an einem exklusiven Internat in Neuengland in den 1950er-Jahren. Der Film wurde für vier Oscars nominiert, darunter für den besten Film und die beste Regie. Er gewann den Oscar für das Beste Originaldrehbuch und verhalf den jungen Schauspielern Ethan Hawke und Robert Sean Leonard zum Durchbruch.
„Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohl überlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht lebend war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“ Diese Zeilen aus Henry David Thoreaus (1817–1862) Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ steht als Leitspruch für Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“, der wunderbar aufzeigt, wie schwierig es ist, sich mit einer eigenen Persönlichkeit von der Masse abzuheben und ein Leben ganz nach seiner eigenen Bestimmung zu führen. Dabei bietet das Drama alles auf, was zur intellektuellen wie seelischen Ertüchtigung notwendig ist. Das fängt mit dem restriktiven, rückwärtsgewandten Internat an, das alles versucht, um die jungen Männer nach konservativen Werten und Tugenden zu formen, und Abweichungen von der Norm hart bestraft. Es genügt ein aufmerksamer, engagierter Freigeist im Lehrkörper, um die starren Bahnen des Lehrstoffs aufzubrechen und das individuelle Potenzial seiner Schüler freizulegen und zu fördern. Das gelingt bei den selbstbewussten Neil und Knox nahezu augenblicklich, bei dem schüchternen Todd braucht es schon stete Ermunterung, bis auch er aus dem Schatten seines Bruders, der zu den besten Absolventen von Welton gehört, heraustreten und für sich selbst sprechen kann. Das Oscar-prämierte Drehbuch von Tom Schulman wartet mit einer Menge stimulierender Gedichte der großen Romantiker auf, lässt den „Club der toten Dichter“ zu einer eingeschworenen Gemeinschaft werden und darf als Plädoyer für eine Ausbildung jenseits konventioneller Lehranstalten verstanden werden, um die Persönlichkeit zu formen. Auch wenn hier etwas oberflächlich in Schweißweiß-Kategorien gedacht wird, fasziniert Weirs Drama als Hommage an die großen romantischen Dichter und die Kraft der Poesie. Das ist wunderbar fotografiert und adäquat mit dem fesselnden Score von Maurice Jarre („Fearless – Jenseits der Angst“, „Lawrence von Arabien“) untermalt.

Weirs „Green Card“ (1990) brachte ihm für sein Original-Drehbuch eine Oscar-Nominierung ein und präsentiert eine an sich klassische RomCom vor einem ungewöhnlichen Hintergrund und spielt mit seinem Humor ganz auf die kulturellen, aber auch persönlichen Unterschiede zwischen seinen beiden Protagonisten ab. Während Gérard Depardieu („Camille Claudel“, „Cyrano De Bergerac“) in seiner ersten Hollywood-Arbeit sich sichtlich wohl in der Rolle des temperamentvollen Franzosen fühlt, verleiht Andie MacDowell („… und täglich grüßt das Murmeltier“, „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) ihrer spröden Figur die nötige Portion sinnlichen Charme, um sie für Georges attraktiv zu machen und auch das Publikum für sich einzunehmen. Das gelingt Brontë nämlich weniger durch ihr soziales Engagement für benachteiligte Kinder in den Slums, für die sie mit Phil, seinen Freunden und den Kindern Gärten in Hinterhöfen anlegt, sondern eher durch ihre zurückhaltende Art, mit denen sie ihre Vorurteile gegen den forschen Franzosen mit Leidenschaft fürs Kochen allmählich ablegt – ebenso wie Georges mit der Zeit feststellen muss, dass er durch Brontë ein Gefühl für Heimat entwickelt. Zwar bedient sich Peter Weir („Die Truman Show“, „Master and Commander“) der üblichen Klischees bei der Völkerverständigung, doch findet er stets amüsante und wenig aufgesetzte Varianten, damit zu spielen und sie so wirklich komisch wirken zu lassen. Auch wenn die Story und Inszenierung ganz auf die beiden charismatischen Hauptdarsteller ausgelegt ist, überzeugen auch der übrige Cast in oft nur wenig ausdifferenzierten Nebenrollen, vor allem aber der reduziert arrangierte, sehr melodische Score von Hollywood-Star Hans Zimmer („Gladiator“, „Hannibal“).
„Fearless – Jenseits der Angst“ (1993) kehrte zu düstereren Themen zurück und zeigte Jeff Bridges in der Rolle eines Mannes, der nach einem schweren Flugzeugabsturz glaubt, unbesiegbar zu sein.
Nach einem Drehbuch von Rafael Yglesias („From Hell“, „Dark Water – Dunkle Wasser“), der auch für die Romanvorlage verantwortlich gewesen ist, inszenierte Peter Weir ein Drama rund um dramatische Nahtoderfahrungen. Dabei beleuchtet er nicht nur die Auswirkungen eines traumatischen Flugzeugabsturzes auf die betroffenen Passagiere, sondern auch ihr Umfeld, das sich auf Anwälte auf der Jagd nach Schadensersatzansprüchen ebenso erstreckt wie auf Therapeuten und vor allem Familienangehörige. Die Randfiguren wie der von John Turturro („Barton Fink“, „Quiz Show“) gespielte Therapeut und der von Tom Hulce („Amadeus“, „Eine Wahnsinnsfamilie“) verkörperte Rechtsanwalt reißen die Aspekte der psychologischen Betreuung und der juristischen Konsequenzen aus einem solchen Unglück aber nur an, zudem können weder Turturro noch Hulce ihren Rollen überzeugend Profil verleihen. Da auch Isabella Rossellini („Blue Velvet“, „Seitensprünge“) als Max‘ Frau unterfordert bleibt, liegt es allein an Jeff Bridges („The Big Lebowski“, „König der Fischer“) und Rosie Perez („Night on Earth“, „Real Love“), dem Drama emotionales Gewicht zu verleihen. Peter Weir bleibt in seiner Inszenierung dicht an den Figuren, hebt die Betroffenheit, Hilflosigkeit und Sorge der Angehörigen ebenso hervor wie die öffentliche Aufmerksamkeit und das Gefühl der Überlebenden, eine Grenze überschritten zu haben. Beim etwas überdramatisierten Finale mögen sich zwar die Geister scheiden, doch insgesamt ist Weir vor allem dank seiner hervorragenden Hauptdarsteller und der eigenen feinsinnigen Inszenierungskunst ein starkes Drama gelungen, das einmal mehr von Maurice Jarre angenehm unaufdringlich vertont worden ist.
Nach fünf Jahren kehrte Weir mit seinem bis dato größten Erfolg zurück: „Die Truman Show“ (1998), eine Fantasy-Satire über die Kontrolle des Lebens durch die Medien mit Jim Carrey in der Hauptrolle. „Die Truman Show“ war sowohl an den Kinokassen als auch bei den Kritikern ein Erfolg und erhielt positive Kritiken sowie zahlreiche Auszeichnungen, darunter drei Oscar-Nominierungen: für Andrew Niccol (Bestes Originaldrehbuch), Ed Harris (Bester Nebendarsteller) und Weir selbst (Beste Regie).
Der von Jim Carrey verkörperte Versicherungsangestellte Truman weiß nicht, dass er seit seiner Geburt vor dreißig Jahren der Star der höchst erfolgreichen Serie „The Truman Show“ ist, in der er – unwissentlich – der Star ist und die von Christof (Ed Harris) produziert wird. Seine Frau, die immer wieder ausgewählte Produkte in die Kamera hält und anpreist (und mit dem Product Placement die Finanzierung der Show sicherstellt) ist ebenso eingeweiht wie Trumans bester Kumpel Marlon (Noah Emmerich). Während Truman vergeblich versucht, die Stadtgrenzen zu überqueren, wird er immer öfter Zeuge von mysteriösen Zufällen wie Regengüsse, die nur ihn treffen, oder Fahrstühle, hinter denen sich Menschen verbergen. Christof versucht natürlich, mit allen Mitteln Trumans Nachforschungen zu unterbinden, damit die Show wie gewohnt weiterlaufen kann…
Mit seinem Drehbuch für „Die Truman Show“ geht Andrew Niccol („Gattaca“, „S1m0ne“) dem vor allem philosophisch interessanten Gedankengang nach, inwiefern wir wirklich sind, wer wir zu sein glauben, und wie real ist die Welt, in der wir leben. Was ist Konstrukt, was Wirklichkeit? „Die Truman Show“ ist allerdings alles andere als schwer verdauliche Gehirnkost. Zwar wird früh offenbart, dass Trumans Leben sich in aller Öffentlichkeit abspielt, wenn es 24 Stunden lang, siebe Tage die Woche von 5000 Kameras eingefangen und live in die Wohnstuben der Fernsehzuschauer übertragen wird, doch die Story ist ganz auf Truman abgestimmt und seine Wahrnehmung seiner Umgebung, seine Erinnerungen an den tragischen Tod seines Vaters, aber auch an die geheimnisvolle Schöne, die er auf den Fidschi-Inseln aufspüren will. Peter Weir verwebt Trumans Eindrücke aber immer wieder mit Szenen aus dem Kontrollraum des Studios, wo Christof und sein Team jederzeit gegensteuern können, wenn eine Sache aus dem Ruder zu laufen droht, Truman also mitbekommt, dass sein Leben nur das Konstrukt eines Fernsehproduzenten ist. Allzu tief steigt der Film aber nicht in die philosophische Betrachtung ein, sondern lässt Jim Carrey immer wieder die Möglichkeit, sein komisches Talent auszuspielen, ohne sich zum Affen zu machen. Interessant ist, wie echt seine Umgebung wirkt, so dass man als Zuschauer nicht umhinkommt, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn man selbst in einer konstruierten Welt aufwächst, und wie stark die eigene Identität überhaupt ausgeprägt sein kann, wenn die äußere Umgebung so manipulativ um einen herum errichtet worden ist. Peter Weir findet die richtige Balance zwischen Drama und Komödie, zwischen leichtem und nachdenklichem Ton, wobei Jim Carrey durch einen hervorragenden Cast ergänzt wird.
2003 kehrte Weir mit „Master and Commander – Bis ans Ende der Welt“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle zum Historiendrama zurück. Die Verfilmung verschiedener Episoden aus Patrick O’Brians erfolgreicher Abenteuerserie, die während der Napoleonischen Kriege spielt, wurde von der Kritik gut aufgenommen, erzielte beim breiten Publikum jedoch nur mäßigen Erfolg. Der Film wurde für den Oscar als Bester Film nominiert und gewann zwei Oscars – für die Kameraarbeit seines langjährigen Mitarbeiters Russell Boyd und für den Tonschnitt.
Weir präsentiert dagegen einen klassischen Abenteuerfilm vor dem historischen Hintergrund von Napoleons Bemühungen, die Welt zu erobern. Nur mit den nötigsten Informationen über die H.M.S. Surprise und ihre Mission in einer Texteinblendung versehen, startet der Film direkt auf dem Schiff und einer möglichen Sichtung eines feindlichen Schiffes im Nebel. Fortan fangen Weir und sein Hauskameramann Russell Boyd das hektische Treiben auf engstem Raum auf und unter Deck ein, wobei sich Aubrey als gewiefter Taktiker erweist, der geschickt Möglichkeiten entwickelt, es mit einem größeren, mannstärkeren und schnelleren Schiff aufzunehmen. Die Jagd nach der Acheron bildet den dramaturgischen Faden der Geschichte, aber Weir bleibt ausnahmslos bei der Crew der Surprise, womit das Publikum vertrauter mit den tragenden Figuren der Handlung wird. Besonders ergreifend ist das Schicksal des jungen Fähnrichs Blakeney (Max Pirkis), dem im Laudanum-Rausch ein Arm amputiert wird, der aber aufgeweckt genug ist, um Maturin bei seinen Forschungen zu assistieren. Einmal mehr befasst sich Weir mit einem Mann, der entscheiden muss, inwieweit er über das Schicksal seiner ihm anvertrauten Männer bestimmen kann - die eigentlich nur nach Hause wollen -, denn sein Ehrgeiz, die Mission zu erfüllen, treibt ihn dazu an, auch Versprechen seinem Freund gegenüber zu brechen. Das aufwändig inszenierte See-Abenteuer fesselt mit dramatischer Action und für das Genre ungewohnt starken Dialogen. Mit Russell Crowe („Gladiator“, „A Beautiful Mind“) und Paul Bettany („Creation“, „Legion“) stehen zudem zwei gut aufeinander abgestimmte Darsteller im Zentrum, die die Story mühelos tragen.
In den 2000er-Jahren entwickelte Weir mehrere weitere Projekte, die jedoch nie realisiert wurden, darunter eine Adaption von „The War Magician“ mit Tom Cruise, eine Adaption von Robert Kursons Roman „Shadow Divers“, frühe Entwicklungsphasen eines geplanten „Shantaram“-Films mit Johnny Depp in der Hauptrolle sowie eine Adaption von William Gibsons Science-Fiction-Roman „Pattern Recognition“.
Peter Weir hat 2010 mit „The Way Back“ die 1952 erschienenen Memoiren des polnischen Gulag-Insassen Slavomir Rawicz verfilmt und beschreibt mit seinem packenden Epos die abenteuerliche, wenn auch historisch nicht unumstrittene Flucht einer ungleichen Schicksalsgemeinschaft über 6.500 Kilometer von Sibirien nach Indien. Ähnlich wie schon mit seinen Filmen „Die Truman Show“, „Ein Jahr in der Hölle“ oder „Der Club der toten Dichter“ lässt Weir seine Protagonisten ihre vertraute Welt verlassen, damit sie unter größten Entbehrungen ihre Freiheit finden und sich dabei von gesellschaftlichen Fesseln befreien. „The Way Back“ fängt zunächst Stalins skrupelloses Bestreben ein, den Kommunismus in die Welt zu tragen, präsentiert die unmenschlichen Zustände im sibirischen Strafgefangenenlager und nimmt sich dann sehr viel Zeit, die zigtausend Meilen andauernde Wanderung der Schicksalsgemeinschaft aus verschiedenen Ländern Richtung Süden in die Freiheit zu schildern. Weirs versierter Stammkameramann Russell Boyd fängt dabei die klaustrophobische, von Gewalt geprägte Atmosphäre im Straflager ebenso gekonnt ein wie die unterschiedlichen Landstriche. Mit wundervollen Landschaftsaufnahmen sengend heißer Wüsten und schneebedeckter Berge wartet „The Way Back“ mit interessanten Kontrasten auf, die sich in den unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Truppe widerspiegeln. Weir verzichtet dabei auf übertriebenes Pathos, melodramatische Musik und große Gesten. Er bleibt dicht bei seinen Figuren, stellt ihre Ängste, aber vor allem ihren Überlebenswillen in den Mittelpunkt seines angenehm konventionell inszenierten Dramas, in dem gestandene Mimen wie Ed Harris, Mark Strong und Colin Farrell ebenso überzeugen wie die junge Saoirse Ronan und die Schar unbekannter osteuropäischer Darsteller.
2012 wurde berichtet, dass Weir im folgenden Jahr sein eigenes Drehbuch zu Jennifer Egans Gothic-Thriller „The Keep“ verfilmen und in Europa drehen würde. Weir beschrieb das Projekt als „im Grunde … einen Studiofilm“. Im Laufe der Jahre wurde er jedoch, ohne dass dies offiziell bekannt gegeben wurde, zunehmend als „im Ruhestand“ bezeichnet.
Nachdem ihm 2022 der Ehrenoscar für sein Lebenswerk zuerkannt wurde, bestätigte er in einem seiner seltenen Interviews seinen Ruhestand.
„Für Filmregisseure gibt es, wie für Vulkane, drei Hauptstadien: aktiv, ruhend und erloschen. Ich glaube, ich habe das letztere erreicht! Eine neue Generation ruft schon ‚Action‘ und ‚Cut‘ – viel Glück!“ Er berichtete, dass er seinen Ruhestand mit Besuchen antiker Ruinen und Schlachtfelder sowie mit Tauchgängen zu den Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg in der Truk-Lagune verbracht habe.
Im Jahr 2024 erhielt er auch auf den Filmfestspielen von Venedig einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk.

Filmografie:

1971: Three to Go
1971: Homesdale
1973: Whatever Happened to Green Valley? (Dokumentarfilm)
1974: Die Autos, die Paris auffraßen (The Cars That Ate Paris)
1975: Picknick am Valentinstag (Picnic at Hanging Rock)
1977: Die letzte Flut (The Last Wave)
1979: Wenn der Klempner kommt (The Plumber)
1981: Gallipoli
1982: Ein Jahr in der Hölle (The Year of Living Dangerously)
1985: Der einzige Zeuge (Witness)
1986: Mosquito Coast
1989: Der Club der toten Dichter (Dead Poets Society)
1990: Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen (Green Card)
1993: Fearless – Jenseits der Angst (Fearless)
1998: Die Truman Show (The Truman Show)
2003: Master and Commander – Bis ans Ende der Welt (Master and Commander: The Far Side of the World)
2010: The Way Back – Der lange Weg (The Way Back)
 

Playlist: 

01. Gheorge Zamfir - Doina Sus Pe Culmea Dealului (Picnic at Hanging Rock) - 04:08 
02. Jean Michel Jarre - Oxygene - Part II (Gallipoli) - 08:08 
03. Vangelis - L'Enfant (The Year Living Dangerously) - 05:02 
04. Maurice Jarre - Keating's Triumph (Dead Poets Society) - 05:59 
05. Bruce Smeaton - Ascent Theme (Picnic at Hanging Rock) - 04:22 
06. Edvard Grieg - Peer Gynt Suite No. 1, Op. 46: II. The Death of Ase (The Plumber) - 04:32 
07. Maurice Jarre - Kwan (The Year Living Dangerously) - 07:06 
08. Maurice Jarre - Futility Of An Inside Job / Delerious John (Witness) - 03:08 
09. Jean Michel Jarre - Oxygene - Part IV (Gallipoli) - 04:14 
10. Maurice Jarre - Allie's Theme (Mosquito Coast) - 08:11 
11. Kronos Quartet & Dumisani Maraire - Mai Nozipo (Fearless) - 06:58 
12. Gheorge Zamfir - Doina Lui Petru Unc (Picnic at Hanging Rock) - 04:03 
13. Brian Bennett - Darkside (The Plumber) - 02:54 
14. Tomaso Albinoni - Adagio Per Archi E Organo In Sol Minore (Gallipoli) - 05:50 
15. Wolfgang Amadeus Mozart - Clarinet Concerto In A Major: Adagio (Green Card) - 08:37 
16. Philip Glass - Anthen - Part 2 (The Truman Show) - 03:49 
17. Burkhard Dallwitz - Underground / Storm (The Truman Show) - 03:37 
18. Iva Davies, Christopher Gordon & Richard Tognetti - The Far Side of the World (Master and Commander: The Far Side of the World) - 09:19 
19. Hans Zimmer - Instinct (Green Card) - 03:33 
20. Burkhard Dallwitz - Tibet (The Way Back) - 05:26 
21. Ludwig van Beethoven - Piano Concerto No. 5 (Op. 73) - Adagio Un Poco Mosso (Picnic at Hanging Rock) - 08:53

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