Der ungarisch-amerikanischer Kameramann Vilmos Zsigmond
prägte mit seinen Arbeiten für namhafte Regisseure wie Robert Altman, Steven
Spielberg, Brian De Palma, Michael Cimino und Woody Allen maßgeblich
den Look des „New Hollywood“-Kinos und wurde von den Mitgliedern der International
Cinematographers Guild zu einem der zehn einflussreichsten Kameramänner der
Geschichte gewählt. Der am 1. Januar 2016 im Alter von 85 Jahren verstorbene Zsigmond
gewann den Oscar für die Beste Kamera für „Unheimliche Begegnung der dritten
Art“ und den BAFTA Award für die Beste Kamera für „Die durch die Hölle
gehen“. In der heutigen Sendung gibt es Highlights aus den Soundtracks zu
seinen Arbeiten zu hören, von Philip Glass über Bernard Herrmann, Stanley
Myers und Mark Isham bis zu Jerry Goldsmith, James Newton Howard,
Ennio Morricone und John Williams.
Vilmos Zsigmond wurde am 16. Juni 1930 im ungarischen
Szeged als Sohn einer Verwaltungsangestellten und eines Fußballspielers und
-trainers geboren. Sein Interesse an der Fotografie begann im Alter von 17
Jahren, nachdem ihm ein Onkel einen Bildband mit Schwarz-Weiß-Fotografien des
ungarischen Fotografen
Jenő Dulovits geschenkt hatte.
Da seine Familie in den Augen der sowjetisch eingesetzten
Regierung der Ungarischen Volksrepublik als bürgerlich galt, war es ihm jedoch
verboten, Fotografie zu studieren. Stattdessen arbeitete Zsigmond in
einer Fabrik, kaufte sich eine Kamera und brachte sich selbst das Fotografieren
bei. Später gründete er einen Fotoclub für die Arbeiter. Dadurch gewann er den
Respekt der örtlichen Kommissare und durfte an der Akademie für Drama und Film
in Budapest Film studieren. Zsigmond verbrachte vier Jahre an der
Filmhochschule, wo er viele 14-Stunden-Tage und Sechs-Tage-Wochen absolvierte.
Obwohl er das Leben unter der Tyrannei des kommunistischen Regimes
verabscheute, lernte er von dem Leiter des Fachbereichs, György Illés, und
anderen Dozenten wichtige Erkenntnisse. „Sie lehrten uns, dass ein Film nur
dann Kunst ist, wenn er eine wichtige Botschaft hat“, erinnert sich Zsigmond.
„Er sollte mehr als bloße Unterhaltung sein. Er sollte einen gesellschaftlichen
Wert haben.“
Nach seinem Studienabschluss arbeitete Zsigmond 1955 als
Kameraassistent und Kameramann im staatlichen Filmstudio in Budapest.
Zsigmond und sein Freund und Kommilitone László
Kovács liehen sich eine 35-mm-Kamera von ihrer Schule und dokumentierten
die Ereignisse der Ungarischen Revolution von 1956 in Budapest. Sie versteckten
die Kamera in einer Einkaufstasche und filmten durch ein Loch, das sie
hineingeschnitten hatten. Die beiden drehten 9000 Meter Film und flohen kurz
darauf nach Österreich. 1958 kamen Zsigmond und Kovács als
politische Flüchtlinge in die USA und verkauften das Filmmaterial an CBS für
eine Dokumentation über die Revolution, die von Walter Cronkite
kommentiert wurde.
1962 wurde Zsigmond US-amerikanischer Staatsbürger, ließ sich in
Los Angeles nieder und arbeitete in Fotolaboren als Techniker und Fotograf.
Sein erster Film in den USA war der 1963 erschienene
Schwarzweiß-Exploitationfilm „The Sadist“ mit Arch Hall Jr. in
der Hauptrolle. In den 1960er-Jahren arbeitete er an zahlreichen
Low-Budget-Independent- und Lehrfilmen, um in der Filmbranche Fuß zu fassen.
Kovács, der 1969 den Film
„Easy Rider“ für
Peter
Fonda und
Dennis Hopper drehte, empfahl
Zsigmond Fonda für
dessen Western
„Der weite Ritt“ von 1971, anschließend wurde
Zsigmond
von
Robert Altman für dessen Western-Revisionismus
„McCabe & Mrs.
Miller“ engagiert. Dieser Film markierte
Zsigmonds Durchbruch und
seine erste Arbeit an einer großen Hollywood-Produktion.
Im Laufe des folgenden Jahrzehnts avancierte
Zsigmond
zu einem der gefragtesten Kameramänner Hollywoods. Zu den wichtigsten Filmen,
die er in den 1970er-Jahren drehte, zählen
John Boormans „Beim
Sterben ist jeder der Erste“,
Altmans „Der Tod kennt keine Wiederkehr“
und
Brian De Palmas „Schwarzer Engel“ sowie
Steven Spielbergs
„Sugarland Express“ und
„Unheimliche Begegnung der dritten Art“.
Für letzteren Film erhielt er bei der 50. Oscarverleihung den Oscar für die
Beste Kamera.
1978 arbeitete Zsigmond an Michael Ciminos
Drama „Die durch die Hölle gehen“ mit Robert De Niro, Meryl Streep
und Christopher Walken in den Hauptrollen. Zsigmonds visuelle
Arbeit an dem Film brachte ihm 1980 den BAFTA Award für die Beste Kameraführung
und eine weitere Oscar-Nominierung ein. Zsigmond arbeitete erneut mit Cimino
an dessen Western-Epos „Heaven’s Gate“ (1980).
Zsigmond blieb in den folgenden Jahren ein gefragter
Kameramann und arbeitete mehrfach mit verschiedenen Regisseuren zusammen. Er
arbeitete erneut mit De Palma an dessen Filmen „Blow Out“, „Fegefeuer
der Eitelkeiten“ und „Black Dahlia“.
Zsigmond arbeitete an Filmen wie „Liberty“, „The
Rose“, „Menschen am Fluss“ und „Intersection“. Er drehte mit George
Miller „Die Hexen von Eastwick“ und mit Kevin Smith „Jersey
Girl“. Außerdem arbeitete er mit Woody Allen an „Melinda und
Melinda“, „Cassandras Traum“ und „Ich sehe den Mann deiner Träume“,
für Richard Donner stand er bei „Maverick“ and „Assassins“ hinter
der Kamera.
Auf die Frage, wie er seine Projekte auswählt, antwortet
Zsigmond
im Interview mit
The ASC: „Mein Grundsatz lautet: Wenn ein
Film dem Publikum nichts Wertvolles zu vermitteln hat, lohnt es sich meiner
Meinung nach nicht, ihn zu drehen. Man hat im Leben nur Zeit für eine begrenzte
Anzahl von Filmen. In vielleicht 75 Prozent der Fälle lässt sich schon beim
Lesen des Drehbuchs erkennen, ob sich ein Film lohnt – doch ich habe mich auch
schon getäuscht. Es gab Momente, in denen ich glaubte, ein Projekt würde ein
guter Film werden, was sich dann aber nicht bewahrheitete. Es müssen so viele
Faktoren zusammenspielen – die Schauspieler, der Regisseur, das Drehbuch.“
Zu
Zsigmonds Fernseharbeiten zählt die HBO-Miniserie
„Stalin“,
für die er 1993 den Emmy Award für herausragende Einzelleistung in der
Kameraführung für eine Miniserie oder ein Special gewann. Für seine Arbeit an
der Miniserie
„Die Nebel von Avalon“ aus dem Jahr 2001 wurde er für
einen Emmy nominiert. Zwischen 2012 und 2014 drehte
Zsigmond außerdem 24
Episoden von „
The Mindy Project“.
2011 gründete Zsigmond zusammen mit seinem
Kameramannkollegen Yuri Neyman das Global Cinematography Institute
in Los Angeles. Das Institut bot ein fortgeschrittenes Ausbildungsprogramm im
Bereich Kameraführung für Postgraduierte und erfahrene Filmemacher an.
„Ich ermutige Filmstudenten, die sich für Kameraarbeit
interessieren, sich auch mit Bildhauerei, Malerei, Musik, Schriftstellerei und
anderen Kunstformen zu beschäftigen“, sagt Zsigmond im Interview mit The ASC. „Filmemachen ist eine Verbindung
all dieser Künste. Studenten fragen mich oft um Rat, und ich sage ihnen, dass
sie mit Begeisterung bei der Sache sein müssen, denn es ist harte Arbeit. Man
kann daran nur dann Freude haben, wenn man voll und ganz darin aufgeht. Wer
sich nicht auf diese Weise darauf einlässt, für den kann der Beruf sehr
frustrierend sein. Ich bereue nur eine Sache in meiner Karriere: Dass wir keine
Stummfilme mehr drehen. Das ist die reinste Kunstform, die ich mir vorstellen
kann.“
1998 nahm er den Lifetime Achievement Award der American
Society of Cinematographers in Empfang. 2003 wurde er bei einer Umfrage der International
Cinematographers Guild unter ihren Mitgliedern in die Top 11 der wichtigsten
Kameramänner der Filmgeschichte gewählt.
Filmografie:
1957: Ungarn in Flammen
1963: Todesangst (The Sadist)
1964: 2071 – Mutan-Bestien gegen Roboter (The Time Travelers)
1964: What’s Up Front!
1964: The Nasty Rabbit
1965: Deadwood ´76
1965: Summer Children
1965: Psycho a Go-Go
1965: Rat Fink
1967: The Road to Nashville
1967: Mondo Mod
1967: Jennie: Wife/Child
1967: Blood of Ghastly Horror
1968: Prelude (Kurzfilm)
1968: Das Rasthaus der teuflischen Schwestern (The Name of the Game Is Kill!)
1969: Futz
1969: The Monitors
1969: Fünf blutige Gräber (Five Bloody Graves)
1969: Hot Rod Action
1969: The Picasso Summer
1970: Astro-Vampire – Todesmonster aus dem All (Horror of the Blood Monsters)
1971: The Ski Bum
1971: Der weite Ritt (The Hired Hand)
1971: McCabe & Mrs. Miller
1971: Red Sky at Morning
1972: Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance)
1972: Spiegelbilder (Images)
1973: Asphalt-Blüten (Scarecrow)
1973: Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Goodbye)
1973: Zapfenstreich (Cinderella Liberty)
1974: Das Mädchen von Petrovka (The Girl from Petrovka)
1974: Sugarland Express
1976: Catch Ferrari (Sweet Revenge)
1976: Schwarzer Engel (Obsession)
1977: Unheimliche Begegnung der dritten Art (Close Encounters of the Third Kind)
1978: Die durch die Hölle gehen (The Deer Hunter)
1979: Philadelphia Clan (Winter Kills)
1979: The Rose
1979: Flesh & Blood (Fernsehfilm)
1980: Heaven’s Gate
1981: Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren (Blow Out)
1982: Verhext (Jinxed!)
1983: Ein Tisch für fünf (Table for Five)
1984: Eine starke Nummer (No Small Affair)
1984: Menschen am Fluß (The River)
1985: Was für ein Genie (Real Genius)
1987: Die Hexen von Eastwick (The Witches of Eastwick)
1988: Reise zur Insel der Geister (Journey to Spirit Island)
1989: Die Schattenmacher (Fat Man and Little Boy)
1990: Die Spur führt zurück – The Two Jakes (The Two Jakes)
1990: Fegefeuer der Eitelkeiten (The Bonfire of the Vanities)
1992: Stalin
1993: Sliver
1994: Begegnungen – Intersection (Intersection)
1994: Maverick – Den Colt am Gürtel, ein As im Ärmel (Maverick)
1995: Crossing Guard – Es geschah auf offener Straße (Crossing Guard)
1995: Assassins – Die Killer (Assassins)
1996: Der Geist und die Dunkelheit (The Ghost and the Darkness)
1998: Leben und lieben in L.A. (Playing by Heart)
2000: Ljuset håller mig sällskap (Dokumentarfilm)
2001: Das Haus am Meer (Life as a House)
2001: The Body
2001: Die Nebel von Avalon (The Mists of Avalon)
2002: Bánk bán
2004: Melinda und Melinda (Melinda and Melinda)
2004: Jersey Girl
2005: Surrender, Dorothy (Fernsehfilm)
2006: The Black Dahlia
2007: Cassandras Traum (Cassandra’s Dream)
2010: Ich sehe den Mann deiner Träume (You Will Meet a Tall Dark Stranger)
2010: Louis
2011: The Maiden Danced to Death (A halálba táncoltatott leány)
2013: Compulsion
2012-2014: The Mindy Project (TV-Serie, 3 Folgen)
2014: God the Father
2014: Six Dance Lessons in Six Weeks
Playlist:
01.
Stanley Myers - Cavatina [Reprise] (
The Deer Hunter) - 03:55
02. Michel Legrand - Head For Home (The Picasso Summer) - 04:23
03. John Williams - The Long Goodbye (The Long Goodbye) - 04:30
04. John Williams - The Final Ride (The Sugarland Express) - 03:36
05. David Mansfield - Overture (Heaven's Gate) - 03:58
06. Bernard Herrmann - Sandra at Monument (Obsession) - 03:01
07. Pino Donaggio - Theme From Blow Out (Blow Out) - 03:47
08. John Williams - Love Theme (The River) - 04:55
09. Jerry Goldsmith - The Bridge (The Ghost and the Darkness) - 04:09
10. Ennio Morricone - We Must Not Forget (Fat Man and Little Boy) - 06:11
11. Van Dyke Parks - The Plot Thickens (The Two Jakes) - 04:46
12. Lee Holdridge - The Mystic's Dream (The Mists of Avalon) - 07:42
13. Howard Shore - The End (Sliver) - 05:32
14. James Newton Howard - End Titles (Intersection) - 04:10
15. John Williams - Resolution and End Title (Close Encounters of the Third Kind) - 06:54
16. Randy Newman - Opening (Maverick) - 05:37
17. John Barry - Playing by Heart [Vows Renewed] (Playing by Heart) - 06:37
18. Mark Isham - Madeline/Nothing Stays Buried Forever (The Black Dahlia) - 03:12
19. Mark Isham - I Built Myself A Life (Life As A House) - 05:48
20. Philip Glass - The Pursuit & Murder in the Park (Cassandra's Dream) - 06:46
21. John Williams - The Dance of the Witches/End Credits (The Witches of Eastwick) - 04:47
22. Lee Holdridge - Finale (The Mists of Avalon) - 05:19
23. Jerry Goldsmith - Welcome to Tsavo #2 - Revised (The Ghost and the Darkness) - 09:54