Samstag, 22. April 2017

Playlist #213 vom 30.04.2017 - R.I.P. MICHAEL BALLHAUS

Er drehte 15 Filme mit dem deutschen Ausnahmeregisseur Rainer Werner Fassbinder und arbeitete in Hollywood mit Filmgrößen wie Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Robert Redford und Wolfgang Petersen zusammen. Nun starb der große deutsche, auch international renommierte Kameramann Michael Ballhaus, der neben unzähligen Auszeichnungen auch drei Oscar-Nominierungen (für „Nachrichtenfieber“, „Die fabelhaften Baker Boys“ und „Gangs Of New York“) erhielt, am 12. April nach kurzer Krankheit in seiner Heimatstadt Berlin.

Ballhaus wurde am 5. August 1935 als Sohn der beiden Theaterschauspieler Oskar Ballhaus und Lena Hutter in Berlin geboren und nahm schon als Jugendlicher in einer großfamiliären Künstlerkommune an vielen Gesprächen über die Kunst teil, machte seine ersten Fotoaufnahmen von Bühnenbildern und Szenen der Theateraufführungen für die Presse. 1955 durfte Ballhaus bei den Dreharbeiten zu „Lola Montez“ dabei sein, den mit Max Ophüls ein Freund der Familie inszenierte und in dem 20-jährigen Ballhaus den Wunsch weckte, Kameramann zu werden.
„Der französische Kameramann Christian Matras richtete gerade das Licht ein und verständigte sich mit seinem bayerischen Oberbeleuchter per Handzeichen. Man konnte die Internationalität, das Flair, das Gemeinschaftsgefühl des Kinos spüren und sehen. Max Ophüls stellte seinem Kameramann sehr schwierige Aufgaben, etwa, dass bei einer langen Fahrt ein Teppich hinter der Kamera hergezogen wird, damit man die Schienen nicht sieht. Das hat mich fasziniert. Diese Mischung aus verzwickten technischen Aufgaben und künstlerischem Empfinden. Ophüls war der Chef auf dem Set. Doch ohne den Kameramann ging nichts. Auch das hat mir gefallen. ‚Lola Montez‘ war dann kein Kassenerfolg. Aber ein großartiger Film mit einer wahnsinnigen, extravaganten Farbdramaturgie“, verriet Ballhaus 2014 im Interview mit Die Zeit
Er absolvierte eine zweijährige Fotografenausbildung in Würzburg und begann 1959 in Baden-Baden beim Südwestfunk eine Kameraassistenz. In den sechs Jahren, in denen Ballhaus schließlich zum Chef-Kameramann beim SWF aufstieg, lernte er den Regisseur Peter Lilienthal kennen und fotografierte für ihn die Filme „Die Nachbarskinder“ (1960), „Abschied“ (1965), „Der Aufstand“ (1979/80), „Dear Mr. Wonderful“ (1982) und „Das Autogramm“ (1983). Seinen ersten Kinofilm drehte er 1968 mit der Dieter-Hallervorden-Komödie „Mehrmals täglich“.
Ballhaus lehrte zwischen 1967 und 1970 erstmals an der Film- und Fernsehakademie Berlin und lernte 1970 durch seinen zweiten Kinofilm „Deine Zärtlichkeiten“ Ulli Lommel kennen, der ihn wiederum mit Fassbinder zusammenbrachte. Seit ihrer ersten Zusammenarbeit an dem Südstaatendrama „Whity“ (1970) haben Ballhaus und Fassbinder bis 1979 Filme wie „Welt am Draht“, „Martha“, „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ und „Die Ehe der Maria Braun“ verwirklicht. Bereits für „Martha“ (1973) hatte Ballhaus versucht, mit einer 360-Grad-Fahrt der Kamera um die Akteure eine andere visuelle Form der Darstellung auszuprobieren, was als „Ballhaus-Kreisel“ Einzug in die Fachsprache finden sollte und vor allem in der berühmten Szene in „Die fabelhaften Baker Boys“ zum Ausdruck kam, als er die singende und auf einem schwarzen Flügel liegende Michelle Pfeiffer im roten Glitzerkleid umkreiste.
Aus der fruchtbaren Arbeitsbeziehung mit Fassbinder resultierten nicht nur Filme mit weiteren namhaften deutschen Filmemachern wie Volker Schlöndorff („Tod eines Handlungsreisenden“), Hans W. Geißendörfer („Der Zauberberg“, „Ediths Tagebuch“) und Margarethe von Trotta („Heller Wahn“), sondern auch der Sprung nach Hollywood, wo er ab 1985 und dem Film „Die Zeit nach Mitternacht“ der Director of photography von Martin Scorsese wurde.
Scorsese mit Ballhaus und den Darstellern Matt Damon und Leonardo di Caprio
am Set von "The Departed"

„Seine Bildideen und sein Rhythmus haben mich immer fasziniert. Und andererseits ist es ja nur ein Plan. Die Herausforderung ist, diesen Plan in Bilder umzusetzen. Mit der richtigen Brennweite, dem richtigen Licht, der richtigen Position der Schauspieler. Ich muss die Vision realisieren. Und dieses Gefühl, auf einer Wellenlänge zu sein, Scorseses Fantasie so umsetzen zu können, wie er es sich erträumt hat, das war immer wieder erhebend.“ (ebd.) 
Zu den großen Hollywood-Filmen, für die Ballhaus die Kameraarbeit machte, zählten neben den Scorsese-Filmen „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985), „Die Farbe des Geldes“ (1986), „Die letzte Versuchung Christi“ (1988), „GoodFellas“ (1990), „Zeit der Unschuld“ (1993), „Gangs Of New York“ (2002) und „Departed – Unter Feinden“ (2006) auch Paul Newmans „Die Glasmenagerie“ (1987) und die erste Oscar-Nominierung für seine Arbeit an James L. Brooks‘ „Nachrichtenfieber“ (1987). Ballhaus arbeitete auch mit Mike Nichols, Peter Yates, Robert Redford, Irwin Winkler, Barry Levinson und Francis Ford Coppola zusammen, erhielt 1990 seine zweite Oscar-Nominierung für „Die fabelhaften Baker Boys“ und 2003 seine dritte für „Gangs Of New York“.
2007 bekam er als erster Deutscher von der American Society of Cinematographers den renommierten Preis für sein Lebenswerk. Ballhaus galt als Mann mit der entfesselten Kamera, der auch unter Druck immer in der Lage war, außergewöhnliche Stimmungen und Dynamik zu erzeugen, mit den Regisseuren glaubwürdige Geschichten zu erzählen, die ebenso das Gefühl wie den Verstand ansprachen. Den letzten seiner 38 Hollywood-Filme drehte Ballhaus 2005 wiederum unter der Regie von Martin Scorsese. „Departed – Unter Feinden“ stellte ein 100-Millionen-Dollar-Remake des Hongkong-Thrillers „Internal Affairs“ und die siebte Zusammenarbeit zwischen Scorsese und Ballhaus dar. Danach kehrte Ballhaus nach Berlin zurück, wo er publik machte, dass er seit einigen Jahren an Grauem Star leide, und nur noch gelegentlich als Produzent und Regisseur tätig war.
Von 2010 bis zu seinem Tod war er Abteilungsleiter für Kamera an der Hochschule für Fernsehen und Film München und hatte 2010 eine Gastprofessur an der Leuphana Universität Lüneburg inne.
2013 fügte er seinem rund 80 Kinofilme umfassenden Lebenswerk noch den Film „3096 Tage“ hinzu, wobei er für seine zweite Frau, die Regisseurin Sherry Hormann, hinter der Kamera stand und das Drama der über acht Jahre im Kellerverlies gefangenen Natascha Kampusch zu beleuchten. 2014 veröffentlichte Ballhaus mit „Bilder im Kopf“ seine Autobiografie und verstarb am 12. April dieses Jahres nach kurzer Krankheit in Berlin.

Filmographie:
1960: Die Kassette – Regie: Rudolf Noelte, Fernsehspiel
1960: Die Nachbarskinder – Regie: Peter Lilienthal, Fernsehspiel
1965: Der große Wildenberg – Regie: Herbert Vesely
1965: Abschied – Regie: Peter Lilienthal
1966: Große Liebe – Regie: Johannes Schaaf
1967: Ganze Tage in den Bäumen – Regie: Tom Toelle
1969: Mehrmals täglich (auch: Darf ich Sie zur Mutter machen?) – Regie: Ralf Gregan
1969: Deine Zärtlichkeiten – Regie: Herbert Vesely und Peter Schamoni
1970: Wir – zwei – Regie: Ulrich Schamoni
1970: Whity – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1970: Warnung vor einer heiligen Nutte – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1970: Fassbinder produziert Film No. 8 (Doku) – Regie: M. Ballhaus, Dietmar Buchmann
1972: Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1973: Tschetan, der Indianerjunge – Regie: Hark Bohm
 1973: Tatort: Tote brauchen keine Wohnung – Regie: Wolfgang Staudte (TV-Serie)
1973: Welt am Draht – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1974: Martha – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1974: Made in Germany und USA – Regie: Rudolf Thome
1974: Faustrecht der Freiheit – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1975: Das Amulett des Todes – Regie: Ralf Gregan
1975: Mutter Küsters Fahrt zum Himmel – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1975: Ich will doch nur, daß ihr mich liebt – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1975: Sommergäste – Regie: Peter Stein, Verfilmung von Maxim Gorkis Theaterstück
1976: Satansbraten – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1976: Chinesisches Roulette – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1977: Bolwieser – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1977: Frauen in New York – Regie: Rainer Werner Fassbinder (TV-Theaterverfilmung)
1978: Despair – Eine Reise ins Licht – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1978: Spiel der Verlierer (nur Filmrolle)
1979: Die Ehe der Maria Braun – Regie: Rainer Werner Fassbinder
1979: Alpensaga – Der deutsche Frühling. – Regie: Dieter Berner
1979: Die erste Polka – Regie: Klaus Emmerich
1979/1980: Der Aufstand – Regie: Peter Lilienthal
1980: Looping – Regie: Walter Bockmayer, Rolf Bührmann
1980: Groß und klein, nach der Inszenierung des Theaterstücks von Peter Stein 1982: Dear Mr. Wonderful – Regie: Peter Lilienthal
1982: Der Zauberberg – Regie: Hans W. Geißendörfer
1982: Baby it’s you – Regie: John Sayles
1983: Heller Wahn – Regie: Margarethe von Trotta
1983: Das Autogramm – Regie: Peter Lilienthal
1984: Jung und rücksichtslos (Reckless) – Regie: James Foley
1984: Die Herzensbrecher (Heartbreakers)
1984: Ediths Tagebuch – Regie: Hans W. Geißendörfer
1985: Die Zeit nach Mitternacht – Regie: Martin Scorsese
1985: Tod eines Handlungsreisenden – Regie: Volker Schlöndorff
1986: Under the Cherry Moon – Unter dem Kirschmond – Regie: Prince
1986: Die Farbe des Geldes – Regie: Martin Scorsese
1987: Die Glasmenagerie – Regie: Paul Newman
1987: Nachrichtenfieber – Broadcast News – Regie: James L. Brooks
1988: Baja Oklahoma – Regie: Bobby Roth
1988: Das Haus in der Carroll Street – Regie: Peter Yates
1988: Die letzte Versuchung Christi – Regie: Martin Scorsese
1988: Die Waffen der Frauen (Working Girl) – Regie: Mike Nichols
1988: Zwei hinreißend verdorbene Schurken (Dirty Rotten Scoundrels) – Regie: Frank Oz
1989: Die fabelhaften Baker Boys – Regie: Steven Kloves
1990: Grüße aus Hollywood – Regie: Mike Nichols
1990: Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – Regie: Martin Scorsese
1991: Schuldig bei Verdacht (Guilty by Suspicion) – Regie: Irwin Winkler
1991: Was ist mit Bob? (What About Bob?) – Regie: Frank Oz
1992: Bram Stoker’s Dracula – Regie: Francis Ford Coppola
1992: Mambo Kings (The Mambo Kings) – Regie: Arne Glimcher
1993: Zeit der Unschuld – Regie: Martin Scorsese
1994: Quiz Show – Regie: Robert Redford
1995: Outbreak – Regie: Wolfgang Petersen
1996: Sleepers – Regie: Barry Levinson
1997: Air Force One – Regie: Wolfgang Petersen
1998: Mit aller Macht – Regie: Mike Nichols
1999: Wild Wild West – Regie: Barry Sonnenfeld
2000: Die Legende von Bagger Vance – Regie: Robert Redford
2000: Good Vibrations – Sex vom anderen Stern – Regie: Mike Nichols
2000: Gone Underground – Regie: Su Turhan
2002: Gangs of New York – Regie: Martin Scorsese
2003: Was das Herz begehrt – Regie: Nancy Meyers
2003: Uptown Girls – Eine Zicke kommt selten allein – Regie: Boaz Yakin
2005: Sonntagsluft (Gespenster) – Regie: Frank Alva Buecheler
2006: Departed – Unter Feinden – Regie: Martin Scorsese
2009: In Berlin – mit Ciro Cappellari
2013: 3096 Tage – Regie: Sherry Hormann
Playlist:
01. Howard Shore - Midnight (After Hours) - 03:18
02. Henry Mancini - My Sister Laura (The Glass Menagerie) - 03:30
03. Bill Conti - Young Jane/Main Title (Broadcast News) - 02:43
04. Georges Delerue - Comforting Emily (The House on Carroll Street) - 05:05
05. Peter Gabriel - Of These, Hope (The Last Temptation Of Christ) - 03:55
06. Jerry Goldsmith - The Parachutes (Air Force One) - 05:14
07. James Newton Howard - Robbie's Cured/End Credits (Outbreak) - 07:12
08. Elmer Bernstein - Loveless' Plan (Wild Wild West) - 04:45
09. Elmer Bernstein - End Credits (The Age Of Innocence) - 04:47
10. Carly Simon - In Love (Working Girl) - 03:55
11. Dave Grusin - Main Title [Jack's Theme] (The Fabulous Baker Boys) - 06:40
12. Rachel Portman - Junuh Sees The Field (The Legend Of Bagger Vance) - 05:11
13. Hans Zimmer - Humanity (As Good As It Gets) - 06:23 *
14. Hans Zimmer - Cathy (I'll Do Anything) - 08:07
15. John Williams - Saying The Rosary (Sleepers) - 06:53
16. James Newton Howard - NY to LA - The Bus Depot (Guilty By Suspicion) - 02:42
17. Mark Isham - The World's Smartest Man (Quiz Show) - 05:22
18. Derek And The Dominos - Layla [Piano Exit] (GoodFellas) - 03:52
19. Afro Celt Sound System - Dark Moon, High Tide (Gangs Of New York) - 04:08
20. Wojciech Kilar - The Storm (Dracula) - 05:04
21. Jocelyn Pook - Dionysus (Gangs Of New York) - 04:52
22. Howard Shore - Billy's Theme (Departed) - 07:01
* dieser Titel ist irrtümlich auf der Playlist gelandet, Michael Ballhaus hat nicht bei "Besser geht's nicht" die Kamera geführt, sondern bei einem anderen Jack-Nicholson-Film mit Musik von Hans Zimmer, nämlich bei "Was das Herz begehrt"

Samstag, 1. April 2017

Playlist #211/212 vom 02./16.04.2017 - GEORGES DELERUE Special

Mit einem Oscar für seine Musik zu „A Little Romance“ (1979) und vier weiteren Nominierungen, drei Golden-Globe-Nominierungen und vielen weiteren Auszeichnungen hat der 1992 verstorbene französische Komponist Georges Delerue zweifellos seine Spuren in der Filmmusikwelt hinterlassen und ist für einige der schönsten Filmmelodien verantwortlich. Vor allem seine langjährige Zusammenarbeit mit Regisseuren wie François Truffaut, Jean-Luc Godard, Bernardo Bertolucci, Bruce Beresford, Mike Nichols und Philippe De Broca brachte einige der schönsten Soundtracks hervor, die in dem zweiteiligen Delerue-Special vorgestellt werden.

Der am 12. März 1925 in Roubaix geborene Georges Delerue lernte zur gleichen Zeit Musik wie das Alphabet, interessierte sich aber nicht für den Musikunterricht in der Schule. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, arbeitete Delerue in einer Metallfabrik und genoss es, nach Feierabend Klarinette in örtlichen Bands zu spielen, bis er von seinen Eltern die zögerliche Erlaubnis erhielt, nur vormittags in der Fabrik zu arbeiten, damit er nachmittags das Musikkonservatorium besuchen konnte. Dort gab er allerdings dem Piano den Vorzug vor der Klarinette und studierte eifrig die Werke von Bach, Chopin, Beethoven, Mozart, Grieg und vielen anderen.
1945, im Alter von zwanzig Jahren, beendete Delerue sein Studium und erhielt verschiedene Auszeichnungen am Roubaix Konservatorium, jeweils erste Preise für Klavier, Kammermusik und Harmonie, einen zweiten Preis für Klarinette, bevor er am nationalen Konservatorium in Paris bei Simone Plé-Caussade und Henri Büsser studierte. Zwar erhielt Delerue ein Stipendium über tausend Francs, musste aber trotzdem für seinen Lebensunterhalt aufkommen. Er spielte regelmäßig bei Hochzeiten, Beerdigungen und Tanzveranstaltungen, begann sich aber auch für Jazz zu interessieren und in Piano Bars rund um die Opéra Garnier in Paris Klavier zu spielen.
1948 besetzte der zuvor im amerikanischen Exil lebende Darius Milhaud den Posten von Henri Büsser und führte seine Studenten in einen neuen musikalischen Eklektizismus. Delerue erkannte seine Lücken in der Kultur und wandte sich vermehrt der Literatur, dem Theater und dem Kino zu. Nachdem Delerue 1949 den Prix de Rome erhielt und 1952 zum Komponisten und Chef des französischen Rundfunkorchesters ernannt wurde, widmete er sich zunehmend der Komposition von Filmmusik für verschiedene Vertreter der Nouvelle Vague. So entstanden in den 1960er Jahren für François Truffaut die Soundtracks zu „Schießen Sie auf den Pianisten“ (1960), „Jules und Jim“ (1962) und „Die süße Haut“ (1964), unter Jean-Luc Godard die Musik zu „Die Verachtung“ (1963), aber auch Philippe de Broca, Alain Resnais, Claude Sautet und Louis Malle engagierten den talentierten Komponisten.
Wegweisend für die weitere Karriere von Georges Delerue war natürlich die Bekanntschaft mit François Truffaut, der als Autor, Regisseur, Schauspieler und Kritiker zu den Wegbereitern der Nouvelle Vague wurde. Er schrieb nicht nur das Drehbuch zu Godards Meisterwerk „Atemlos“ (1959), sondern feierte im selben Jahr auch sein Regiedebüt mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Als Delerue zu einer Vorführung von Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ eingeladen wurde, war er verständlicherweise aufgeregt. Nach Ansicht des Films realisierte der Komponist, dass der Score technisch schwierig umzusetzen war. Es gab viele Szenen mit Musikern, die in einem Café spielten, ohne dass die Musik auf etwas hindeuten würde. Außerdem war nicht klar, welche Richtung die Musik in dramaturgischer Hinsicht in dem Film einschlagen sollte. Das erste Treffen zwischen Delerue und Truffaut setzte den Grundstein für ihre weitere Zusammenarbeit. Der Regisseur war völlig offen für Delerues musikalischen Idee und ermutigte ihn, originell zu sein.
Delerue und Truffaut entwickelten eine enge Freundschaft, die in vielen klassischen Meisterwerken des Films und der Filmmusik resultierte. Immerhin arbeiteten sie über die Jahre an insgesamt elf Filmen zusammen.
Indem die Nouvelle Vague auch international für Furore sorgte, wurde auch Hollywood auf Delerue aufmerksam. Fred Zinnemann heuerte den Franzosen für seinen Film „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ (1966) an, John Huston für „Eine Reise mit der Liebe und dem Tod“ (1969). Für seine Musik zu Charles Jarrotts Historiendrama „Königin für tausend Tage“ erhielt Delerue seine erste Oscar-Nominierung. In den 70er Jahren wirkte Delerue weiterhin an Filmen seines Freundes Truffaut („Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“, „Ein schönes Mädchen wie ich“, „Die amerikanische Nacht“, „Liebe auf der Flucht“ und „Die letzte Metro“) und erhielt für seine Musik zu Mike Nichols‘ Drama „Der Tag des Delphins“ (1973) seine zweite Oscar-Nominierung, die dritte für Fred Zinnemanns „Julia“ (1977), bevor er 1979 die begehrte Trophäe endlich für „A Little Romance“ in Empfang nehmen durfte und beschloss, seinen Wohnsitz nach Los Angeles zu verlegen.
In den 1980er Jahren entstanden nicht nur weitere Scores zu den Filmen von Truffaut, der 1984 verstarb (u.a. „Die Frau nebenan“, „Auf Liebe und Tod“), sondern auch zu den Hollywood-Produktionen von Mike Nichols‘ „Silkwood“ (1983) und „Biloxi Blues“ (1988), Norman Jewisons „Agnes – Engel im Feuer“ (1985), Oliver Stones „Salvador“ und „Platoon“ (beide 1986), Bruce Berefords „Verbrecherische Herzen“ (1986) und „Ninas Alibi“ (1989) und Herbert Ross‘ „Magnolien aus Stahl“ (1989).
Delerues Musik zu Oliver Stones Kriegsdrama „Platoon“ erging es wie Alex North‘ Musik zu Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“. Zwar blieb etwas von Delerues Kompositionen in dem Film erhalten, doch Stone zog es letztlich vor, wiederholt auf Samuel Barbers „Adagio For Strings“ zurückzugreifen, das zunächst nur als Temp Score verwendet werden sollte. Dieses Schicksal war zuvor bereits Delerues bemerkenswerten Score zur Walt-Disney-Produktion der Adaption von Ray Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ (1983) beschieden, als in der Post-Produktion die kreativsten Beteiligten gefeuert und ersetzt wurden. 1992 erschienen mit der Musik zu Bob Rafelsons „Man Trouble“ und zu Bruce Beresfords „Auf der Suche nach dem Glück“ die letzten von Delerue produzierten Soundtracks, bevor er am 20. März 1992 in Los Angeles im Alter von 67 Jahren starb.

Filmographie:
1959: Hiroshima, mon amour (Hiroshima mon amour) – Regie: Alain Resnais
1960: Der Panther wird gehetzt (Classe tous risques) – Regie: Claude Sautet
1960: Schießen Sie auf den Pianisten (Tirez sur le pianiste) – Regie: François Truffaut
1961: Affäre Nina B. (L’affaire Nina B.) - Regie: Robert Siodmak
1962: Jules und Jim (Jules et Jim) – Regie: François Truffaut
1962: Liebe mit zwanzig (L’Amour à vingt ans) – Regie: verschiedene
1962: Cartouche, der Bandit (Cartouche) – Regie: Philippe de Broca
1963: Die Verachtung (Le Mépris) – Regie: Jean-Luc Godard
1964: 100.000 Dollar in der Sonne (Cent mille dollars au soleil) – Regie: Henri Verneuil
1964: Abenteuer in Rio (L’Homme de Rio) – Regie: Philippe de Broca
1964: Ich war eine männliche Sexbombe (Un monsieur de compagnie) – Regie: Philippe de Broca 1964: Die süße Haut (La Peau douce) – Regie: François Truffaut
1964: Radieschen von unten (Des pissenlits par la racine) – Regie: Georges Lautner
1965: Viva Maria! – Regie: Louis Malle
1965: Die tollen Abenteuer des Monsieur L. (Les Tribulations d'un chinois en Chine)
1966: Herzkönig (Le Roi de coeur) – Regie: Philippe de Broca
1966: Ein Mann zu jeder Jahreszeit (A Man for All Seasons) – Regie: Fred Zinnemann
1968: Schußfahrt nach San Remo (Les Cracks) – Regie: Alex Joffé
1969: Königin für tausend Tage (Anne of the Thousand Days) – Regie: Charles Jarrott
1969: Das Superhirn (Le Cerveau) – Regie: Gérard Oury
1969: Onkel Paul, die große Pflaume (Hibernatus) – Regie: Édouard Molinaro
1969: Eine Reise mit der Liebe und dem Tod (A Walk with Love and Death) – Regie: John Huston
1970: Der große Irrtum (Il conformista) – Regie: Bernardo Bertolucci
1970: Mauregard – Regie: Claude de Givray
1971: Malpertuis – Regie: Harry Kümel
1971: Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent (Les Deux Anglaises et le continent) – Regie: François Truffaut
1972: Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi) – Regie: François Truffaut
1973: Der Schakal (The Day of the Jackal) – Regie: Fred Zinnemann
1973: Der Tag des Delphins (The Day of the Dolphin) – Regie: Mike Nichols
1973: Die amerikanische Nacht (La Nuit américaine) – Regie: François Truffaut
1975: Die gelbe Karawane (La Cloche tibétaine) – Regie: Michel Wyn, Serge Friedman
1975: Nachtblende (L’Important c’est d’aimer) – Regie: Andrzej Żuławski
1976: Der große Angeber (Le grand escogriffe) - Regie: Claude Pinoteau
1976: Police Python 357 – Regie: Alain Corneau
1977: Frau zu verschenken (Preparez vos mouchoirs) – Regie: Bertrand Blier
1977: Julia – Regie: Fred Zinnemann
1979: Liebe auf der Flucht (L’Amour en fuite) – Regie: François Truffaut
1980: Die letzte Metro (Le Dernier Métro) – Regie: François Truffaut
1980: Richards Erbe (Richard’s Things) – Regie: Anthony Harvey
1981: Das Verhör (Garde à vue) – Regie: Claude Miller
1981: Fesseln der Macht (True Confessions) – Regie: Ulu Grosbard
1981: Die Frau nebenan (La Femme d'à côté) – Regie: François Truffaut
1982: Ein mörderischer Sommer (L’Été meurtrier) – Regie: Jean Becker
1982: Die Spaziergängerin von Sans-Souci (La Passante du Sans-Souci) – Regie: Jacques Rouffio
1983: Auf Liebe und Tod (Vivement dimanche!) – Regie: François Truffaut
1983: Der Buschpilot (L’Africain) – Regie: Philippe de Broca
1983: Gefährliches Dreieck (Exposed) – Regie: James Toback
1983: Silkwood – Regie: Mike Nichols
1984: Die Glorreichen (Les Morfalous) – Regie: Henri Verneuil
1984: Le bon Plaisir – Eine politische Liebesaffäre (Le Bon plaisir) – Regie: Francis Girod
1985: Agnes – Engel im Feuer (Agnes of God) – Regie: Norman Jewison
1985: Im Schatten des Triumphbogens (Arch of Triumph) - Regie: Waris Hussein
1986: Salvador – Regie: Oliver Stone
1986: Platoon – Regie: Oliver Stone
1986: In guten und in schlechten Zeiten (Mesmerized) – Regie: Michael Laughlin
1986: Gesetz des Terrors (Sword of Gideon) – Regie: Michael Anderson
1986: Ehrbare Ganoven (Conseil de famille) – Regie: Costa-Gavras
1986: Verbrecherische Herzen (Crimes of the heart) – Regie: Bruce Beresford
1987: Todesgrüße aus Havanna (Her Secret Life) – Regie: Buzz Kulik
1987: Sobibor (Escape from Sobibor) – Regie: Jack Gold
1988: Chouans! – Revolution und Leidenschaft (Chouans!) – Regie: Philippe de Broca
1988: Der Priestermord (To Kill a Priest) – Regie: Agnieszka Holland
1988: Das Haus in der Carroll Street (The House on Carroll Street) – Regie: Peter Yates
1988: Ein schicksalhafter Sommer (A Summer Story) – Regie: Piers Haggard
1988: Twins – Zwillinge (Twins) – Regie: Ivan Reitman
1988: Biloxi Blues – Regie: Mike Nichols
1988: Memories Of Me – Regie: Henry Winkler
1989: Georg Elser – Einer aus Deutschland – Regie: Klaus Maria Brandauer
1989: Die Französische Revolution (La Révolution française) – Regie: Robert Enrico, Richard T. Heffron
1989: Magnolien aus Stahl (Steel Magnolias) – Regie: Herbert Ross
1989: Ninas Alibi (Her Alibi) – Regie: Bruce Beresford
1990: Ein fremder Klang (Cadence) – Regie: Martin Sheen
1990: Joe gegen den Vulkan (Joe Versus the Volcano) – Regie: John Patrick Shanley
1991: Amerikanische Freundinnen (American Friends) - Regie: Tristram Powell
1991: Curly Sue – Ein Lockenkopf sorgt für Wirbel (Curly Sue) – Regie: John Hughes
1991: Black Robe – Am Fluß der Irokesen (Black Robe) – Regie: Bruce Beresford
1991: Die schöne Lili (La Reine blanche) – Regie: Jean-Loup Hubert
1992: Diên Biên Phú – Symphonie des Untergangs (Diên biên phu – De la bataille au film) – Regie: Pierre Schœndœrffer
1992: Man Trouble – Auf den Hund gekommen (Man Trouble) – Regie: Bob Rafelson
1992: Auf der Suche nach dem Glück (Rich In Love) – Regie: Bruce Beresford
Playlist #211 vom 02.04.2017
01. Georges Delerue - Main Title (A Little Romance) - 03:10
02. Georges Delerue - Homage à François Truffaut (Great Composers: Georges Delerue) - 12:09
03. Georges Delerue - Générique/Jardin de Plantes (Le Farceur) - 03:37
04. Georges Delerue - Gabriel et Marie (Les Caprices de Marie) - 04:05
05. Georges Delerue - Suite (L'Amant de Cinq Jours) - 06:27
06. Georges Delerue - Solitude (Chère Louise) - 02:55
07. Georges Delerue - Suite (Le Roi de Couer) - 07:24
08. Georges Delerue - Tendre Marie-Charlotte (L'Incorrigible) - 02:23
09. Georges Delerue - Jeanne (Le Diable par la Queue) - 03:20
10. Georges Delerue - Générique début (Le Conformiste) - 02:45
11. Georges Delerue - The Garden (Our Mother's House) - 03:34
12. Georges Delerue - Main Title (The Horseman) - 02:57
13. Georges Delerue - Deportation Of The Jews (The 25th Hour) - 02:46
14. Georges Delerue - Statues (Le Testament de l'ile de Pâques) - 03:02
15. Georges Delerue - Police Python 357 (Police Python 357) - 03:16
16. Georges Delerue - Ouverture (Le Nil) - 04:51
17. Georges Delerue - Jamais plus Toujours (Jamais plus Toujours) - 03:17
18. Georges Delerue - Ouverture (L'Africain) - 03:41
19. Georges Delerue - Adolescence (Paul et Virginie) - 04:46
20. Georges Delerue - La séparation (Josepha) - 02:20
21. Georges Delerue - Silence (A Little Sex) - 04:30
22. Georges Delerue - Cécile (Femmes de Personne) - 03:03
23. Georges Delerue - A New Birth (Regarding Henry - Unused Score) - 05:22
24. Georges Delerue - Agnes And Seagulls (Rapture) - 02:08
25. Georges Delerue - Airport Farewell/End Title (An Almost Perfect Affair) - 03:15
26. Georges Delerue - Une Femme Seule avec un Enfant (La Passante du Sans-Souci) - 02:17
27. Georges Delerue - Hymne à la Liberté (La Revolution Française) - 03:54
28. Georges Delerue - Finale And End Credits (The Black Stallion Returns) - 07:50

Playlist #212 vom 16.04.2017 
01. Georges Delerue - Theme (Platoon) - 06:54
02. Georges Delerue - Final Theme (Georg Elser - Einer aus Deutschland) - 04:04
03. Georges Delerue - Suite (Rich And Famous) - 04:54
04. Georges Delerue - Le tour de monde (Les Visiteurs) - 02:41
05. Georges Delerue - Friendship (Beaches) - 03:27
06. Georges Delerue - Emily and Cochran (The House on Carroll Street) - 02:45
07. Georges Delerue - Main Title (Biloxi Blues) - 02:32
08. Georges Delerue - The Barracks (True Confessions) - 03:14
09. Georges Delerue - Libera Me (Black Robe) - 05:02
10. Georges Delerue - Theme (Interlude) - 03:21
11. Georges Delerue - Symphonic Suite for Chorus and Orchestra - Part II.6 (Agnes Of God) - 03:28
12. Georges Delerue - Theme (Man Woman and Child) - 03:19
13. Georges Delerue - You'll Live Forever (Something Wicked This Way Comes - Unused Score)) - 03:09
14. Georges Delerue - Making Love (Exposed) - 02:30
15. Georges Delerue - New York (The Pick-Up Artist) - 05:22
16. Georges Delerue - Brain Cloud (Joe Versus The Volcano) - 03:04
17. Georges Delerue - Confrontation (Memories Of Me) - 03:03
18. Georges Delerue - Old Letters (Queenie) - 04:47
19. Georges Delerue - Wild Source (Her Alibi) - 03:01
20. Georges Delerue - Return To The Hill (A Summer Story) - 03:26
21. Georges Delerue - Good News, Bad News (Steel Magnolias) - 03:59
22. Georges Delerue - Nocturne (The Day Of The Dolphin) - 03:18
23. Georges Delerue - Love Theme (Silkwood) - 03:20
24. Georges Delerue - Stop Thinking About Her (Rich In Love) - 03:53
25. Georges Delerue - End Title (Crimes Of The Heart) - 04:30
26. Georges Delerue - La Melancolie (Comme un Boomerang) - 03:57
27. Georges Delerue - Cesare and Lucrezia, a Reconciliation (The Borgias) - 03:49
28. Georges Delerue - End Title (Julia) - 02:54
29. Georges Delerue - Le Marchand de Quenouilles (La Cinéscénie du Puy du Fou) - 02:34
30. Georges Delerue - Main Title Theme (Twins) - 03:00
31. Georges Delerue - Concerto De L'Adieu (Diên Biên Phú) - 09:50

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