Starke Soundtracks

Montag, 23. Oktober 2017

Filmkonzerte und Filmgespräche beim 31. Braunschweig International Film Festival

Seit einigen Jahren schon gehört der Schwerpunkt Filmmusik zu den Höhepunkten von Niedersachsens größten Filmfestival. Nachdem in der Vergangenheit namhafte Komponisten wie Craig Armstrong („World Trade Center“, „Der Knochenjäger“), Shigeru Umebayashi („The Grandmaster“, „House of Flying Daggers“), Michael Nyman („Gattaca“, „Das Piano“) und Patrick Doyle („Thor“, „Needful Things – In einer kleinen Stadt“) zu Gast in Braunschweig waren, wurde das diesjährige, mittlerweile 31. Braunschweig International Film Festival in der Stadthalle am 17.10.2017 mit „Matrix Live. Film in Concert“ eröffnet, das der amerikanische Komponist Don Davis selbst dirigierte.

Don Davis dirigiert das Staatsorchester Braunschweig (Quelle: Filmfest Braunschweig)
Mit dem Science-Fiction-Film „Matrix“ kam 1999 ein visionäres Meisterwerk der Wachowski-Geschwister in die Kinos, das mit seinen visionären Bildern, den atemberaubenden Special-Effects und der komplexen Story mit ihren philosophischen, religiösen und politischen Bezügen die Filmwelt nachhaltig prägen sollte und immerhin mit vier Oscars ausgezeichnet worden ist.
Ebenso beeindruckend ist die Musik von Don Davis ausgefallen, der zuvor mit den Wachowskis bereits den Psycho-Thriller „Bound – Gefesselt“ (1996) realisiert hatte und für „Matrix“ einen komplexen Score kreierte, der vor allem die große Verunsicherung des Computer-Spezialisten Neo (Keanu Reeves) reflektiert, die er angesichts der Erkenntnis empfindet, dass sich sein Leben bislang in einer programmierten Matrix und nicht in der Realität abgespielt hat.
Das Staatsorchester Braunschweig präsentierte mit Dirigent Don Davis die komplexe, polytonale, oft dissonante, dann wieder mit einer Solo-Sopran-Stimme aufgelockerte Komposition live zu einer speziell präparierten Filmversion und sorgte für einhellige Begeisterung beim Publikum, das auf die Darbietung mit Standing Ovations reagierte.
Tags darauf stand Don Davis im LOT-Theater zum Filmgespräch zur Verfügung, wo er mit Moderator Matthias Hornschuh vor allem über die besonderen Herausforderungen und kreativen Prozesse sprach, die die Arbeit an „Matrix“ mitbrachten. Das interessierte Publikum erfuhr, dass Davis zwei Minuten Musik pro Tag an dem Score arbeitete, dessen Umsetzung das Orchester vor große Herausforderungen stellte. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass der Score immer wieder neue Extreme erreichte, um diese nachfolgend noch weiter auszuloten, was – wie der Komponist erklärte – vor allem der Kombination mit dem Special-Effects-Team geschuldet war, mit dessen Soundgewittern Don Davis mit seiner Komposition zwangsläufig Schritt halten musste.
Auf meine Frage, warum Don Davis außer der „Matrix“-Trilogie nicht die Möglichkeit bekam, weitere so außergewöhnliche Projekte zu realisieren, meinte er, dass er zum einen kein Verkäufer-Typ sei, der bei den Studios Klinkenputzen gehen würde. Zum anderen würden in Hollywood heutzutage nicht mehr solche Filme mit derart hohem Dialog-Anteil gemacht.
Ähnlich aufschlussreich erwies sich ein weiteres Filmgespräch mit Konzert, das am 19.10. in den Schloss-Arkaden stattfand, diesmal mit dem polnischen Oscar-Preisträger Jan A.P. Kaczmarek („Wenn Träume fliegen lernen“).
 Matthias Hornschuh präsentierte ausgewählte Clips u.a. aus den Filmen „Untreu“, „Hachiko“ und „Wenn Träume fliegen lernen“, um mit Kaczmarek die Funktion der Musik zu erläutern, die eng mit den Figuren und dem Setting verbunden ist, die augenblickliche Emotionen reflektiert, aber auch zukünftige Entwicklungen vorwegnimmt.
Besonders herausfordernd erwies sich der Score zu „Wenn Träume fliegen lernen“, den beispielsweise der verstorbene James Horner für ein symbolisches Honorar von einem Dollar gern realisiert hätte. Es war der erste Score für Kaczmarek, bei dem er für Kinderfiguren komponieren musste.
Zwischenzeitlich spielte ein sechsköpfiges Streicher-Ensemble und eine Pianistin des Staatsorchesters Braunschweig verschiedene Cues aus den Scores von „Quo Vadis“, „Untreu“, „Hachiko“ und „Spuren eines Lebens“. Kaczmarek zeigte sich nicht nur von den reduzierten Arrangements seiner Musik durch das Ensemble angetan, sondern auch von der Location selbst, die sonst von geschäftigem Treiben geprägt ist und nun einen Ort der künstlerischen Begegnung darstellte.
Thematisiert wurde die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Adrian Lyne (der nach seinem Flop mit „Jacob’s Ladder“ unter großem Erfolgsdruck stand, was auch Kaczmarek bei der Umsetzung seiner Musik leidvoll erfahren musste) und Lasse Halmström, der bei „Chocolat“ noch acht Komponisten verschlissen hatte, bevor er wieder zur ursprünglichen Wahl, Rachel Portman zurückkehrte, Kaczmareks Musik zu „Hachiko“ aber nahezu unkommentiert so übernahm, wie der Komponist sie abgeliefert hat.
Abgerundet wurde der Themenkomplex Musik & Film mit den Filmkonzerten von „Luther“ und „Evelyn“. Zu dem 1928 von Hans Kyser inszenierten Stummfilm „Luther“ komponierte der Pianist Stephan Graf von Bothmer eine Musik, „welche die erhabenen Szenen strahlen lässt, aber auch die tiefen Momente auslotet und deutschtümelnde Stellen entlarvt“ (aus dem Festivalkatalog, S. 71). Und die spanische Gitarristin und Komponistin Imma Galiot vertonte mit ihrem Ensemble La Rosa Negra die Graphic Novel „Evelyn“ von Andrés G. Leiva, die von Anna Levinson 2016 verfilmt worden ist.

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