Starke Soundtracks

Dienstag, 10. Juli 2018

Playlist #245 vom 22.07.2018 - JOHN POWELL Special

Seit John Powell die Musik zu John Woos Psycho-Thriller „Face/Off“ komponiert hatte, legte der britische Komponist eine von Hans Zimmer geförderte Bilderbuchkarriere in Hollywood hin, zu deren Meilensteinen u.a. die Musik zu den „Bourne“-Action-Thrillern, zu Animations-Filmreihen wie „Ice Age“, „Shrek“, „Kung Fu Panda“ und „Rio“, schließlich auch zu romantischen Komödien wie „Auf die stürmische Art“, „P.S. Ich liebe dich“ oder „Ein Chef zum Verlieben“ zählen. Zuletzt arbeitete er an dem „Star Wars“-Spin-Off „Solo: A Star Wars Story“ und veröffentlichte „Hubris: Choral Works“, das den Komponisten von einer sehr persönlichen Seite präsentiert.

Powell wurde am 18. September 1963 im britischen East Sussex geboren und bekam im Alter von sieben Jahren eine Violine in die Hand gedrückt. Sein Vater, der Tuba im Royal Philharmonic Orchestra spielte, ermutigte seinen Jungen allerdings früh dazu, Komponist und nicht Spieler zu werden. Bis in seine Teen-Jahre hinein interessierte sich der junge Powell nur für klassische Musik, ging aber selten ins Kino. Stattdessen wurde er im Fernsehen von der Filmmusik zu „Gesprengte Ketten“ und „Die glorreichen Sieben“ sowie die Cartoons von „Tom & Jerry“ inspiriert.
Später studierte Powell am Trinity College of Music in London und spielte Keyboards in einer Soul-Band. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst im Studio von Sir George Martin und wollte eigentlich klassische Konzertmusik komponieren, doch als er feststellen musste, dass er davon nicht leben konnte, verdiente Powell fortan sein Geld mit dem Komponieren von Werbe-Jingles bei Air Edel, wo zuvor schon Hans Zimmer gearbeitet hatte.
Powell interessierte sich vor allem für die technischen Möglichkeiten der Produktion und erweckte so das Interesse von Hans Zimmer, bekam einen Job bei einem Komponisten, der für Zimmer als Ghostwriter arbeitete. 1996 zog John Powell nach Los Angeles um, weil es in England nicht genügend Arbeit für ihn gab, die ihn interessierte. Schon nach einer Woche erhielt Powell einen Anruf von Zimmer. Nachdem er in England 1993 an der Fernsehserie „Stay Lucky“ gearbeitet hatte, durfte er 1996 in seiner neuen Wahlheimat eine Folge der amerikanischen Cop-Drama-Serie „High Incident“ vertonen, ehe er seinen internationalen Einstand mit der Musik zu John Woos „Face/Off“ mit Nicolas Cage und John Travolta in den Hauptrollen feierte.
Wie so häufig war Hans Zimmer, der mit John Woo zuvor an „Operation Broken Arrow“ gearbeitet hatte, für „Face/Off“ nicht verfügbar, aber er machte sich für Powell stark und sorgte dafür, dass er den Job bekam.
„Damals wollten sie, dass alles von Media Ventures einen ähnlichen Klang hat, d.h. wenn man einen dieser Aufträge ergattert, fragt man: Wollt ihr mich oder wollt ihr Hans? Am Anfang war es immer so, dass sie Hans wollten, ihn aber nicht kriegen konnten und deshalb jemanden suchten, der praktisch genauso klang“, blickt Powell im Interview mit Den of Geek! zurück. „Und wir hatten alle die gleiche Ausrüstung, die gleichen Geräusche, die gleichen Master und die Vorgabe, nicht dahin zu gehen, sondern dorthin. Wir klangen deshalb alle mehr oder weniger wie er. Irgendwann wird das natürlich zu einer wirtschaftlichen Frage, weil man irgendwann sagt, nein, ich möchte das nicht machen. Ich habe meine eigene Stimme und die wird für euch funktionieren. Und wenn dem wirklich so ist, ist es toll. Wenn nicht, wird man wegen sowas vermutlich gefeuert werden. Bei seinem ersten Auftrag ist man also noch allzu bereit, sich darauf einzulassen, aber ich finde, selbst aus Im Körper des Feindes bin ich ein Stück weit herauszuhören.“
In der Folge arbeitete Powell mit Hans Zimmer an „The Road To El Dorado“ und mit Harry Gregson-Williams an „Chicken Run“, worauf – teils wiederum mit Zimmer oder Gregson-Williams - viele weitere DreamWorks-Produktionen wie „Drachenzähmen leicht gemacht “, „Kung Fu Panda“ und „Shrek“ folgten. Er wurde Mitglied in Zimmers Remote Control Productions und arbeitete immer wieder mit verschiedenen Komponisten der Talentschmiede zusammen.
Seine kraftvolle, perkussive und doch minimalistische Musik zu Doug Limans „Die Bourne Identität“ (2002) eröffnete Powell neue Möglichkeiten in Hollywood, weil er als eigenständiger Komponist wahrgenommen wurde, der eben nicht wie Hans Zimmer klingt. Dabei hatte er das Glück, dass Carter Burwell, der seine Musik zu dem Film bereits mit einem Orchester aufgenommen hatte, nicht das lieferte, was den Filmemachern vorschwebte, so dass John Powell ins Spiel kam.
„Sie hatten schon Geld für ein großes Orchester ausgegeben, und der Soundtrack war gut. Er war nur nicht das, was Doug erwartet hatte. Er wollte etwas, das er noch nicht gehört hatte. Jeder andere machte es groß, also entschied ich mich, es klein zu halten“, erinnerte sich Powell im Interview mit Independent. „Aus Budget-Gründen startete mein Score ganz ohne Orchester. Wir fügten zum Schluss noch ein paar Streicher dazu, um ihm ein cinematisches Gefühl zu verleihen. Alles war irgendwie wie ein Unfall.“
Zwar folgten nach dem ersten „Bourne“-Abenteuer weitere Action-Filme wie „The Italian Job“ (2003), „Mr. & Mrs. Smith“ (2005) und „Green Zone“ (2010), aber vor allem im Animationsfilm-Genre heimste Powell in den vergangenen Jahren viele Lorbeeren ein, erhielt für seine Musik zu „Drachenzähmen leicht gemacht“ sogar eine Oscar-Nominierung.
Doch gerade im Animations-Bereich stellt die Arbeit für den Komponisten eine immense Herausforderung dar.
„Ich habe gegenüber den Regisseuren immer mal wieder den Witz gebracht, welche Nummer von Carl Stalling sie gerade haben wollen, also wie irre das Ganze gerade klingen soll. Bei einigen ,Ice Age‘-Teilen bin ich bis zur Spitze der Skala gegangen, und ich hoffe, die Musik hat funktioniert. Am unteren Ende der Skala findet sich dann so etwas wie Thomas Newmans ,Findet Nemo‘, der genau diesen Irrsinn kaum mitmacht, sondern sehr elegant gestaltet ist“, meint Powell im Interview mit Den of Geek!. „Die Frage ist immer, ob man es mit Charme versucht und es dem Publikum erlaubt, entspannt zu bleiben, oder ob man den Comedy-Faktor aufgreift und auf die Spitze treibt. Ich kämpfe bei jedem Film in jeder Szene mit dieser Frage. Eine absolute Antwort darauf gibt es nicht. Bei einigen Filmen habe ich das Gefühl, dass die Musik übertrieben ist und mich wahnsinnig macht. Das ist dann, wie ich es nenne, übermoduliert. Bei animierten Filmen kommt dazu, dass der Temp-Score sehr früh eingesetzt wird, nämlich schon, bevor der Film überhaupt gemacht wird. Sie schneiden die Storyboards auf Basis des Temp-Scores zusammen. Das kann schon drei Jahre vor dem Kinostart passieren. Sie schneiden die Storyboards, bauen Temp-Stimmen von Temp-Schauspielern ein, von Mitarbeitern oder auch vom Regisseur. Dann nehmen sie die fertigen Stimmen auf, und dann wird der Film produziert. Aber am Anfang arbeiten sie eben nur mit diesen zusammengeschnittenen Storyboards, weil solche Filme generell nicht leicht zu handlen sind, weshalb sie so früh wie möglich eine frühe Fassung davon sehen wollen, um zu wissen, ob die Geschichte in die richtige Richtung geht. Da kommt dann die Temp-Musik ins Spiel, und die ist häufig sehr übertrieben, weil ja deutlich werden soll, was in den Zeichnungen geschieht.
Wenn die endgültigen Schauspieler ihren Teil beigetragen haben, muss die Musik dann nicht mehr ganz so übertrieben sein, vor allem, wenn es um Musik geht, die einem quasi das Gefühl, das man gerade empfinden soll, mit dem Holzhammer verabreicht.
Es nervt einfach, wenn einem Gefühle aufgezwungen werden. Wenn etwas nicht witzig ist und die Musik es witzig zu machen versucht, merken die Leute das doch. Und ja, ich bin mir sicher, dass auch ich das hier und da mache, also sowohl zu übertreiben, als auch mich zu sehr zurückzuhalten.“
Abseits der Filmmusik, für die Powell schon etliche Auszeichnungen erhalten hat, veröffentlichte er nun mit „Hubris: Choral Works“ ein Album, das verschiedene Stücke mit choraler Musik vereint. „Musik zu schreiben ist etwas, aus dem ich Freude gewinne, und ich möchte damit weitermachen. Es ist interessant, Musik zu schreiben, die nichts mit den Erfordernissen zu tun hat, die mit den Geschichten anderer Menschen zusammenhängen“, erzählte Powell im Interview mit Den of Geek!. „,A Prussian Requiem‘ ist meine eigene persönliche Auseinandersetzung mit dem, was während des Ersten Weltkriegs geschah, damit, was zwischen Menschen passieren kann, die das ganze 20. Jahrhundert zerstören. ‚The Prize Is Still Mine‘ thematisiert die Sklaverei in Afrika und wie sie nach Amerika kam. Es ist eine seltsame Mischung aus musikalischen Stilen, die ich liebe, Orchester und Gospel. Ich habe Gospel Musik immer geliebt. Am Ende hört es sich wie Gospel Music von Vaughn Williams an. Das letzte Stück auf dem Album, ‚Requiem Addendum‘, stellt eine Reflexion meiner Erfahrungen dar, die ich beim Schreiben von ‚A Prussian Requiem‘ hatte, und wurde letztlich ein Requiem für meine Frau. ‚A Prussian Requiem‘ wurde im März 2016 aufgeführt und endete zwei Stunden, bevor sie starb. Das letzte Stück fungiert als Kommentar zu den Erfahrungen und meinen Gefühlen bezüglich der bizarren Natur, das zu tun. Wenn es die Menschen interessiert, werde ich weiterschreiben. Ich versuche einen Weg herauszufinden, Musik zu schreiben, die die Menschen interessiert oder nicht. Ich bin glücklich, dass ich das machen kann, also sollte ich es weiter versuchen. Ich habe an über fünfzig Filmen gearbeitet, und es wird schwierig, sich nicht selbst zu wiederholen. Dieses Album ist eine Möglichkeit, mich von so vielen Gewohnheiten zu befreien, in die ich verfallen bin. Allerdings kann ich einige Gewohnheiten nicht ablegen, weil sie ein fester Bestandteil von mir sind.“

Filmographie:
1993: Stay Lucky (TV-Serie)
1994: Les escarpins sauvages (Kurzfilm)
1996: High Incident (Fernsehserie)
1997: Im Körper des Feindes (Face/Off)
1998: Die menschliche Bombe (Human Bomb, Fernsehfilm) 
1998: With Friends Like These
1998: Antz (mit Harry Gregson-Williams)
1999: Endurance
1999: Auf die stürmische Art (Forces of Nature)
1999: Der Chill Faktor (Chill Factor) (mit Hans Zimmer)
2000: Der Weg nach El Dorado (The Road to El Dorado) (mit Hans Zimmer)
2000: Chicken Run – Hennen rennen (Chicken Run) (mit Harry Gregson-Williams)
2001: Just Visiting
2001: Shrek – Der tollkühne Held (Shrek) (mit Harry Gregson-Williams)
2001: Evolution
2001: Rat Race – Der nackte Wahnsinn (Rat Race)
2001: Ich bin Sam (I Am Sam)
 2002: D-Tox – Im Auge der Angst (D-Tox Eye – See You)
2002: Die Bourne Identität (The Bourne Identity)
2002: Drumline
2002: Pluto Nash – Im Kampf gegen die Mondmafia (The Adventures of Pluto Nash)
2002: Ein Chef zum Verlieben (Two Weeks Notice)
2003: Stealing Sinatra
2003: Agent Cody Banks
2003: Ein ungleiches Paar (The In-Laws)
2003: The Italian Job – Jagd auf Millionen (The Italian Job)
2003: Liebe mit Risiko – Gigli (Gigli)
2003: Paycheck – Die Abrechnung (Paycheck)
2004: Die Bourne Verschwörung (The Bourne Supremacy)
2004: Alfie
2004: Mr. 3000
2005: Miss Undercover 2 (Miss Congeniality 2)
2005: Robots
2005: Be Cool – Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten großen Hit (Be Cool)
2005: Mr. & Mrs. Smith
2006: Ice Age 2 – Jetzt taut’s (Ice Age: The Meltdown)
2006: X-Men: Der letzte Widerstand (X-Men: The Last Stand)
2006: Flug 93 (United 93)
2006: Happy Feet
2007: Das Bourne Ultimatum (The Bourne Ultimatum)
2007: P.S. Ich liebe Dich (P.S. I Love You)
2008: Jumper
2008: Horton hört ein Hu! (Horton Hears a Who!)
2008: Kung Fu Panda (zusammen mit Hans Zimmer)
2008: Stop-Loss
2008: Hancock
2008: Bolt – Ein Hund für alle Fälle (Bolt)
2009: Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los (Ice Age: Dawn of the Dinosaurs)
2010: Green Zone
2010: Drachenzähmen leicht gemacht (How to Train Your Dragon)
2010: Knight and Day
2010: Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit (Fair Game)
2011: Rio
2011: Milo und Mars (Mars Needs Moms)
2011: Kung Fu Panda 2 (zusammen mit Hans Zimmer)
2011: Happy Feet 2
2012: Der Lorax (The Lorax)
2012: Ice Age 4 – Voll verschoben (Ice Age: Continental Drift)
2014: Rio 2 – Dschungelfieber (Rio 2)
2014: Drachenzähmen leicht gemacht 2 (How to Train Your Dragon 2)
2015: Pan
2016: Jason Bourne
2017: Ferdinand – Geht STIERisch ab! (Ferdinand)
2018: Solo: A Star Wars Story
2018: Hubris: Choral Works
Playlist:
01. John Powell - Chicken In The Pot (Solo - A Star Wars Story) - 02:07
02. John Powell - Setting A Bomb (Face/Off) - 05:17
03. John Powell - Realm (Human Bomb) - 02:57
04. John Powell - On Bridge Number 9 (The Bourne Identity) - 03:41
05. John Powell - Gathering Intel (Fair Game) - 03:05
06. John Powell - Venice Gold Heist (The Italian Job) - 04:39
07. John Powell - Main Title (Paycheck) - 03:10
08. John Powell - Train Station (Robots) - 03:50
09. John Powell - Mars Observers (Mars Needs Moms) - 03:28
10. John Powell - Forbidden Friendship (How To Train Your Dragon) - 04:10
11. John Powell & Hans Zimmer - Ancient China/Story Of Chen (Kung Fu Panda 2) - 02:43
12. John Powell - Herd Reunion (Ice Ace: Continental Drift) - 03:08
13. John Powell - Cool Cool Chill (Be Cool) - 03:56
14. John Powell - Shopping Spree (Mr. & Mrs. Smith) - 04:19
15. John Powell - At The Airport (Knight And Day) - 04:42
16. John Powell - Questions (Green Zone) - 03:26
17. John Powell - To The Roof (The Bourne Supremacy) - 05:32
18. John Powell - Tangiers Chase (The Bourne Ultimatum) - 07:40
19. John Powell - Murmurs of Love and Death (Pan) - 03:30
20. John Powell - Valka's Dragon Sanctuary (How To Train Your Dragon 2) - 03:17
21. John Powell - House On Wheels (Bolt) - 03:10
22. John Powell - Getting Therapy (Hancock) - 02:18
23. John Powell - Starbucks & Hospital (I Am Sam) - 05:04
24. John Powell - Make Up Kisses (P.S. I Love You) - 03:00
25. John Powell - George's Speech (Two Weeks Notice) - 02:44
26. John Powell - Requiem Addendum (Hubris) - 07:26
27. John Powell - Dedication (United 93) - 03:51
28. John Powell - The Greatest Tragedy (Stop-Loss) - 07:29

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